Fernsehpreis"Prototyp des Spiels mit dem Spiel"

Die noch von Dirk Bach moderierte sechste Staffel des "Dschungelcamps" ist für den Grimme-Preis nominiert. Grimme-Direktor Uwe Kammann erklärt die Adelung des Spektakels. von Steffi Fetz

Der verstorbene Comedian Dirk Bach moderierte die sechste Staffel der Serie "Ich bin ein Star – holt mich hier raus!".

Der verstorbene Comedian Dirk Bach moderierte die sechste Staffel der Serie "Ich bin ein Star – holt mich hier raus!".  |  © dpa

ZEIT Online: Herr Kammann, die sechste Staffel der RTL-Show Ich bin ein Star – holt mich hier raus! wurde für einen Grimme-Preis in der Kategorie Unterhaltung nominiert. Warum?

Uwe Kammann: Das Dschungelcamp ist ein gruppenpsychologisches Experiment, spannend bis zum Ende, weil es immer überraschend bleibt. Es gibt viele ironische Brechungen in den Moderationen und ausgefeilte Inszenierungen. Die Kamerafahrten, das gesamte Set und die Improvisationen gelingen. Vielleicht ist das Dschungelcamp die letzte Möglichkeit des Lagerfeuerfernsehens, so wie es sonst nur noch Wetten, dass bieten kann. In der Summe ist es eine besondere Unterhaltung.

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ZEIT Online: Ist die Basis dieser Unterhaltung nicht der blanke Voyeurismus?

Kammann: Alle beteiligten Akteure wissen spätestens seit der dritten Staffel, auf was sie sich einlassen. Es gibt klare Spielregeln. Die Protagonisten haben die unterschiedlichsten Motive, bei der Show mitzumachen, ob das jetzt ein Karriereauftrieb ist oder etwas anderes. Aber auch die Beteiligten haben danach die Produktion und das Moderatorenduo gelobt.

ZEIT Online: Nominiert wurde die sechste Staffel, in der Dirk Bach noch moderiert hat – eine Reminiszenz?

Kammann: Nein, das war ausdrücklich nicht beabsichtigt. Aber Dirk Bach hat die Sendung als Prototyp des Spiels mit dem Spiel mitgeprägt. Viele seiner besonderen Eigenschaften, seine markanten Moderationen wurden leider erst sehr spät entdeckt. Früher war er eben nur als absolute Ulknudel bekannt.

ZEIT Online: Wieso jetzt? Ist das Dschungelcamp mittlerweile gesellschaftsfähig und deshalb nun erst nominiert?

Kammann: Anfangs galt die Show als prollig und ekelerregend. Man musste sich erst daran gewöhnen, weil es so etwas bisher nicht gab. Das hat sich jetzt gelegt. So war es bei vielen anderen kultigen Fernsehserien im Übrigen auch, Dallas wurde zum Beispiel früher verachtet. Mittlerweile ist es Konsens, dass man das Dschungelcamp gucken kann. Es ist aber auch ein ausgesprochenes Medienspektakel. Das gesamte deutsche Feuilleton spielt die Szenen nach. Ein Zirkusphänomen.

ZEIT Online: Ich bin ein Star – holt mich hier raus! ist ein internationales Format. Abwechselnd schicken verschiedene Länder ihre Protagonisten ins australische Outback. Würde das Grimme-Institut damit nicht nur den Lizenzgeber würdigen?

Kammann: Es ist eine Unterhaltungsreihe mit spezifisch deutschen Ingredienzien, von der Moderation bis zu den Protagonisten. Generell wird in der Unterhaltung vieles adaptiert. Wichtig ist uns aber, wie es gemacht wird. Stromberg basiert auch auf der britischen Serie The Office, ist meiner Meinung nach aber viel besser als das Original.

ZEIT Online: Sie sagten, dass bei den Nominierungen in der Kategorie einiges dabei ist, was "gegen den Strich gebürstet ist". Hat das deutsche Fernsehen denn nichts Besseres zu bieten?

Kammann: Das Dschungelcamp ist in seiner Form schon etwas Besonderes. In der Kommission wurde die Nominierung einstimmig beschlossen. Die Mitglieder wollen damit in der Endjury ja auch einen Diskurs anstoßen. Wo wird mit den Konventionen gespielt? Und da hat das Dschungelcamp sicherlich einige Eigenschaften in der gesamten Produktionsgestaltung, die eine gute Unterhaltungssendung ausmachen.
 

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Leserkommentare
  1. dass das Institut "durch das Land Nordrhein-Westfalen und die Stadt Marl gefördert", will heißen: mit eher mehr als weniger Steuermitteln am Leben erhalten wird.

    Da sollten NRW und Marl jetzt aber mal kritisch drüber nachdenken.

    4 Leserempfehlungen
  2. Es ist also Zeit, meine Ansicht zu verändern, dass "Grimme-Preis" immer etwas mit Qualität und Anspruch zu tun hat.

    "Kammann: Anfangs galt die Show als prollig und ekelerregend. Man musste sich erst daran gewöhnen, weil es so etwas bisher nicht gab."

    Eine gewisse Gewöhnung tritt immer ein, man könnte das jedoch auch Abstumpfung nennen. Ich finde diese Show abstoßend, auch wenn sie leider mehr im Mainstream anzukommen scheint. Dass sich Millionen von Zuschauern daran delektieren, wie andere Menschen in einer Art Gaffer-Zoo erniedrigt und zu ekelerregenden Tätigkeiten gezwungen werden, sagt eine Menge über den Zustand unserer Gesellschaft aus.

    Man kann das auch anders sehen als Herr Kammann, der unten verlinkte Beitrag stellt interessante Parallelen zu den Marathon-Tanzwettbewerben der 20er Jahre des vorogen Jahrhunderts her, kurz vor dem Aufkommen der Nationalsozialisten. http://www.heise.de/tp/ar...

    Zitat aus dem Beitrag: "Menschen, die von der kriselnden Kapitalverwertung zu Objekten gemacht und ausgepresst werden, ergötzen sich daran, andere zu Objekten degradiert zu sehen. Der angestaute Druck muss weitergeleitet werden, weswegen das Publikum es liebe, "arme Hunde so zu hetzen, wie es die Reichen mit einem selber tun" (Bloch)."

    7 Leserempfehlungen
  3. Da fehlen einem die Worte!!!

    Gibt es denn in der deutschen Medienlandschaft nichts mehr anspruchsvolles was man auszeichnen kann? Ist es wirklich schon so schlimm,dass man auf solchen sinnentleerten Stumpfsinn und Voyerismus zurückgreifen muss? Da kann einem wirklich vor der Zukunft grauen.

    Die Begründung des Jurors ist für mich einfach nicht nach zu vollziehen. Ein Schlag in das Gesicht eines jeden Preisträgers, der den Preis schon bekommen hat. Vielleicht geben ihn ja einige auch aus Protest zurück oder nehmen ihn in Zunkunft garnicht erst an (Siehe Vergabe Henry Nannen Preis an die SZ).

    2 Leserempfehlungen
    • Panic
    • 30. Januar 2013 3:22 Uhr

    Gegen Stromberg ist "The Office" wirklich boring. Da hat Kammann recht. Aber das Camp nominiert? Damit disqualifiziert sich der Grimme.

    cheers

  4. Also ich denke nicht, dass bis zu 7 Mio. Zuseher sich das Dschungelcamp ansehen, um zum X. mal weitgehend unbekannten "Promis" beim Spermaschlucken oder Hodenessen zuzugucken.

    Ich für meinen Teil, erfreue mich jedenfalls gerne an den hervorragenden Textvorlagen, witzigen Anmoderationen und kurzweiligen Zusammenschnitten der Vorkommnisse im Camp.

  5. Ich Laie dachte der Grimme-Preis ist für anspruchsvolles TV und wird dementsprechend an wirkliche Kunst und Unterhaltung vergeben.Das Millionen diese "Sendung" anschauen, sagt doch nichts über die Qualität aus, sondern vielmehr über den geistigen Verfall unserer Gesellschaft.Auch Herr Barth füllt die Stadien.Bin gespannt wie ernsthafte Künstler die diesen Preis erhielten reagieren.

    5 Leserempfehlungen
  6. ... dafür steht also der Grimme Preis?!
    Das zeigt mal wieder, wieviel Wert die vorher ausgezeichneten haben!

    2 Leserempfehlungen
  7. Also, erstens ist er ja noch nicht an das Format Dschungelcamp gegangen, es ist ja bloß nominiert. Und man braucht schließlich auch Verlierer.

    Nun, und der Grimme Preis... in 2011 fiel mir mal auf, dass ein Format den Preis bekam, welches ein Jurymitglied selber moderierte. Auf meine Anfrage, wie das denn sein könne erntete ich Stillschweigen.

    Eine Leserempfehlung

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Dirk Bach | Dschungelcamp | Fernsehserie | Grimme-Preis | Outback | Show
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