Film "Django Unchained"Die Marke Tarantino verkommt zur Masche
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Ein brillant palavernder Christoph Waltz

Eines Nachts wird Django herausgeholt aus einem Transport gefesselter Sklaven, und zunächst ist er seinem Retter Schultz nur nützlich. Mit Djangos Hilfe will er an drei verbrecherische weiße Brüder herankommen, auf die ein Kopfgeld ausgesetzt ist. Der schwarze Django aber hat nicht nur grundsätzlich, sondern auch sehr persönlich mit den Weißen eine Rechnung offen: Er will seine Frau Broomhilda (Kerry Washington) befreien, die nach der gemeisamen Flucht an Calvin Candie verkauft wurde.

Fein kommen da, verkörpert in den beiden Hauptfiguren, die Zentralmotive Rache und Geld des Italo-Westerns zusammen, den Tarantino zudem mit Titelverweis auf Sergio Corbuccis Klassiker von 1966 zitiert. Also gehen Django und Schultz gemeinsam auf Kopfgeldjagd, bevor sie sich der Befreiung Broomhildas widmen. Mal lustig, mal spannend, mal sehr plakativ romantisch lässt sich Django Unchained abseits der extrem brutalen Szenen so auch glatt als Entertainment mit politischen Überbau lesen. Als der Deutsche dem Amerikaner wegen Broomhilda alias Brünnhilde relativ knapp die Nibelungensage verklickert, wird es sogar ein bisschen erbaulich.

Nur wie steht es um das Prinzip der kompensatorischen Gerechtigkeit via Film, das derzeit vor allem im Vergleich mit Tarantinos Inglourious Basterds (2009) bemüht wird? Brauchen die Afroamerikaner, 150 Jahre nach dem Bürgerkrieg, 50 Jahre nach Black Power und im fünften Amtsjahr eines schwarzen Präsidenten noch jene Katharsis, die der Django-Regisseur in Interviews gern beschwört? Und wie ist, rückwirkend, jene Katharsis zu beurteilen, die die deutschen Kritiker und das Kinopublikum nach Inglourious Basterds so begeistert erfuhren – als Tarantino ein Besatzungskino voller Nazi-Größen genauso vergnügt in die Luft jagte wie jetzt Calvin Candies Südstaaten-Villa?

Eigentümlich: Django Unchained relativiert die Erinnerung an Inglourious Basterds, statt sie zu verstärken. Vor allem, weil sich der neue Film dramaturgisch fast wie ein Aufguss ausnimmt. Wieder tritt Christoph Waltz, wie damals als SS-Standartenführer Hans Landa, nicht nur in der Eröffnungssequenz als gerissener Herr der Lage auf, wieder bereiten überlange, in kultiviertem Ton gehaltene Monologe breit ausgespielte Gewaltakte vor, wieder entsteht ein Tableau unerträglichsten Sadismus, bevor sich endlich Gegenwehr entladen darf. Klar, das ist die Marke Tarantino. Aber hier verkommt sie endlich zur Masche.

Überhaupt braucht es bei diesem Regisseur immer derart absolute Situationsdominatoren. In Django Unchained kommt der Job erst dem wie immer brillant palavernden Christoph Waltz zu, der Jamie Foxx alias Django einweist: "Vermeide hektische Bewegungen und überlass das Reden mir." Bald aber wird Leonardo DiCaprio als in geschliffener Rede mitunter mit Waltz wetteifernder Zampano gebraucht, der urplötzlich in den Brutalo-Jargon zu wechseln weiß. Schließlich Jamie Foxx: Er lässt vor allem die Waffen sprechen. Bei knapp drei Stunden Filmlänge aber gerät der Dauerblick auf solch totale Herren der Lage zu einer auch totalitären Kinoerfahrung.

Leserkommentare
    • Nibbla
    • 15. Januar 2013 13:31 Uhr
  1. ... zu lesen, dass es noch andere gibt, die das so sehen.
    Die Tarantino-Filme sind immer irgendwie gleich und man kann sich schon immer im Voraus denken, was passiert. Endlos lang quälende Szenen, die irgendwelche Nichtigkeiten ausführlichst zeigen immer in Abwechslung gepaart mit reißerischer, brutaler Gewalt möglichst laut, im Großformat und detailgetreu dargestellt.
    Was am Anfang noch neu und spannend war, verkommt zur eintönigen Masche.
    Wenn ich noch an die Anfangsszene von Inglorious Bastards denke, die ewig lange Szene mit Waltz bei den französischen Bauern bis dann doch das passiert, was sich jeder die ganze Zeit denken konnte (natürlich dann wieder schön brutal breitgetreten), gäääähn...

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    ...ich fand besagte Anfangsszene sehr spannend. Ich habe den Eindruck, ihnen gefällt schlicht der Tarantino-Stil nicht. Welche seiner Filme fanden sie denn gut?

    • TDU
    • 15. Januar 2013 13:48 Uhr
    3. Kunst

    "wieder entsteht ein Tableau unerträglichsten Sadismus, bevor sich endlich Gegenwehr entladen darf." Ist halt Kunst, weils Tarantino ist, sonst wärs Splatter, Vorlage zum Amoklauf oder sonst was. Mit der Gewalt in Italo Western nicht zu vergleichen. Da durfte Rächer zwar gewalttätig aber nicht sadistisch daherkommen.

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    • TDU
    • 15. Januar 2013 16:36 Uhr

    Habe den Film noch nicht gesehen.

    Weil der Böse gewalttätig auch manchmal sadistisch war, durfte man eben Gewalt anwenden.

    Tarantino geht weiter. Für ihn ist die Gewalt in jedem. Fast religiös. Doch wo Religion Selbstkasteiung empfiehlt wie z. B. die Opus Dei, ist die Heilung im Anderen.

    Die Rechtfertigung sogar für Sadismus ist das Gute. Das ist neu. War bei Reservoir Dogs der Sadismus der Hilflosigkeit geschuldet, bei American Psycho (Buch) dem Druck der Regelungen bis zu richtigen Kravatte und beim Schwiegen der Lämmer die Geisteskrankheit, ist es hier das Gute was rechtfertigt.

    Selbstgerechtigkeit ist Trumpf. Ich dachte, mir ist die Gewalt zuwider aber das ist das Entscheidende, was die GewaltSache schwer erträglich macht. Die Sebstgerechtigkeit ist schlimm, kommt sie gewalttätig noch schlimmer.

    Es ist keine Masche. Tarantino ist Humanist. Man darf ab jetzt gewalttätig sein, weil man im Besitz des Guten ist.

  2. >> Allerdings braucht es dafür ein gegen Sinnfragen eher robust gepanzertes Gemüt. <<

    ... Tarantinos siebter Film seit Reservoir Dogs - acht Filme in 20 Jahren. Die paar Pausen von der Sinnsuche müssen erlaubt sein ;-)

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    der auf der Suche nach dem Sinn des Lebens ist, bei Tarantino nicht ohnehin "im falschen Film"...???

  3. ... oder trägt auf dem Artikel-Foto Jamie Foxx die alten Klamotten von Dean Martin auf ? Vielleicht ist das auch wieder ein "Zitat" (weswegen sich Tarantino ja als Künstler wähnt - gut geklaut ist besser als schlecht erfunden) ...
    Mich haben seine Gewaltorgien, und seien sie mit "Augenzwinkern" serviert, noch nie interessiert bzw. abgestoßen. Nicht alles was pervers ist, ist auch Kunst.

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    Laut Imdb.com verhält es sich eher so:

    "In the screenplay, Tarantino describes one of Django's outfits as a little like Elvis in Flaming Star and Little Joe Cartwrigth from Bonanza."

    Das passt!

    Ich wußte doch, ich kenne die Klamotten von woher.
    Aber wenn mich nicht alles täuscht, hat sie auch Dean Martin
    getragen (lange vor Bonanza und Landon). Vielleicht in Rio Bravo.
    Jedenfalls sind die Klamotten ein Zitat.
    :-))

  4. Bei hyperbrutalen Szenen, heute leider Qualitätsmerkmal von Filmen, schalte ich ab. Da wird aus ökonomischen Gründen an niedrigste Gefühle appelliert. Klappt, aber mit Kunst hat es nichts mehr zu tun.

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  5. Laut Imdb.com verhält es sich eher so:

    "In the screenplay, Tarantino describes one of Django's outfits as a little like Elvis in Flaming Star and Little Joe Cartwrigth from Bonanza."

    Das passt!

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    Antwort auf "Täusche ich mich ..."

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