Wenn Flugkapitän Whip Whitaker ins Cockpit einer Passagiermaschine steigt, beschleunigt und abhebt, dann ist er im Rausch von Alkohol, Marihuana und Kokain. Auch an diesem Morgen in Orlando, da der Regen aufs Rollfeld prasselt und Whitaker sich via Mundspray noch schnell frischen Atem verschafft. Der Sturm erschwert den Flug, Turbulenzen schütteln die Maschine. Als Whitaker sie in eine ruhige Position zurückgebracht hat, tritt er aus dem Cockpit und heitert die Passagiere mit ein paar lockeren Sprüchen auf. Was sie nicht sehen: Wie er sich zeitgleich Wodka in seine Orangensaftflasche gießt.

Whitaker ist abhängig, das weiß der Zuschauer von Flight schon früh. Doch bevor den Piloten die Sucht ganz einholt, wird er zum Helden: Kurz nach den Turbulenzen ruckelt es erneut im Flugzeug – diesmal heftiger. Das Höhenleitwerk ist blockiert, die Maschine stürzt im freien Fall dem Erdboden entgegen. Während die Crew in Panik ausbricht, bleibt Whitaker besonnen. Nach einem waghalsigen Manöver bringt er die Maschine auf einem freien Feld runter – und die Leinwand wird dunkel.

Als Whitaker aufwacht, liegt er im Krankenhaus, und Regisseur Robert Zemeckis (Forrest Gump) lässt nach einer halben Kinostunde einen ganz anderen Film beginnen. Auf das spektakuläre Genrekino folgt ein ruhig erzähltes Psychodrama. Es geht um die Folgen des Absturzes: sechs Tote – und ein Alkoholtest, der Whitaker 2,4 Promille bescheinigt. Nun drohen ihm Jahre im Gefängnis.

Dieser Teil von Flight lebt gänzlich von Denzel Washington, der für seine Rolle im Februar ins Oscar-Rennen geht. Den Alkoholiker Whitaker spielt er trotzig und mit dem fehlenden Verantwortungsbewusstsein eines sturen Kindes. Arroganz und Allmachtsgefühle befallen ihn im Rausch, großmäulig und selbstgerecht wird er dann. Demut zeigt er anschließend, Enttäuschung und das Verzweifeln an sich selbst, wenn wieder einmal die Sucht den eigenen Willen besiegt hat. Wie krampfhaft er an der Zigarette zieht, wie er sich bis zum Exzess besäuft und die Kontrolle verliert, ist erschreckend und zugleich unheimlich faszinierend anzusehen.

Whitaker nimmt zwar den Kampf mit der Sucht auf und schüttet allen Schnaps, den er im Haus finden kann, in den Ausguss. Und später fährt er doch wieder zum Supermarkt, um palettenweise Bier nachzukaufen. Bevor er den Motor seines Wagens anlässt, nimmt er einen hastigen Schluck aus der Wodkaflasche. Eine andere Folge seiner Sucht: Die sich zaghaft entwickelnde Beziehung zur ehemals heroinabhängigen Nicole (fahrig und scheu: Kelly Reilly) zerbricht.

"Ich brauche keine Hilfe, ich kann selbst mit dem Trinken aufhören", schmettert Whitaker Hugh Lang (Don Cheadle) entgegen, der die kriminalistischen Untersuchungen leitet – und fortan gemeinsam mit Whitaker dessen Drogenproblem zu vertuschen versucht.

Unangenehm moralinsauer gerät allein das Finale: Das Thema Lebenslüge wird allzu theatralisch inszeniert. Was gerade deshalb schade ist, weil das Drehbuch (Oscar-Nominierung: John Gatins) den inneren Kampf Whitakers zuvor mit gänzlich ungeschönter Drastik formulierte – stets unterstützt vom präzisen Spiel Washingtons.

Als ihm ein Freund vor der Anhörung durch die Flugsicherheitsbehörde rät, wie man auf unbequeme Fragen antwortet, entgegnet Whitaker nur trocken: "Mir musst du nicht sagen, wie ich zu lügen habe." Wie das geht, weiß er schließlich selber gut genug.

Erschienen im Tagesspiegel