Der spanische Regisseur Juan Antonio Bayona, der sich mit dem gediegenen Waisenhaus-Grusel El orfanato empfohlen hat, lässt einen pathetischen, deplatzierten, verlogenen Film folgen. Die englischsprachige Großproduktion The Impossible, die sich um den verheerenden Tsunami von 2004 dreht, ist ein Ärgernis angesichts der realen Tragik.

Zur Erinnerung: Das Erdbeben im Indischen Ozean löste eine Flutwelle aus, die mehr als eine Viertelmillion Menschen tötete. Bayona interessiert sich für eine Handvoll Überlebende. Angelehnt an die wahren Erlebnisse einer spanischen Familie reduziert Bayona die Tragödie auf den Überlebenskampf eines wohlhabenden Ehepaars, das sich mit seinen drei Kindern beim Weihnachtsurlaub vom Stress im Job erholen will. In Khao Lak, eine Stunde nördlich von Phuket, fläzt das Paar (gespielt von Naomi Watts und Ewan McGregor) im schönen Ressort, ehe die Monsterwelle das Strandparadies zusammenstürzen lässt. Die Mutter und der älteste Sohn werden weggeschwemmt, während der Vater mit den beiden Jüngeren in der Hotelruine wieder zu sich kommt. Der Zweistünder handelt sodann davon, wie diese Menschen auf der Suche nach ihren Liebsten über Schutt und Geröll steigen.

Der Film spielt damit, dass sich die auseinandergerissene Familie, fast wie in einem zynischen Running Gag, immer wieder um Haaresbreite verpasst. Dieser Versuch, dem Drama eine Nägelkauer-Dramaturgie zu verpassen, ist jedoch witzlos, weil der Zuschauer fast von Beginn an weiß, dass alle Familienmitglieder überlebt haben. Man denkt: Wenn sich diese Menschen im Katastrophengebiet nicht finden, dann treffen sie halt zu Hause beim Frühstück wieder aufeinander. Dies ist aber nur ein Kritikpunkt am Rande.

Die Hauptkritik deckt sich mit einer Überlegung Michael Hanekes (Amour), der kürzlich in einem vielbeachteten Interview mit dem Hollywood Reporter verurteilte, Schreckliches aus der Historie in Unterhaltung zu verpacken. So schimpfte er auf Schindler’s Liste und sagte, für ihn sei nur schon die Vorstellung unsäglich, Spannung erzeugen zu wollen mit der Frage, was wohl aus dem Duschkopf komme. In The Impossible besorgen die Wassermassen die Spannung. Haneke dürfte diesen Film fluchtartig verlassen. Es wäre ihm nicht zu verübeln. Es ist unredlich, wie Juan Antonio Bayona die beispiellose Naturkatastrophe als Vorlage für ein Überwältigungskino nimmt, das mit Bildern von ungeheureren Zerstörungen zu beeindrucken versucht. Unangenehm ergötzt sich der Film an dem Desaster. Es ist der reinste Katastrophen-Porno.

Da tut es nichts zur Sache, dass die Gewalt der Wassermassen an sich eindrücklich zur Geltung kommt. Kein Wort gegen die Spezialeffekte: Die Tricktechniker, die aus einem 45-Millionen-Dollar-Budget schöpften, beweisen ihr Handwerk und geben das Desaster in großer Wucht wieder. Aber das macht es nicht besser. Das kriegt ein Roland Emmerich auch hin. Und manches von The Impossible wäre wohl selbst diesem Regisseur zu dick aufgetragen, etwa die Szene, in der Naomi Watts aus den Fluten hervortaucht mit gestreckter Hand und in Super Slow Motion. Mit einer solchen Ästhetik empfiehlt sich der Regisseur höchstens für einen Werbespot für Duschgel.

Wenig hilfreich sind auch die klebrigen Geigen, die der junge spanische Filmkomponist Fernando Velázquez über die Bilder der plattgewalzten Landschaft legt. Ließen sich solche Geschmacksverirrungen vielleicht noch irgendwie mit Genre-Konventionen entschuldigen, ist es einfach nur unverzeihlich, wie wenig sich der Film um das Schicksal der Thailänder schert. Deren einzige Daseinsberechtigung scheint zu sein, die weggeschwemmten Touristen aus dem Wasser ziehen zu dürfen. Dieser westliche Tunnelblick auf die Tragödie befremdet. Der Kritiker des Boston Globe schreibt wunderbar passend: "Der Film reduziert die Katastrophe zu einem schlechten Tag im Club Med."

Immerhin gibt Ewan McGregor, als ihm das Wasser bis zum Hals steht, deutlich mehr Einsatz als zuletzt in Salmon Fishing in the Yemen, wo er bloß knietief im Weiher stand und versuchte, beim Lachsfischen lustig zu sein. Die Kinderdarsteller überzeugen ebenso, und Naomi Watts (Mulholland Drive) ist sogar eine kleine Wucht. Ihre Oscar-Nominierung hat sie sich verdient. Doch so eindrücklich sie sich auch aus den Wassermassen rettet: Den Film vermag sie nicht zu retten.