Dieser amerikanische Kriegsfilm, basierend ausdrücklich auf "Zeugnissen aus erster Hand" über die zehn Jahre dauernde Jagd auf Osama bin Laden, ist einer der ganz besonderen Art. Er verzichtet auf jeden lauten Patriotismus und auf das in diesem Genre besonders beliebte Hier-gut-dort-böse-Prinzip. Fans blutiger Bodycounts kommen nicht auf ihre Kosten, und der musikalisch kaum untermalte Showdown wirkt auch sonst fast leise. Das akribisch recherchierte Großwerk von Kathryn Bigelow und Drehbuchautor Mark Bowl versteht sich als nahezu dokumentarisch präzise Annäherung an kaum vergangene Realität und besteht zugleich auf Spannung, Dramaturgie, Verdichtung, kurz: der spielfilmtypischen Lizenz zum Erfinden. Ein aufregender Spagat, kinematografisch und konzeptionell.

Und erst seine Heldin, die von Jessica Chastain verkörperte CIA-Agentin Maya! So eine Filmfigur hat das Genre noch nicht gesehen. Nach ihrer Ausbildung unmittelbar zur Agency gekommen, wird Maya den Bin-Laden-Jägern zugeordnet und dort bald mit ihrer Intelligenz, Hartnäckigkeit und dem Mut gegenüber ihren durchweg männlichen Vorgesetzten zur gefürchteten Autorität. "I’m the motherfucker who found the place", sagt sie kalt und knapp zu CIA-Boss Leon Panetta (James Gandolfini), damit er den Tötungseinsatz gegen bin Laden im pakistanischen Abbottabad endlich vorantreibt. Gleichzeitig unterschlägt der Film nicht ihr wachsendes Alleinsein in der Besessenheit, immer das Richtige zu wissen und zu tun. Nichts mit dem im US-Kino durchaus üblichen Heimatfrieden oder gar mit family values nach getaner Patriotinnen-Arbeit. Der forschende Kamerablick ins Gesicht dieser Siegerin wagt ein weitaus größeres Abenteuer.

Am Anfang ist Bush-Zeit, Rachezeit im war on terror, Folterzeit an jenen juristischer Kontrolle entzogenen Orten, die mit Guantánamo und Abu Ghraib längst ihre historischen Chiffren gefunden haben. Der strubbelhaarige, kurzbärtige, zivil und sympathisch wirkende CIA-Mann Dan (Jason Clarke), dem Maya zunächst in einem Geheimgefängnis in der Wüste assistiert, quält seine Opfer mit Schlägen, Schlafentzug und Waterboarding – jener perfide simpel anmutenden Folter, bei der den Opfern so lange Wasser durch einen Lappen über Nase und Mund gegossen wird, bis sie daran zu ersticken und ertrinken drohen. Etwa eine Viertelstunde lang inszeniert der Film die routinierte Allmacht des Amerikaners über den zerschundenen Araber Ammar (Reda Kateb). Später, in anderem Zusammenhang, gibt Ammar ein Detail preis, das sich bei der aus zahllosen Puzzle-Erkenntnissen bestehenden Jagd auf bin Laden als nützlich erweist.

Mit zwischengeblendeten Al-Qaida-Anschlägen in London, Afghanistan und Islamabad lässt Zero Dark Thirty keinerlei Zweifel an der Notwendigkeit, bin Ladens Terrornetzwerk zu besiegen. Indem er aber die von der CIA gefolterten Gefangenen keineswegs als Bestien inszeniert, problematisiert der Film zugleich die schmutzigen Mittel zum Zweck. Nur tut er das mit so wenig Lust auf Überdeutlichkeit, wie er überhaupt das Milieu des Terrors und seiner Bekämpfer eher subtil ins Bild setzt. Wenn Zero Dark Thirty eine Moral hat, dann die, dass dieser Zermürbungskrieg mit ungleichen Waffen wie alle Kriege jedes Ethos zersetzt und die Beteiligten beschädigt. Dass er Parteinahme schwer macht – auch die Tötung bin Ladens wirkt, in der so späten und mühevollen Herbeischaffung einer Trophäe, nur noch symbolisch –, darin liegt seine ästhetische Qualität. In den USA allerdings ist der Film gerade wegen dieser Unentschiedenheit nun heftig zwischen die Fronten geraten.

Kathryn Bigelow rechtfertigt Folter nicht als Mittel amerikanischer Kriegspolitik, wie Menschenrechtler argwöhnen und wie es jetzt jene Bush-Krieger triumphierend hinausposaunen, die bin Laden am liebsten selber aufgespürt hätten. Sie trägt vielmehr zahlreiche Elemente zusammen, wobei sie sich auf die kombinatorische und logistische Fahnderarbeit der späten Jahre konzentriert. Ebenso wenig kann man forsch behaupten, die von Präsident Obama geächtete Folter habe in den Anfängen der Jagd nach bin Laden keinerlei zielführende Rolle gespielt. Genau dies tun jedoch drei US-Senatoren, die sich auf einen neueren Geheimdienstbericht stützen. Der Trost dieser Scharmützel: Zero Dark Thirty bringt eine überfällige Debatte bei den Amerikanern in Gang, die zwischen den politischen Denksystemen Bush und Obama zerstritten sind.

Vor allem aber: Zero Dark Thirty ist kein Gutachten, sondern ein Film. Sein präziser Blick für die Psychologie der Macht wirkt unbehaglich genug. Etwa beim dramaturgisch nur hingetupften, aber durchdringend schmierigen Aufstieg des Ex-Folterers Dan an der Heimatfront. Oder im knappen Lamento von CIA-Leuten darüber, dass unter dem liberalen Obama die Arbeit so lästig kompliziert geworden sei. Ebenso unheimlich die geradezu physisch spürbare Wut der von ihrer Mission fanatisierten Heldin Maya, nur weil die Obama-Administration dem riskanten Einsatz noch immer nicht zustimmt. Was, wenn in dem massiv gesicherten Bunkerbau von Abbottabad doch bloß ein untergetauchter Drogendealer haust und nicht der Staatsfeind Nummer eins?

Wie schon in The Hurt Locker, ihrem Porträt eines lebensmüde risikoversessenen Minenaufspürers im Irakkrieg, bietet Kathryn Bigelow allerlei Identifikationsfährten an, um sie sogleich umso gründlicher zu dekonstruieren. Für The Hurt Locker holte sie 2010 nicht nur den Top-Oscar, sondern als erste Frau überhaupt den Regiepreis. Diesmal hat die Academy die Regisseurin nicht nominiert, was vielfach als Reaktion auf die durch den Film ausgelöste Folterdebatte gedeutet wird. Zero Dark Thirty selbst aber, diese kluge und unbequeme Arbeit bleibt im Rennen. Und die ebenfalls nominierte Jessica Chastain, eine Heldin, mit deren Zerrissenheit das zerrissene Land sich identifizieren kann.

Erschienen im Tagesspiegel