Oscar 2013Die neue Offenheit der Academy

Die Academy hat in diesem Jahr so viele und so unterschiedliche Filme für einen Oscar nominiert wie nie. Doch die Experimentierfreude hat Grenzen. von Birgit Roschy

Mit zehn Nominierungen in der Königskategorie "Bester Film" haben die Mitglieder der Academy die Grenze des Erlaubten – seit 2011 gilt, dass mindestens fünf, höchstens 10 Nominierungen möglich sind – voll ausgereizt. Die Nominierungsflut könnte damit zu tun haben, dass die Bekanntgabe erstmals der Golden-Globe-Verleihung vorausging, bei der die Auslandspresse am kommenden Sonntag ihre Favoriten kürt. Die Konkurrenz hatte in den letzten Jahren durch ihre fast deckungsgleiche Preisvergabe die zukünftigen Oscargewinner vorweggenommen und die Academy so als Nachzügler dastehen lassen.

Nun hat Hollywood im Trophäenrummel wieder die Nase vorn und versucht mit einer besonders vielseitigen Auswahl die Deutungshoheit zurück zu gewinnen: Das Angebot reicht vom Musical Les Misérables (achtmal nominiert) bis zum No-Budget-Märchen Beasts of the Southern Wild des unbekannten Benh Zeitlin. Wenig überraschend sind die 12-fache Nominierung des Favoriten, Steven Spielbergs kniffeliges Lincoln-Porträt, und die 11-fache Nominierung für Ang Lees ozeanisches Epos Life of Pi. Eine kleine Sensation sind dagegen fünf Oscarchancen für Michael Hanekes Drama Liebe, darunter eine für Emmanuelle Riva als beste Hauptdarstellerin. Sollte die alte Dame am 24. Februar – ihrem 86. Geburtstag – das Treppchen zur Bühne des Dolby-Theatres erklimmen, dann wäre sie die älteste Oscar-Gewinnerin jemals in dieser Kategorie.

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Die extreme Bandbreite zeigt auch die Wahl der 9-jährigen Quvenzhané Wallis als jüngste Oscaranwärterin überhaupt. Das Südstaaten-Märchen Beasts of the Southern Wild, in dem Wallis die Hauptrolle spielt, gehört neben Amour zu den interessanten Ausreißern unter vielen vorhersehbaren Favoriten.

Es ist auch nicht verwunderlich, dass Kathryn Bigelow für Zero Dark Thirty (5 Nominierungen) nicht zum zweiten Mal in der Regie-Kategorie (in der sie 2010 für The Hurt Locker einen Oscar bekam) nominiert wurde. Ihr kühles Drama über die Jagd auf Osama Bin Laden hat mit der unverblümten Darstellung umstrittener Verhörmethoden – nennen wir sie doch der Einfachheit halber Folter – eine erbitterte Kontroverse hervorgerufen. Bigelow geht dahin, wo es der Nation weh tut – und bekommt von der Academy die Quittung dafür.

Geschmeidiger ist Steven Spielberg in der Darstellung von Abraham Lincolns Winkelzügen – nennen wir sie doch der Einfachheit halber Korruption – zur Durchsetzung eines gesetzlichen Zusatzartikels, der die Sklaverei abschaffte. Das Gegenstück zu tricky Abraham, Quentin Tarantinos äußert undiplomatischer Anti-Sklaverei-Western Django Unchained, wurde ebenfalls mit hochkarätigen Nominierungen bedacht. Zwar nicht für die Regie, aber, wunderbar, für Nebendarsteller Christoph Waltz. Der mimt darin gewohnt saftig einen Kopfgeldjäger und sticht Leonardo DiCaprio als sadistischen Sklavenhalter aus.

Christian Petzolds DDR-Drama Barbara ist, wie auch Ziemlich beste Freunde, schon im Vorfeld ausgeschieden. Immerhin entstand Liebe und auch der nominierte dänische Historienfilm Die Königin und ihr Leibarzt unter deutscher Beteiligung. Eine Nominierung gab es in der Sparte Dokumentation für die NDR-Koproduktion Töte zuerst – Der israelische Geheimdienst.

Doch so vielfältig der Oscar mit diesen Nominierungen auch anmutet, die neue Offenheit hat Grenzen. Denn er ist und bleibt jener Filmpreis, mit dem die amerikanische Filmbranche sich selbst feiert. Neben Platzhirsch Daniel Day Lewis (Lincoln) sind also auch Robert De Niro, der in der sympathischen Außenseiterromanze Silver Linings (8 Nominierungen) eine Nebenrolle übernimmt, Helen Hunt, die im sexualtherapeutischen Drama The Sessions die Hüllen fallen lässt, Philip Seymour Hoffman als Scientologie-ähnlicher Sektengründer The Master und Denzel Washington als versoffener Pilot (Flight) mit dabei. Selbst Ben Affleck, der vom stets "Goldene Himbeere"-verdächtigen Leinwandstar (der Anti-Oscar für den schlechtesten Filmauftritt droht in diesem Jahr Kristen Stewart und Robert Pattinson) zum gefeierten Regisseur aufstieg und dessen Spionage-Thriller Argo als bester Film nominiert wurde, bekam schon 1998 einen Oscar für das Drehbuch zu Good Will Hunting. Für das James-Bond-Epos Skyfall, das zarte Hoffnungen auf einen Hauptpreis weckte, gab es im sorgfältig austarierten Vergabezirkus nur ein paar Trostnominierungen, unter anderem für den Filmsong von Adele.

Auch mit der, durchaus verdienten, Nebenrollennominierung von Alan Arkin in Argo machte sich die Academy vor allem selbst ein Geschenk. Der Veteran als schlitzohriger Produzent eines Fake-Fantasy-Films, mit dem die iranischen Mullahs genarrt werden, symbolisiert großartig: die Illusionsmaschine Hollywood.

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Leserkommentare
    • Derdriu
    • 11. Januar 2013 12:37 Uhr

    Ich finde nicht, dass die Oscars der wichtigste Preis der Branche ist. Es gewinnen doch meistens Filme, die wirtschaftlich großen Erfolg hatten. Mit Kreativität hat es nicht viel zu tun. Zwar landen auch oft gute Filme in der Auswahl, aber "laute" Filme sind doch wesentlich präsenter.
    Damit ist der Oscar keine Inspiration, sich den Film im Kino anzusehen. Zu oft sind die Filme vorhersehbar und greifen immer wieder Hollywoodklischees auf. Neu und wagemutig geht anders.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Was ist dann Ihrer Meinung nach der wichtigste Preis der Filmbranche?
    Bin gespannt!
    Und was dagegen spricht erfolgreiche Filme zu würdigen werde ich auch Nie begreifen.
    Als wenn es eine Kunst ist Mist mit Filmgeldern zu produzieren den 5 Menschen im Kino anschauen.
    Aber sie können mir auch gerne den letzten lauten Popcornschinken nennen der einen Oskar gewonnen hat.
    (Aber Avatar klammere ich aus!) lach

  1. Was ist dann Ihrer Meinung nach der wichtigste Preis der Filmbranche?
    Bin gespannt!
    Und was dagegen spricht erfolgreiche Filme zu würdigen werde ich auch Nie begreifen.
    Als wenn es eine Kunst ist Mist mit Filmgeldern zu produzieren den 5 Menschen im Kino anschauen.
    Aber sie können mir auch gerne den letzten lauten Popcornschinken nennen der einen Oskar gewonnen hat.
    (Aber Avatar klammere ich aus!) lach

    • Jojas
    • 24. Februar 2013 23:44 Uhr

    Hören manche Oscar, sind sie schon auf Autopilot. Oscar = Hollywood = Kommerz = Schlecht. So einfach kann man es sich machen.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Steven Spielberg | Kathryn Bigelow | Osama bin Laden | Christoph Waltz | Hollywood | Kristen Stewart
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