Es ist ein Film der starken Frauen. Frauen bekämpfen Kindermissbrauch, von dem Männer profitieren. Die Berliner LKA-Beamtin Karin Wegemann (Nadja Uhl) umkreist ein Netzwerk der pädophilen Dienstleistung, zum erfolgreichen Zugriff braucht sie die Staatsanwältin Dorothee Lessing (Senta Berger). Lessing steht kurz vor ihrer Pensionierung, Vorgänge werden Akten, Akten sind geduldig. Wegemann ist das nicht. Sie fahndet, fordert, sie entdeckt, dass Lessings guter Freund, der Richter Hans Neidhart (Hans Uwe Bauer), Kunde in einem Club für Singles ist, der Tarnung für ein Kinderbordell ist. Die Staatsanwältin springt aus der Spur und tut Dinge, die sie sich selber wohl nicht zugetraut hätte.

Polizistin Wegemann kennt längst nur noch den Fall, das Verbrechen. Sie will Täter fassen, Opfer schützen. Ihr (Körper-)Einsatz, ihre Hingabe sind grenzenlos. Da wird auch ihr Kollege Uwe Hansen (Anatole Taubmann) von ihr weggestoßen, vielleicht, weil er ein Kerl ist. Kommissarin und Staatsanwältin, das ist das neue Tandem.

Nadja Uhl schnoddert und schlägt sich durch die Fahndung, fast eine Berliner Schimanskin, aber Senta Berger macht das Rennen. Eine feine, nur fast resignierte Beamtin ist ihre Dorothee Lessing, die sich aufrütteln lässt bis zum schmerzhaften Akzeptieren, dass Missbrauch keine weit ferne Angelegenheit ist, weit entfernt von den eigenen, distinguierten Kreisen. Diesen Prozess zeigt die Berger, als würde sie ihn stellvertretend fürs Publikum zeigen wollen. Man muss diese Schauspielerin gesehen haben, um zu begreifen, welche Glaubwürdigkeit, welche Nähe in fiktiven Figuren stecken kann. Nichts gegen die Leistung von Nadja Uhl, doch ihre Karin Wegemann bewegt sich im Radius einer jungen, sehr engagierten Kommissarin. Sie steht auch für die Ohnmacht, wenn die Kombi aus Staatsmacht und Macht der Täter fast jede ihrer Aktionen im Nebel verschwinden lassen.

Nun treibt auch diese Fiktion aus. Sie wird zum Räuber-und-Gendarm-Stoff, hektisch sind die Fahnder, der Film giert manches Mal nach Höhepunkten. Aber: Diese Szenen und Bilder sind deutlich besser zu ertragen als die vornehmlich stummen Sequenzen, wenn die aus Rumänien verschleppten Kinder auf den nächsten Kunden warten, sich umarmen, Hoffnung fassen, enttäuscht werden. Da ist die zehnjährige Fee (Paraschiva Dragus), da ist der Waisenjunge Bran (Adrian Ernst), beide über eine Auktion an den Berliner Kinderhändler Ronnie (Stefan Rudolf) verkauft. Und er gibt sie ins System, denn so funktioniert der Missbrauch: im Netzwerk von Zulieferern, Ausbeutern und Ausgebeuteten.

Der Film von Rainer Kaufmann (Regie) und Philip Koch (Buch) konzentriert sich nicht nur auf den einen Fall. Er wird grundsätzlich, indem er "Marktteilnehmer" auf vielerlei Ebenen ortet, nicht ein Milieu und zwei, drei Täter verhaftet, sondern strukturell denkt.

Der Film scheut für seine Aufklärung zwischen Fassbarem und Unfassbarem keine Mittel. Für das Testat authentischen Geschehens kommt insbesondere in den Momenten der Fahndung die Handkamera zum Einsatz. Wenn Regisseur Kaufmann sagt, sie "sollte den Eindruck erwecken, als sei sie erwartungsvoll, unwissend. Sie erlebt das Geschehen, als würde es sich gerade ereignen. Der Film gewinnt dadurch ein Zittern, eine Ungewissheit", dann, ja dann ist der Zuschauer mittendrin in dieser Atmosphäre des Kampfes zwischen Scheitern und Gelingen. Während der halbwüchsige Bran schon agiert, schreit und sich wehrt, ist Fee weitgehend stumm. Ihr gibt "Operation Zucker" keine fragwürdigen Dialoge, ihr gönnt der Film visuelle Metaphern, die ihr Inneres nach außen "zeigen". Vereister See und zugefrorene Seele korrespondieren, dann wieder, in einer Traumsequenz, greifen Männerhände nach der Zehnjährigen.

Das Thema ist monströs. Kunden kaufen Kinder, um ihre Lust zu befriedigen. Menschen mit Geld kaufen Menschen ohne Geld. Und es vielleicht zynisch gedacht und aufgeschrieben, wie klug der Film daran tut, dass dieser Kreislauf im Finale von Neuem einsetzt. Kinderhandel endet nicht um 21 Uhr 45. "Operation Zucker" ist ein Film der hilflosen Frauen und der wehrlosen Kinder.

Operation Zucker, ARD, 20 Uhr 15 (gekürzte Version), 0 Uhr 20 (komplette Version)

Erschienen im Tagesspiegel