Was zur Hölle mögen diesen beiden Kerle aneinander? Beim Pressetermin vor der Deutschlandpremiere von Django Unchained im prächtigen Ballsaal des Hotel de Rome scheinen sie am Dienstag Lichtjahre voneinander entfernt. Quentin Tarantino, ein kräftiger, lauter Kerl im chinesischen Jäckchen mit einer Pudelmütze auf dem Kopf. Und Christoph Waltz, ein schmaler, einsilbiger Herr mit Intellektuellenbrille, der dem lustig plaudernden Regiestar beim Hofhalten zusieht. Höflich, aber von Fragen und Ovationen befremdet, ganz eingehüllt in eine Aura der Distanz.

Dass sie sich mögen, ist jedenfalls seit 2008 gesetzt. Eine Freundschaft, die nicht im Himmel, sondern gleich hier im Beritt, nämlich in Potsdam-Babelsberg geschlossen wurde.

Da hat Quentin Tarantino bekanntlich mit starker deutscher Beteiligung seine viel diskutierte Nazi-Satire Inglourious Basterds gedreht. Und der zeitweilig mit seiner Familie auch in Berlin ansässige Österreicher Waltz hat für seine beängstigend elegante Aasigkeit in der Rolle des Judenjägers Oberst Hans Landa dann einen Oscar bekommen. Außerdem eine Hauptrolle im aktuellen Tarantino-Film, der familiäres Arbeiten schätzt und Christoph Waltz das Drehbuch während des Schreibens immer wieder zu lesen gab. "Ja", sagt der denn auch bündig auf die Frage, ob er Tarantino seine Weltkarriere verdanke. Und "gut" auf die, wie die Zusammenarbeit lief. Es sei dem Film doch anzusehen, dass er Vergnügen beim Spielen gehabt habe, setzt er schließlich noch nach. Das müsse er nicht extra sagen. "Alles kam von Tarantino und mit ihm hört alles auf."

Mehr als diese sybillinischen Worte sind Christoph Waltz nicht zu entlocken und die anderen aus Hollywood angereisten Stars wie Jamie Foxx, Tarantino- Stammschauspieler Samuel L. Jackson und Kerry Washington, die die weibliche Hauptrolle spielt, wollen schließlich auch was zu Django Unchained sagen.

Der fast drei Stunden lange, so lakonische wie blutige Sklavereifilm im Gewand eines Spaghetti-Westerns kommt am 17. Januar in die Berliner Kinos. Die Galapremiere in Los Angeles wurde im Dezember von Regisseur Tarantino nach dem Schulmassaker eines um sich ballerndern Amokläufers in Newton abgesagt. In den Staaten läuft der Film sehr erfolgreich, ist für fünf Golden Globes und am Ende dieser Woche womöglich auch für die Oscars nominiert, und hat eine Debatte über die mangelnde Aufarbeitung der amerikanischen Sklaverei ausgelöst.

Im Film funktioniert sie unnachahmlich beherzt und emotional sehr befreiend nach der seit Inglourious Basterds bewährten Methode-Tarantino, die da heißt: killt die Mörderschweine, wo ihr sie trefft. In den Kopf, die Beine, den Bauch, das Herz, die Eier, in Letztere besonders gerne. Diesmal sind die Schweine eben keine Nazis, sondern Sklavenhalter. Ganz normale Südstaatler des 19. Jahrhunderts, Baumwollplantagenbesitzer, die sich von ihren schwarzen Erntehelfern gerne Massa nennen lassen.

So wie der von Leonardo DiCaprio gespielte Charmeur und Sadist Calvin Candie, mit dem es Jamie Foxx als Sklave Django, Christoph Waltz als deutschstämmiger Kopfgeldjäger Dr. King Schultz und Kerry Washington als Deutsch sprechende Sklavin Broomhilda zu tun bekommen. Der Name heißt auf Deutsch Brünhilde. Bezüge dieser Art sind bei Tarantino, der sich ebenso gerne von historischen Filmgenres wie von anderen Kulturen inspirieren lässt, offensichtlich gerade die Lieblingsobsession. Ja, sagt er, die Nordamerikaner hätten mit den afrikanischen Sklaven dasselbe gemacht wie die Deutschen mit den Juden.

Und nicht nur mit denen. "Amerika ist für zwei Holocausts auf seinem Boden verantwortlich. Für die Ausrottung der indianischen Ureinwohner und für die Versklavung von Afrikanern und Jamaikanern." Trotzdem habe er keine Variation auf Schindlers Liste drehen wollen, sondern eine aufregende Abenteuergeschichte. Die sollte erst eine reine Rachearie im Stil der Italowestern der Sechziger und Siebziger werden, aber dann fiel dem 49 Jahre alten Tarantino noch rechtzeitig auf, dass eine zweite Komponente wie Liebe der Geschichte nicht schaden kann.

Außer dem schon wieder mit einem neuen Dreh beschäftigten Leonardo DiCaprio, hat es übrigens auch Franco Nero nicht zur Premiere am Potsdamer Platz und zur anschließenden Party im Club Felix in der Behrenstraße geschafft. Doch wenigstens in einer Filmszene gebe der italienische Ur-Django dem neuen schwarzen Pistolero seinen Segen, sagt der Regisseur. Dann ist die Sprechstunde von Zampano Tarantino auch schon um. Christoph Waltz geht schweigend hinaus.

Erschienen im Tagesspiegel