Film "The Impossible"Ein Drama als Katastrophen-Porno

"The Impossible" erzählt von einer Familie, die der Tsunami auseinanderreißt. Dabei hat der Regisseur alles falsch gemacht. Nur Naomi Watts und Ewan McGregor überzeugen. von Andreas Scheiner

Der spanische Regisseur Juan Antonio Bayona, der sich mit dem gediegenen Waisenhaus-Grusel El orfanato empfohlen hat, lässt einen pathetischen, deplatzierten, verlogenen Film folgen. Die englischsprachige Großproduktion The Impossible, die sich um den verheerenden Tsunami von 2004 dreht, ist ein Ärgernis angesichts der realen Tragik.

Zur Erinnerung: Das Erdbeben im Indischen Ozean löste eine Flutwelle aus, die mehr als eine Viertelmillion Menschen tötete. Bayona interessiert sich für eine Handvoll Überlebende. Angelehnt an die wahren Erlebnisse einer spanischen Familie reduziert Bayona die Tragödie auf den Überlebenskampf eines wohlhabenden Ehepaars, das sich mit seinen drei Kindern beim Weihnachtsurlaub vom Stress im Job erholen will. In Khao Lak, eine Stunde nördlich von Phuket, fläzt das Paar (gespielt von Naomi Watts und Ewan McGregor) im schönen Ressort, ehe die Monsterwelle das Strandparadies zusammenstürzen lässt. Die Mutter und der älteste Sohn werden weggeschwemmt, während der Vater mit den beiden Jüngeren in der Hotelruine wieder zu sich kommt. Der Zweistünder handelt sodann davon, wie diese Menschen auf der Suche nach ihren Liebsten über Schutt und Geröll steigen.

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Der Film spielt damit, dass sich die auseinandergerissene Familie, fast wie in einem zynischen Running Gag, immer wieder um Haaresbreite verpasst. Dieser Versuch, dem Drama eine Nägelkauer-Dramaturgie zu verpassen, ist jedoch witzlos, weil der Zuschauer fast von Beginn an weiß, dass alle Familienmitglieder überlebt haben. Man denkt: Wenn sich diese Menschen im Katastrophengebiet nicht finden, dann treffen sie halt zu Hause beim Frühstück wieder aufeinander. Dies ist aber nur ein Kritikpunkt am Rande.

Die Hauptkritik deckt sich mit einer Überlegung Michael Hanekes (Amour), der kürzlich in einem vielbeachteten Interview mit dem Hollywood Reporter verurteilte, Schreckliches aus der Historie in Unterhaltung zu verpacken. So schimpfte er auf Schindler’s Liste und sagte, für ihn sei nur schon die Vorstellung unsäglich, Spannung erzeugen zu wollen mit der Frage, was wohl aus dem Duschkopf komme. In The Impossible besorgen die Wassermassen die Spannung. Haneke dürfte diesen Film fluchtartig verlassen. Es wäre ihm nicht zu verübeln. Es ist unredlich, wie Juan Antonio Bayona die beispiellose Naturkatastrophe als Vorlage für ein Überwältigungskino nimmt, das mit Bildern von ungeheureren Zerstörungen zu beeindrucken versucht. Unangenehm ergötzt sich der Film an dem Desaster. Es ist der reinste Katastrophen-Porno.

Da tut es nichts zur Sache, dass die Gewalt der Wassermassen an sich eindrücklich zur Geltung kommt. Kein Wort gegen die Spezialeffekte: Die Tricktechniker, die aus einem 45-Millionen-Dollar-Budget schöpften, beweisen ihr Handwerk und geben das Desaster in großer Wucht wieder. Aber das macht es nicht besser. Das kriegt ein Roland Emmerich auch hin. Und manches von The Impossible wäre wohl selbst diesem Regisseur zu dick aufgetragen, etwa die Szene, in der Naomi Watts aus den Fluten hervortaucht mit gestreckter Hand und in Super Slow Motion. Mit einer solchen Ästhetik empfiehlt sich der Regisseur höchstens für einen Werbespot für Duschgel.

Wenig hilfreich sind auch die klebrigen Geigen, die der junge spanische Filmkomponist Fernando Velázquez über die Bilder der plattgewalzten Landschaft legt. Ließen sich solche Geschmacksverirrungen vielleicht noch irgendwie mit Genre-Konventionen entschuldigen, ist es einfach nur unverzeihlich, wie wenig sich der Film um das Schicksal der Thailänder schert. Deren einzige Daseinsberechtigung scheint zu sein, die weggeschwemmten Touristen aus dem Wasser ziehen zu dürfen. Dieser westliche Tunnelblick auf die Tragödie befremdet. Der Kritiker des Boston Globe schreibt wunderbar passend: "Der Film reduziert die Katastrophe zu einem schlechten Tag im Club Med."

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Immerhin gibt Ewan McGregor, als ihm das Wasser bis zum Hals steht, deutlich mehr Einsatz als zuletzt in Salmon Fishing in the Yemen, wo er bloß knietief im Weiher stand und versuchte, beim Lachsfischen lustig zu sein. Die Kinderdarsteller überzeugen ebenso, und Naomi Watts (Mulholland Drive) ist sogar eine kleine Wucht. Ihre Oscar-Nominierung hat sie sich verdient. Doch so eindrücklich sie sich auch aus den Wassermassen rettet: Den Film vermag sie nicht zu retten.

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Leserkommentare
  1. Ehrlicher und authentischer Kommentar, aber die Überschrift verstehe ich nicht. "porno"?

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    Ein Pornofilm ist die audiovisuelle Realisation der Pornografie (vom griechischen porne ‚Hure‘, graphein ‚schreiben‘) im Medium Film. Pornografie wird oft definiert als unmittelbare und deutliche Darstellung menschlicher Sexualität und primärer Geschlechtsmerkmale, die die sexuelle Stimulierung des Konsumenten zum Ziel hat.

    Dass der Film eine audiovisuelle Realisation der Katastrophe ist, stimmt.
    Aber ich denke nicht, dass der Koitus während der Flut thematisiert wird, wie es im Porno geschieht! Also, ich hätte als Überschrift gewählt : Ein Drama als audiovisuelle Realisation
    Der Porno-Begriff ist mit inbegriffen!

  2. Wenn ich mir statt "Schindlers Liste" lieber "Shoah" anschaue, befriedige ich trotzdem damit eine Art Voyeurismus. Der Mensch ist halt nicht nur edel. In "Impossible" werden die Leute reinströmen und sich lustgruseln, und damit das nach der Welle nicht abklingt, auch mit dramatisch aufgeputschten Effekten. Warum auch nicht? Kino ist nicht die Realität und war es auch nie. Den Fokus auf die Thailänder zu legen wurde den roten Faden kappen, denn es geht hier um eine westliche Familie, daher auch der Tunnelblick. Und das ist auch besser so, sonst wäre es irgendwo pietätlos (da zu gezwungen). Die thailändischen Opfer wären in einer anspruchsvollen Doku besser aufgehoben, oder in einem ernsthafteren Film.

    • sogno
    • 28. Januar 2013 19:15 Uhr

    Was erlaubt sich eigentlich der Verfasser dieser Kritik? Eine so unsachliche, unfaire und einseitige Sichtweise derart breitzutreten ist in meinen Augen eine Frechheit und hat nichts mit seriösem Journalismus zu tun. In der Schule würde mein Sohn für so einen Aufsatz mit Recht die Note 6 und der Begründung "vollkommen am Thema vorbei" erhalten. Zur Überschrift Katastrophen Porno kann ich nur mitleidig den Kopf schütteln. Entweder läuft beim Verfasser schon eine Bewerbung bei der BILD Zeitung und dieser Beitrag ist eine Art Bewerbungsschreiben oder ..... oder..... oder........oder aber........nein das muss es sein.

  3. Sehr passend gewählt. Danke @ Zeit-Online

    Eine Sternstunde des Journalismus war es meines Erachtens, als Klaus Kleber vor ca. 2 Jahren im Heute-Journal die Begriffe "sogenannter Weltsicherheitsrat" und "sogenannte internationale Gemeinschaft" benutzte und sich damit sehr(!) weit aus dem Fenster lehnte. Abgekürzt hätte er auch sagen können: "Weltsicherheits-Porno".

    7 Millionen erwerbsfähige Menschen in Deutschland sähen es sicherlich als sehr passend an, bezeichnete man den deutschen Arbeitsmarkt als "Deutschlandporno".

    • sdohner
    • 28. Januar 2013 19:43 Uhr

    Es gibt sehr kitschtriefende Szenen im Film. Vor allem Naomi Watts "Wiedererstehung" aus dem Reich der Toten in triumphaler Slowmotion ist unerträglich. Wobei hier nicht die verfehlte Ästhetik zuwider ist, sondern das "Wunder" (was es natürlich für die Familie durchaus ist), das stilistisch mit so viel Pathos im wahrsten Sinne des Wortes in die Länge gezogen wird, dass man in dieser Zeitlupenschleife unweigerlich dabei denkt: Und was ist mit dem 350 Tausend anderen, die kein Wunder erlebten? Man hätte sie doch am Schluss wenigstens im Abspann erwähnen sollen, als die lachende spanische Familie zu zeigen. Da hat der Autor durchaus recht.

    2 Leserempfehlungen
    • mussec
    • 28. Januar 2013 20:03 Uhr

    Geil! Porno.
    Das reicht, um mir den Film anzuschauen.
    Lesen ist sowieso nicht so meine Stärke, die Überschrift hat mich überzeugt....

    Eine Leserempfehlung
  4. Haneke mag es also nicht, wenn Schreckliches aus der Historie als Grundlage für Unterhaltung dient? Hat er deswegen jedem Psychopaten eine Anleitung gegeben, wie man eine Familie auslöschen und vorher quälen kann? Was sagen wohl die Opfer eines Psychopaten zu Haneke? Dass er deren Schicksal als Vorlage für Unterhaltung gemacht hat!!! Die Menschheitsgeschichte ist eine einzige Katastrophe, im Mikro- und Makrokosmos, und wer sie zum Rahmen eines Films macht, nutzt das Elend anderer als Vorlage für Unterhaltung. Ohne Schauspielerei nennt man das übrigens sonst Dokumentation. Und wenn Spielberg die Duschszene konzipiert, um Spannung zu erzeugen, dann macht er halbwegs die Angst und Gefühle der Betroffenen deutlich. Das scheint aber einigen Puristen zu stören, dasss Kino auch auf Gefühle setzt und nicht nur auf den Intellekt. The Impossible ist keine Doku über eine Naturkatastrophe, sie nimmt letztere als Aufhänger für eine aufregende Geschichte und viele Emotionen. Wer dagegen ist,sollte auch jeden (anti-) Kriegsfilm verbieten,und dann würde niemand mehr was vom Grauen des Krieges erfahren. Gleiches gilt für "The Impossible". Auch wenn es hier um eine Familie geht, die Bilder vom Tsunami - Unglück zeigen uns noch einmal auf, wie schnell eine "heile" Welt von der Natur zerstört werden kann. Das Happy End lässt die Eindrücke dabei nicht verblassen. Mag nicht den großen informativen Charakter haben, aber gibt vielleicht den Anstoß, sich über das Thema zu informieren. Auch was wert!

    Eine Leserempfehlung
  5. Katastrophen-Porno ist eine sehr treffende Bezeichnung für einen Fillm, der keine andere Absicht verfolgt als das sich seine Zuschauer am vorhersagbaren Leid der Opfer ergötzen. Um die Naturkatastrophe und die soziale Katastrophe dahinter zu thematisieren, hätte man sich gewiss einen anspruchsvolleren Plot ausdenken kenen.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Film | Ewan Mcgregor | Naomi Watts | Hollywood | Drama | Phuket
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