Film "Django Unchained"Die Marke Tarantino verkommt zur Masche

Tarantinos "Django Unchained" ist als pures Genrestück gut zu genießen, weil es sich via Humor von seinem finsteren Setting zu distanzieren weiß. Äußerst brutal ist es dennoch. von Jan Schulz-Ojala

Ziemlich still kehrt die Trauergesellschaft zurück in das Herrenhaus von Candyland in Chickasaw County, Mississippi. Da ist die lange schon verwitwete Schwester des soeben verstorbenen "Massa" Calvin Candie (Leonardo DiCaprio). Da sind dessen schwarze Dienerschaft, bestehend aus dem Oberhaussklaven Stephen (Samuel L. Jackson), einer alten Köchin und der jungen Konkubine. Und schließlich Billy Crash (Walton Goggins), ein besonders Fieser unter den weißen Getreuen auf der Baumwollplantage. Die Haustür fliegt auf, und sie stehen mitten in dem grässlich zugerichteten Entree, an dessen hellen Tapeten die Ströme von Blut kaum getrocknet sind, nach jener gewaltigen Schießerei, die mit Calvin Candies Tod begann.

Es ist der Augenblick vor Showdown II in Quentin Tarantinos Django Unchained, und Django (Jamie Foxx) persönlich erwartet, ziemlich überraschend für die kleine Gruppe, die Trauernden am oberen Treppenabsatz. Und der zweifellos grandiose Graus dieser Schlachthaus-Szenerie erinnert plötzlich an jene Erinnerungsflashes, die einen anderen Protagonisten des Films, Dr. King Schultz (Christoph Waltz), kurz vor Showdown I heimsuchten.

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Da funkten, mitten im Dinner-Geplauder, dem Gast Calvin Candies ein paarmal jene Bilder eines Schwarzen dazwischen, den Candie vor seinen Augen von Hunden hatte zerfleischen lassen. Als deutschstämmiger Kopfgeldjäger zwar skrupellos, wenn es um die auftragsgemäße und stets lukrative Liquidierung weißer Viehdiebe und Kutschenausräuber geht, zeigte Schultz da unvermutet ein weiches Herz und drängte auf Freikauf. Sein Partner Django konnte das Calvin Candie gut erklären: "Wissen Sie, Dr. Schultz lebt noch nicht so lange unter Amerikanern."

Ein bisschen mag es einem wie Schultz gehen, wenn mitten in der Besichtigung eines gepflegten Genrefilms – und Django Unchained gehört unbestreitbar dazu – plötzlich die Realität dazwischengrätscht: als sei man statt in der blutüberströmten Herrrenhaus-Halle von Candyland plötzlich in den Räumen der Sandy Hook Elementary School in Newtown gelandet. Ein ganz anderes Blutbad, aber auch eines. Amok eines Einzelnen statt Rache der Schwarzen an ihren weißen Quälern. Aber das gleiche waffenvernarrte, waffenstarrende Amerika. Das Land mit vier Millionen Knarrenverbandsmitgliedern und 30.000 Feuerwaffentoten im Jahr. Das Land, in dessen Filmen immer wieder die Lust am body count regiert und dessen Kino zumindest virtuell längst an den Anblick solcher Massaker gewöhnt hat. Wer als Zuschauer so assoziiert, und sei es für jenen Flash-Augenblick, ist für den Spaß am neuesten Tarantino verloren.


Versuchen wir’s anders. Django Unchained empfiehlt sich als – wenn auch sehr später – Vergangenheitsbewältigungsbeitrag zur amerikanischen Geschichte, als Jubiläumsfilm zum 150. Jahrestag der Abschaffung der Sklaverei, ganz wie Steven Spielbergs Lincoln. Der Film spielt 1858, wenige Jahre vor dem Beginn des Bürgerkriegs, als die Sklaverei in den Südstaaten noch Alltag war. Und er zeigt sie in aller Grausamkeit, mit Auspeitschung, Folter und mörderischen Mandingo-Kämpfen zur Belustigung der weißen Herren. Dass sich für diese Kaminzimmer-Gladiatorenkämpfe der Sklaven offenbar keine historischen Belege finden, muss kein Beweis dafür sein, dass es sie nie gegeben hat.

Leserkommentare
    • Xarx
    • 17. Januar 2013 18:42 Uhr

    Genauso wie die ganzen gewaltverherrlichenden PC-Spiele, ach ja und Sex vor der Ehe natürlich auch!...

    Sämtliche Kommentatoren ,sowie der Autor selbst, die sich dieser Meinung anschließen haben sich offensichtlich nur oberflächlich mit der Thematik befasst.Die Ursache von Amokläufen ist komplex und kann nicht mal so einfach auf Triviallösungen reduziert werden wie "die Killerspiele und die Filme sind schuld".Beispielsweise sind Amokläufe von Schülern ein langwieriger Entwicklungsprozess an dem die Gesellschaft selbst oft nicht unbeteiligt ist.Aber zur Lösung wären dementsprechend anstrengende Diskussionen und Debatten notwendig die alle darin enden würden mehr Geld in Schulen (bei dem Beispiel) zu investieren.Da ist es natürlich viel bequemer die Schuld bei Filmen und PC-Spielen zu suchen.

    Tarantinos Einsatz von Gewalt ist bei seinen Filmen einfach ein Stilmittel.Sie ist im Falle von inglourious basterds gnadenlos überzeichnet, was ebenfalls auf Django unchained zu trifft (die Szenen der Misshandlung der Schwarzen mal außen vor gelassen:die sind ganz sicher untertrieben).Kein Wildwest-Schütze trifft aus der Hüfte so genau, kein damaliger Cold hat soviel Wumms ganze Personen in die Luft zu heben.Es bleibt Geschmackssache ob es einem gefällt oder nicht.
    Man könnte letztendlich aber sagen: wer Tarantino ernst nimmt ist selbst dran Schuld.
    Ach ja schlecht ist mir aber auch geworden:auf der 1.Seite als der Autor versucht eine Analogie zwischen Tarantino und Newtown aufzustellen.

    • Morlaix
    • 17. Januar 2013 19:15 Uhr

    in Tarantinos Filmen sind meines Erachtens meistens sadistischer Natur. Erschreckend finde ich, dass dies offensichtlich von vielen Zuschauern goutiert wird.

    Zieht man die Gewalt ab, bleiben fast immer banale Geschichten übrig. Nicht nur der Regisseur ist öde, seine Filme sind es ebenso.

    2 Leserempfehlungen
    • Mkdrs
    • 17. Januar 2013 23:41 Uhr

    Ich verstehe gar nicht warum hier über die Gewalt diskutiert wird. Das ist doch von vorneherein klar, dass bei einem Tarantino ÜBERTRIEBENE Gewalt gezeigt wird. Wenn einer einen Kopfschuss kriegt und das Blut spritzt, als sei eine Wasserbombe geplatzt, dann kann man das doch nicht ernstnehmen! Also wer einen Tarantino Film guckt und die Gewalt ernst nimmt, sollte sich mal einen Splatter Film angucken, wenn es realistisch dargestellt ist, ist sowas erst schlimm. Aber bei Tarantino Filmen ist das doch alles immer so überspitzt, dass ich nicht verstehe, wie man das ernst nehmen kann. Schauen Sie sich doch mal B- bzw. C-Movies aus den 70er Jahren an, die leben von nakter Haut und roher Gewalt. Damals hat man das gemacht um Leute ins Kino zu locken, aber heutzutage würde das doch keiner deswegen gucken, sondern weil diese Unbeholfenheit und Übertreibung einen komödiantischen Reiz hat. Und an solche Filme sind Tarantino Filme doch angelehnt, siehe Filmtitel "Inglourious Basterds".

    2 Leserempfehlungen
    • Mkdrs
    • 17. Januar 2013 23:44 Uhr

    Und Tarantino ist nunmal kein 08/15-Hollywood-Regisseur, sondern einer der recht spezielle Filme macht, die überraschenderweise so gut ankommen, dass er jetzt für Oscars nominiert wird und in allen Feullietons rezensiert wird. Aber Tarantino macht die Filme nicht für die Feullietons und die große Masse. Dass jetzt Leute seine Filme gucken, die sonst nie im Leben sowas schauen, dafür kann er doch nichts.

    Eine Leserempfehlung
  1. Also ich habe den Film heute (im gegensatz zu vielen Postern) im gesamten gesehen. Natürlich gehört zu einem echten Tarantino film eine ganze Menge Blut Theatralik ect. Natürlich muss man diese Art von Film nicht lieben, aber was mich sehr erheitert hat waren die kleinen Seitenhiebe(hat jemand ne neue Kaputze... ne aber das nächste mal treten wir in voller Montur auf)"kkk lässt grüßen"Ich persönlich fand den Film wirklich gut! Und was man tarantino lassen muss;er hat seine Hauptdarsteller mal wieder brilliant gewählt!

  2. In der Version die ich gesehen habe (OV) wurde das Jahr 1858 eingeblendet. Existieren unterschiedliche Versionen?;-)
    Ich ziehe mal einen Vergleich: Harald Schmidt war bei Feuilletonisten ein Liebling und ähnlich verhählt es sich bei Tarantino. Zur Gewaltdiskussion: Wer nicht erkennt, wie überzogen diese Szenen sind, dem ist nicht zu helfen. Wobei ich dies nicht als Kunst bezeichnen würde. Zum Film: Er ist kurzweilig, hat aber Längen und Waltz erinnert zu sehr an H.Lander. Letztlich war für mich die Wandlung am Ende nicht überzeugend. DiCaprio dagegen - wie Sam Jackson und Don Johnson- überzeugen. Seine dandyhafte Gestalt & Mimik zwischen kindlicher Naivität und brutalem Sklavenhalter sind brilliant gespielt. Und genau bei diesen Szenen dachte ich mir im nachhinein, warum waren die nicht länger? Hier hätte der Autor/regisseur sich mehr Zeit lassen können. Der Film verfängt sich ab und zu in langatmigen Szenen und unnötigem Palaver. Manche "Rückblende" wirkt deplatziert. Andererseits ist er witzig beinahe komödienhaft (bspw. "der Trupp tumber weißer Südstaatler"), gleichwohl überzeichnet. Insgesamt besser als Basterds. Viel besser als Kill Bill. Aber nicht annähernd so brilliant wie Pulp Fiction oder auch Reservier Dogs. * Ob die Marke Tarantino zur Masche verkommt, glaube ich nicht. Denn Tarantino´s Filme sind (s)eine Masche. Zur Marke machen es andere (s.o.).Und ein wenig trägt er selbst dazu bei.

    Antwort auf "1858 ?"
    • Behh
    • 18. Januar 2013 17:19 Uhr

    Das Drehbuch ist ohne Rücksicht auf innere Logik geschrieben. Woher z.B. weiß der Kopfgeldjäger Schultz immer so genau, wer die staatlich Gesuchten sind, und warum muß er in einem Fall dafür extra den Sklaven Django rekrutieren? Der ganze Film hangelt sich nur von einer "Effekt"-Szene zur nächsten. Typischer brainless fun. Wenn man nicht in der Lage ist, das Gehirn auszuschalten oder sich an Tarantinos abgeschmackter Zitatenhuberei und schalen Witzchen zu erfreuen, ist der Film quälend lang und langweilig.

    Schultz ist eine der widerwärtigsten "Helden" der Filmgeschichte. Verschlagen und hinterhältig mordet er ihm völlig Unbekannte, weil ihm der Staat dazu mit "Wanted Dead or Alive"-Zetteln das Recht gegeben hat. Er ist das Gegenteil aller (Anti-) Helden der Italo-Western. Daß diese Figur gelobt wird, zeigt, wie drastisch sich die Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten verändert hat. "Liebt euren totalitären Polizeistaat" scheint heute Pop-Konsens zu sein.

    Abgesehen von Schultz werden alle Weißen hier als bösartig oder primitiv dargestellt. Ihr einziger Lebensinhalt ist das Erniedrigen und Quälen von Schwarzen. Tarantino zieht alle Register, um Haß zu schüren, schließlich will er wieder einmal seine Zuschauer eine Vernichtungsphantasie genießen lassen. Wäre das Schüren von Rassenhaß in Deutschland ein Straftatbestand, "D.U." müßte verboten werden.

    Zum Glück für ihn gibt es genügend Leute, die all das schönreden und verklären. Auch Tarantino ist Pop-Konsens.

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Xarx
    • 18. Januar 2013 23:00 Uhr

    Warum Schultz immer Bescheid weiß:
    warum ist das so unlogisch? Er hat seine Steckbriefe auf denen in aller Regel Fahndungsbilder sind. Im Falle der Brittle-Brüder scheint es aber keine Bilder zu geben, er muss schlussfolgernd nach Personen suchen die mit den Brüdern zu tun hatten. Abhängig davon was die Brüder getan haben (was aber nicht genannt wird) ergibt es sogar im speziellen Sinn,dass sich Schultz an einen schwarzen Sklaven und nicht an einen weißen Farmbesitzer wendet.

    Ok weiter: ohne jetzt vermehrt Kritiken zum Film bzgl. Schultz gelesen habe, möchte ich mal behaupten, dass es 1. um die Umsetzung von Waltz geht und 2. Django und die Rolle des Dr. Schultz in keinster Weise irgend eine Verklärung des Polizeistaates darstellen soll.
    Alle Weißen sind Böse: ja bitte wo handelt der Film denn auch? Richtig im tiefsten Süden wo bis zum Mitte des 19. Jahrhunderts 4 Mio. Sklaven lebten. Und was glauben sie wie die dort nun mal auf den Plantagen behandelt wurden? Richtig die Sklaven wurden eigentlich mit Watte gestreichelt...
    Letztendlich bin ich der Auffassung, dass der fertige Film bzgl. der Sklavenhaltung immer noch untertreibt, da ihn sonst wohl keiner sehen wollen würde.

    sie haben vollkommen recht. es ist mode geworden die gewalt a la tarantino zu goutieren und zu rechtfertigen. der sogenannte tarantino pop konsens... rachegefühle ab 18 leichtgemacht könnte man sagen.

    • Xarx
    • 18. Januar 2013 23:00 Uhr

    Warum Schultz immer Bescheid weiß:
    warum ist das so unlogisch? Er hat seine Steckbriefe auf denen in aller Regel Fahndungsbilder sind. Im Falle der Brittle-Brüder scheint es aber keine Bilder zu geben, er muss schlussfolgernd nach Personen suchen die mit den Brüdern zu tun hatten. Abhängig davon was die Brüder getan haben (was aber nicht genannt wird) ergibt es sogar im speziellen Sinn,dass sich Schultz an einen schwarzen Sklaven und nicht an einen weißen Farmbesitzer wendet.

    Ok weiter: ohne jetzt vermehrt Kritiken zum Film bzgl. Schultz gelesen habe, möchte ich mal behaupten, dass es 1. um die Umsetzung von Waltz geht und 2. Django und die Rolle des Dr. Schultz in keinster Weise irgend eine Verklärung des Polizeistaates darstellen soll.
    Alle Weißen sind Böse: ja bitte wo handelt der Film denn auch? Richtig im tiefsten Süden wo bis zum Mitte des 19. Jahrhunderts 4 Mio. Sklaven lebten. Und was glauben sie wie die dort nun mal auf den Plantagen behandelt wurden? Richtig die Sklaven wurden eigentlich mit Watte gestreichelt...
    Letztendlich bin ich der Auffassung, dass der fertige Film bzgl. der Sklavenhaltung immer noch untertreibt, da ihn sonst wohl keiner sehen wollen würde.

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