ARD-Film "Operation Zucker"Herausforderung der Primetime

Die ARD zeigt einen Krimi über Kindesprostitution – aufgrund seiner Härte in zwei Fassungen. "Operation Zucker" befeuert die Debatte über Jugendschutz in den Medien. von Joachim Huber

Der Film heißt Operation Zucker. Sein Titel könnte zu den Umständen seiner Ausstrahlung in der ARD am heutigen Mittwochabend passen. Er läuft in zwei Versionen, in einer gekürzten und in einer vollständigen. In der Schnittfassung fehlen nach Angaben der ARD rund drei Minuten der ursprünglichen 90 Minuten.

Es sind wichtige Minuten im Schlussteil: Die zehnjährige Fee, von Kinderhändlern aus Rumänien nach Berlin verschleppt und dort an ein Kinderbordell verkauft, ist von der Polizei befreit und an einen sicheren Ort gebracht worden. Das Haus am See ist allerdings nur scheinbar sicher. Der Kinderhändler überwältigt die LKA-Beamtin, holt sich Fee und setzt sie in die Limousine ihres "Kunden". Die Polizistin bleibt hilflos zurück.

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Diese Szene wird in der 20-Uhr-15-Version fehlen. Nicht der Bayerische Rundfunk, nicht die ARD-Programmdirektion haben sie aus eigenem Antrieb herausgenommen, sondern sie folgen darin einer Entscheidung der Freiwilligen Selbstkontrolle Kino. Nach Auffassung der FSK, die den Film im Zusammenhang einer geplanten DVD-Auswertung geprüft und damit die Altersfreigabe vorgenommen hat, überfordert das hoffnungslose Ende von Fee in der Originalfassung von Operation Zucker junge Zuschauer mit zwölf oder 13 Jahren.

Die FSK hat den Film in seiner ungekürzten Fassung erst ab 16 Jahren freigegeben. Für die Fernsehausstrahlung bedeutet das: Operation Zucker läuft geschnitten um 20.15 Uhr, ungeschnitten in der ARD-Mediathek ab 22 Uhr und im Ersten um 0.20 Uhr.

Der Film ist eine Herausforderung

Direkt nacheinander wollte die ARD beide Versionen nicht zeigen, sondern erst einmal das geplante und gewohnte Programm aus Plusminus, Tagesthemen und Anne Will. Das muss man nicht als Fragwürdigkeit, als Feigheit bezeichnen – in der Mediathek ist der Film just von dem Zeitpunkt an sichtbar, an dem er rechtlich startklar sein darf.

Der Film des Regisseurs Rainer Kaufmann und des Autors Philip Koch (nach einer Idee von Gabriela Sperl und Rolf Basedow) ist eine Herausforderung fürs Publikum. Und er bleibt eine Herausforderung auch in der Schnittfassung. Zunächst, weil er sich eines monströsen Themas, der sexuellen Ausbeutung von Kindern, annimmt.

Der Plural ist wichtig, denn verschleppt und missbraucht wird nicht nur die zehnjährige Fee (Paraschiva Dragus), sondern zugleich der ältere Waisenjunge Bran (Adrian Ernst). Auch diese Figur bewegt sich im Kreisverkehr: Nach seiner Befreiung geht er auf den Straßenstrich. Fee und Bran, das ist die bittere Verdoppelung missbrauchten Lebens.

Operation Zucker ist ein hartes Stück Primetime-Fernsehen, selten hat sich ein 20-Uhr-15-Film einer gefühligen Genrelösung so konsequent verweigert. Und auch die Schnittfassung nimmt dem Film nicht seine Wucht.

Handelt die FSK angemessen?

Hat die FSK trotzdem richtig gehandelt, indem sie das Schicksal von Fee per Schnitt offen lässt? Keiner weiß genau, wer um 20.15 Uhr vor dem Fernseher sitzt, ob Kinder den Tatort einschalten oder sich bei Aktenzeichen XY gruseln lassen. Es gibt mehr als einen Hinweis, dass Minderjährige zu allen Zeiten Erwachsenenprogramme sehen wollten und wollen, gerade weil es Erwachsenenprogramme sind. Dieses Argument klingt nach realistischer Einschätzung, und es klingt resignativ. In Zeiten von Onlinefernsehen und YouTube ist doch sowieso alles verfügbar, überall und jederzeit. Jugendschutz in den Medien? Eine sinnlose Anstrengung irregeleiteter Pädagogik-Freaks! Anything goes, Leute.

Wer so rangeht, der mag cool und lässig erscheinen, aber er irrt. Mehrfach sogar. Eine Schnittmaßnahme bei Operation Zucker wäre erst dann falsch, wenn an der kompletten Darstellung von Fee und Bran herumgebastelt würde, auf dass der Film ins Happy-End-Koma fiele. Dann wären die Täter um der Opfer willen geschützt, dann wären die Zuschauer vor einem Thema geschützt, das nicht in Rumänien, sondern in Deutschland spielt.

Jugendschutz im deutschen Fernsehen

Der FSK-Eingriff ist auch ein deutlicher Hinweis an die Macher und an das Publikum, sich erneut vor Augen zu führen, was wann wie im deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehen gezeigt wird. Stimmen die Kriterien noch für Ausstrahlung und Nicht-Ausstrahlung, für Schnitt-Ausstrahlung und zeitversetzte Ausstrahlung von Fiktion und Nicht-Fiktion?

Wenn die ARD jetzt alles richtig machen will, dann sitzen ihre besten Kräfte längst am nächsten Film. Thema: Missbrauch in der Familie. Das große Werk muss aber kein Biopic über Klaus Kinski sein.

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Leserkommentare
  1. Star Trek.

    Sämtliche Serien, von Classic bis Enterprise NX, werden heute als FSK 12 verkauft - wegen der "Gewalt und der Sexszenen". Welche Gewalt und welche Sexszenen bitte???

    FSK ist in meinen Augen hochgradig nutzlos.

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  2. "Von der Filmbeschreibung im Artikel und generell vom Thema her finde ich den Film eh unpassend für ein 12jähriges Kind, aber na ja."

    Finde ich nicht, aber na ja.

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    Antwort auf "Einschaltquoten"
  3. "Ich wünsche mir übrigens häufiger, dass jemand der "Erziehung" einiger Eltern zuvorkommt, die ihre Kinder Filme oder Serien schauen lassen, die bei weitem noch nichts für sie sind. "Aufklärende" Gespräche danach hin oder her."

    Im Prinzip sehe ich das auch so. Andererseits will ich mir weder vom ARD noch von RTL noch von Politikern meinen Erziehungsstil diktieren lassen.

    Ich wäre dankbar, wenn so ein Bockmist (wie im ersten Kommentar z. B. diese Werbungen) einfach nicht liefe, aber so ist es und als Mutter muss ich zusehen, wie ich damit umgehe, denn es abzustellen geht nicht. Eltern müssen also einen Weg finden "mit dem Übel" richtig umzugehen und seinem Kind auch die Scheußlichkeiten dieser Welt zu erklären. Selbst wenn es dafür keine Erklärung gibt und man seinem Kind manchmal einfach nur beibringen kann, dass es völlig sinnlos schlimme Dinge auf dieser Welt gibt, aber DASS es sie nunmal gibt.

    Für ein 12jähriges Kind halte ich den Film allerdings auch für ungeeignet. Aber wer weiß schon, ob nicht mein Kind bei einer Freundin übernachtet und so etwas dann doch sieht?

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    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Kommentare die als Spekulationen oder persönliche Angriffe verstanden werden können. Danke. Die Redaktion/kvk

    Na ja, aber wenn Sie sagen, sie wünschten, dass sowas (diese angesprochene Werbung) gar nicht erst im TV liefe, dann ist doch das doch auch Zensur, oder? Ich stimme Ihnen auf jeden Fall zu.

    Mit dem Eingreifen in die "Erziehung" bezog ich mich auch eher auf Gewaltfilme. Habe ich nicht deutlich geschrieben, tut mir leid. Die gehören meiner Meinung nach auf andere Sendeplätze oder teilweise zensiert. Aber heute muss alles grafisch sein. Das ist meiner Meinung nach auch kein Eingriff in die Erziehung, denn es steht einem ja frei, sein Kind länger wachbleiben zu lassen oder den Film aufzunehmen. Aber es erschwert den Zugang, vor allem für von Eltern unkontrolliertem Zugang zum Fernseher.

    Natürlich sollte das nicht heißen, Kinder von jedem thematisch anspruchsvolleren Film wegzuhalten und nur noch Spongebob zu erlauben. Aber wenn eben ein Film ungeeignet für das potentielle Publikum zu bestimmten Sendezeiten scheint, dann kann man ihn entweder dem Publikum anpassen oder die Sendezeit ändern. Auch Inhalte können Kinder überfordern (oder aber sie verstehen sie noch gar nicht, dann ist's auch ok).
    [Der letzte Satz ist nicht belehrend gemeint, ich bin mir sicher, dass Sie das wissen, soll nur mein Abschlussstatement sein. ;)]

  4. 12. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Kommentare die als Spekulationen oder persönliche Angriffe verstanden werden können. Danke. Die Redaktion/kvk

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    Antwort auf "Aber nicht vom TV"
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    Der Kommentar auf den Sie sich kritisch beziehen wurde inzwischen entfernt. Danke. Die Redaktion/kvk

    Genau genommen habe ich DAS HIER geschrieben:

    "Eltern müssen also einen Weg finden "mit dem Übel" richtig umzugehen und seinem Kind auch die Scheußlichkeiten dieser Welt zu erklären. Selbst wenn es dafür keine Erklärung gibt und man seinem Kind manchmal einfach nur beibringen kann, dass es völlig sinnlos schlimme Dinge auf dieser Welt gibt, aber DASS es sie nunmal gibt."

    Wer lesen kann ist klar im Vorteil.

  5. Nach Auffassung der FSK, die den Film im Zusammenhang einer geplanten DVD-Auswertung geprüft und damit die Altersfreigabe vorgenommen hat
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    Ich meine, dass es der koreanische Film "I met the devil" war, den ich - mangels FSK-Freigabe - in der Porno-Abteilung ausleihen musste. Dort stehen alle Filme, bei denen keine FSK-Freigabe erfolgt ist oder diese nicht beantragt wurde. So hat es mir der Videothekenbesitzer erklärt. Dort finden sich dann auch so absurde Titel wie Scarface und Robocop, die eben für die Neuveröffentlichung auf DVD (evtl. Director's Cut) keine Freigabe beantragt haben.

    Filme müssen daher - m.E. - immer eine FSK-Freigabe haben, um überhaupt gesendet werden zu können. Zumindest in der Videothek gilt: keine Freigabe --> ab 18.

    Der FSK-Antrag kann also nicht im Rahmen einer DVD-Veröffentlichung stattgefunden haben, sondern müsste obligatorisch gewesen sein.

    Zur Sache:
    Beverly Hills Cop läuft um 20:15. Dort wird zu Beginn (ca 20:30) der Freund von Axel Foley per Kopfschuss exekutiert und gegen Ende (22:10) der Auftraggeber des Mordes durchsiebt. Ohne Werbung würden die Zeiten abweichen.

    Mir scheint es, dass hier etwas nervös reagiert wurde.

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  6. An Schnittorgien im TV hab ich mich schon lange gewöhnt. Aber daß ich, 50 Jahre alt und keine minderjährigen Kinder im Haushalt, nicht einmal online eine FSK 18 DVD oder Blu-Ray ihne größeres Brimborium bestellen kann, das geht mir langsam zu weit. Mehr noch, manche Filme sind trotz der 18er Einstufung immer noch geschnitten und/oder nur über den Umweg der Auslandsbestellung erhältlich. Mein Pay TV Abo (Kabelkiosk) habe ich gekündigt; was nützen mir Filme und Serien rund um dui Uhr, wenn ich sie nicht aufzeichnen kann weil keiner zuhause ( oder wach) ist der den PIN Code eingibt? Ich spreche hier wohlgemerkt nicht nur von Gewaltfilmen, sondern z.B. Serien wie Battlestar Galactica...

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  7. Der Kommentar auf den Sie sich kritisch beziehen wurde inzwischen entfernt. Danke. Die Redaktion/kvk

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    Antwort auf "[...]"
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    So war der Originaltext:

    >> "Ich wünsche mir übrigens häufiger, dass jemand der "Erziehung" einiger Eltern zuvorkommt, die ihre Kinder Filme oder Serien schauen lassen, die bei weitem noch nichts für sie sind. "Aufklärende" Gespräche danach hin oder her."

    Im Prinzip sehe ich das auch so. <<

    Noch Fragen?

  8. So war der Originaltext:

    >> "Ich wünsche mir übrigens häufiger, dass jemand der "Erziehung" einiger Eltern zuvorkommt, die ihre Kinder Filme oder Serien schauen lassen, die bei weitem noch nichts für sie sind. "Aufklärende" Gespräche danach hin oder her."

    Im Prinzip sehe ich das auch so. <<

    Noch Fragen?

    Antwort auf "Wie bitte?"
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    Der erste Satz ist nicht von mir. Das haben Sie immerhin erkannt.

    Haben Sie dann auch noch weitergelesen? IM PRINZIP heißt nicht, DASS ICH DAS in der Realität möchte. Aber Sie haben wohl nicht zuende gelesen, was ich schriebt. Oder wen hätte ich neben ARD RTL und Politikern denn noch erwähnen sollen? Soll ich ganz Deutschland namentlich aufzählen? Was haben Sie an dem weiteren Text nicht verstanden?

    Und ich habe noch eine Frage: Sind Sie von Beruf Rechtsanwalt, dass Sie einem so unverfroren einfach das Wort im Munde rumdrehen und einen anden Pranger stellen wollen mit dem Argument, ich wolle hier Freiheiten einschränken und hätte das mit der Freiheit nicht kapiert?

    Ich glaube eher, dass Sie nie gelernt haben, dass es immer einen Kontext gibt - sowas lernt man in der Schule - den man mitberücksichtigen muss. Oder haben Sie juralike gelernt alles einfach aus dem Kontext zu reißen und ... arbeiten Sie etwa für die BILD-Zeitung?

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte ARD | Film | Anne Will | FSK | Jugendschutz | Klaus Kinski
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