Gérard DepardieuFrankreichs Wirtschaft ist schlecht fürs Kino

Depardieu flieht mit seinen Millionen und hinterlässt eine hitzige Gehaltsdebatte. Dabei sind nicht die Schauspieler-Gagen Frankreichs Problem, sondern die Filmqualität. von 

Gérard Depardieu zu Besuch bei Wladimir Putin in Sotschi am 5. Januar

Gérard Depardieu zu Besuch bei Wladimir Putin in Sotschi am 5. Januar  |  © Mikhail Klimentyev/AFP/Getty Images

Frankreich liebt das Kino und die Debatten. Und erst recht Debatten über das Kino. Dieser Tage kommen die Franzosen daher so richtig auf ihre Kosten.

Begonnen hatte alles mit dem Exodus von Gérard Depardieu. Getroffen von der Kritik an seiner Person hat der empfindsame Riese seine Verwandlung in einen Russen dermaßen radikalisiert, dass die Pariser Beurteilungsmaschinerie noch immer um Worte ringt. Sein Fall hat gleich mehrere Diskussionen ausgelöst: über die Steuerlast, den Wert der Staatszugehörigkeit und die Millionengagen der Stars. Ein Thema, das es bis auf die Titelseiten der Boulevardpresse bringt. Schließlich ist Frankreich ein Land, in dem man sich heftig über hohe Einkommen erregt (weniger heftig über niedrige). Aufregung erzeugte etwa die Behauptung eines Filmproduzenten, dass Dany Boon, der in Los Angeles lebende Darsteller des bodenständigen Frankreichs (Willkommen bei den Sch'tis), für seinen neuen Film zehn Millionen Euro kassieren werde. Der Publikumsliebling dementierte dies umgehend und ließ wissen, es handele sich bloß um zwei Millionen.

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Vom skandalisierten Gleichheitsdiskurs angefeuert nimmt auch die Diskussion über die Filmförderung Fahrt auf. Frankreichs Kinoproduktion beruht, entgegen aller Klischees, nicht auf staatlichen Subventionen; sie machen im Durchschnitt nur 1,7 Prozent des Budgets eines Films aus. Es kommen 7,7 Prozent hinzu, die aus der Filmwirtschaft stammen; ein Gesetz verpflichtet Kinos, Verleiher und Videovermarkter, diese Zuwendung zu finanzieren. Wer ins Kino geht, um beispielsweise einen Hollywoodfilm zu sehen, bezahlt die Produktion eines französischen Streifens durch einen Preisaufschlag auf die Eintrittskarte mit. Die Fernsehsender wiederum müssen sich von Gesetzes wegen als Investoren an der nationalen Filmproduktion beteiligen, weshalb sie durchschnittlich für ein Drittel des Budgets aufkommen – in der Erwartung, dass diese Kosten wieder hereingespielt werden.

Viel Schrott unter 300 Filmen pro Jahr

Dieses protektionistische System, von der EU-Kommission nur aus diplomatischen Gründen hingenommen, funktionierte bisher ganz gut. Frankreichs Kino lebt. Aber die Maschinerie überdreht, denn sie enthält keine Kontrollmechanismen. Sie spuckt rund 300 Filme pro Jahr aus, und bei aller Liebe: Es ist unglaublicher Schrott darunter.

Erfreulicherweise nimmt ihn das Publikum nur selten an. Woraus sich ein wirtschaftliches Risiko ergibt, gegen das sich die Sender und andere Investoren versichern, indem sie für ihre großen Produktionen Superstars einkaufen. Die sind selten, die Gagen folglich hoch. Für andere Posten bleibt da oft wenig übrig. Es wurde schon vermutet, dass hierin ein Grund für die oft so schwachen Drehbücher liegt. Ein weiterer dürfte freilich der sein, dass ein Skript heute durch Hunderte prüfende Hände geht, bevor eine TV-Anstalt investiert. Die Zeiten sind vorbei, da Drehbuchautoren Stars waren.

Hinter diesen Misslichkeiten lauert eine ärgere. Französische Produzenten drehen zunehmend im Ausland, während sich ausländische Produzenten mittlerweile rar machen – sie kennen Länder, in denen Steuern und Personalkosten geringer sind. Kurzum, Frankreichs Wirtschaft ist schlecht fürs Kino. Aber die Kulisse steht noch; sollte das Drehbuch verlangen, dass der Eiffelturm ins Bild kommt, kann man ja für einen Tag hinfahren.

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Leserkommentare
  1. endlich zeigt einer der Öffentlichkeit wie weit es mit der Globalisierung ist.
    Ein Land ist nur eine Firma, bei besseren Konditionen lohnt sich der Wechsel.

    Patriotismus und Loyalität? Werte von gestern.

    3 Leserempfehlungen
  2. Deutschland ist nicht besser.

    "ein Gesetz verpflichtet Kinos, Verleiher und Videovermarkter, diese Zuwendung zu finanzieren. Wer ins Kino geht, um beispielsweise einen Hollywoodfilm zu sehen, bezahlt die Produktion eines französischen Streifens durch einen Preisaufschlag auf die Eintrittskarte mit. ..."

    Und ich, jemand der keinen Fernseher hat, will oder braucht, muss jetzt dumme Sendungen mitfinanzieren. Ich muss auch schwachsinniges finanzieren, obwohl ich viel lieber Bücher (auf 3 Sprachen) lese, Kurse mache und gebe und Sport machen. Aber nein.. ich muss auch 'Schrott' finanzieren. Ich könnte heulen, wenn ich daran denke, was ich mit EUR 215 pro Jahr anfangen könnte. VHS-Kurse, Schwimmen, Wanderungen zum Beispiel.

    Also Deutschland kann Frankreich wirklich nicht kritisieren.

    3 Leserempfehlungen
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    Redaktion

    Hier krisisiert nicht Deutchland Frankreich, so wie Sie das lesen. Hier informiert ein Korrespondent über die Kritik in Frankreich - und gibt seine Meinung dazu.

  3. Redaktion

    Hier krisisiert nicht Deutchland Frankreich, so wie Sie das lesen. Hier informiert ein Korrespondent über die Kritik in Frankreich - und gibt seine Meinung dazu.

    Eine Leserempfehlung
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    • AndreD
    • 08. Januar 2013 16:43 Uhr

    mit diesen Zahlen die sie präsentieren?

    Ich habe es ja schon in Beitrag 57 gesagt. Aber irgendwie wäre es doch schön zu erfahren, was diese seltsamen Zahlen mit Gerard Depardieu zu tun haben.

  4. Depardieu ist ein französischer Schauspieler, der ohne Frankreich, ohne das französische Publikum und ohne die französische Filmwirtschaft nur schwer vorstellbar ist. Dass ein solcher Mann dann glaubt, er alleine sei für den wirtschaftlichen Erfolg verantwortlich, zeigt eine gewisse Beschränktheit. Allerdings glauben viele Menschen auch in anderen Ländern, dass sie ihren wirtschaftlichen Erfolg ganz alleine ihren Fähigkeiten verdanken, was in aller Regel auch ein Irrtum ist. Wenn mit der Einbürgerung Depardieus in Russland die Ausbürgerung in Frankreich verbunden sein sollte, wird Depardieu selbst in kurzer Zeit erkennen, dass Russland keineswegs das Land seiner Träume ist und er ohne Frankreich nicht mehr so gut zurecht kommt. Man wird sehen, ob und wann der Katzenjammer sich einstellt. Steuererparnis ist in der Regel nicht alles.

  5. Gerard Depardieu ist als Schauspieler über jeden Zweifel erhaben, ich glaube, darüber braucht man nicht zu diskutieren. Ihn und den französischen Film nun deswegen in den Dreck zu ziehen, nur weil eine Entscheidung politisch nicht genehm ist, über diese Art von Stil braucht man, glaube ich, ebenfalls nicht diskutieren.
    Und was die Filmförderung anbelangt, so sollte der Autor doch hier etwas verhaltener sein, schaffen es doch gerade die Ergüsse des Deutschen Films selten ohne massive finanzielle Unterstützung in die Kinos oder würden vielleicht gar nicht gedreht werden, müßt man sich uneingeschränkt dem Wettbewerb stellen.

    2 Leserempfehlungen
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    Redaktion

    1) Bevor man Vokabeln wie "Hetze" benutzt, ist es immer gut, ein wenig zu zögern.

    2) Ausgerechnet mir anzulasten, ich würde Depardieu "in den Dreck ziehen", zeigt, dass Sie nicht lesen, worüber Sie sich ereifern.

    3) Was den deutschen Film betrifft, stimme ich Ihnen zu. In dem Text geht es allerdings nicht um den deutschen Film, auch das ist Ihnen entgangen.

  6. vom Staat, der "meine" Steuergelder verschwendet.

    Ich warte immer noch auf den Steuerflüchtigen, der seine durch Auslandsflucht gesparten Steuermillionen in eine Stiftung einzahlt und damit in seinem Heimatland gutes tut...

    Wenn's der Staat nicht richtig macht, kann er oder sie es ja besser machen. Passiert nur nie...

    Und bis dahin nehme ich mir das Recht heraus, die Damen und Herren Steuerflüchtigen als gierige Fetthälse zu bezeichnen, die den Rachen nicht voll genug bekommen können!

  7. sollte vielleicht mal mit einem Facharzt sprechen... ;-)

    Gilt im übrigen auch für Monsieur Depardieu.

  8. Warum sollte Vettel in Deutschland Steuern zahlen?
    Er steht bei Red Bull unter Vertrag und fährt internationale Rennen.
    Weil er den deutschen Pass hat?
    Weil er in Deutschland zur Schule gegangen ist?
    Das ist doch absurd.

    Neidhetze bringt uns nicht weiter.

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Persona non grata"

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte EU-Kommission | Film | Boulevardpresse | Debatte | Drehbuch | Filmproduktion
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