Doku "Lied des Lebens"Musikalische Späterziehung

Der Komponist Bernhard König entwickelt mit alten Menschen deren persönliches "Lied des Lebens". Aus dieser Arbeit entstand ein schöner Dokumentarfilm voll faltiger Stimmen. von 

Im nüchternen Mehrzweckraum eines Stuttgarter Seniorenheims rascheln ein paar Grauhaarige im Herbstlaub, dann imitieren sie mit ihren Stimmen, wie Kastanien in ein Tamburin fallen - es sieht so als als kämen sie sich ein bisschen doof dabei vor. Wie Kindergartenkinder in der musikalischen Früherziehung werden die skeptischen Alten ans Lauschen und Singen herangeführt. Den Zuschauer macht es kurz etwas beklommen.

Doch der Dokumentarfilm Das Lied des Lebens von Irene Langemann zeigt keine Beschäftigungstherapie für resignierte Senioren und erklärt keine didaktische Methode. Zwar bleibt die durchaus kindlich naive Suche nach den richtigen Klängen zentral, aber sie ist nicht das Ziel. Langemann begleitet den Musiker Bernhard König bei seiner Arbeit: Er lässt sich von den alten Menschen Geschichten aus deren Leben erzählen und findet dann aus diesen reichen Biografien, den Schicksalsschlägen und mithilfe der persönlichen Ausdrucksformen gemeinsam mit ihnen ihr "Lied des Lebens". Die Alten hauchen und glucksen, schreien und singen mit ihren brüchigen Stimmen. So entsteht nichts Erwartbares, keine Volksmusik, kein Mozartverschnitt, sondern ein Musikstück, das für jeden Einzelnen mit König und mit der Unterstützung weiterer Profimusiker, komponiert und aufgeführt wird.

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Wie das Lied von Magdalena Reisinger. Die gottesfürchtige 78-Jährige mit dem schwäbischen Akzent und dem dünnen, grauen Haar gibt sich mädchenhaft. In ihrem Zimmer stellt sie eine Puppensammlung aus. Für König singt sie sich eine Episode aus ihrer frühen Jugend von der Seele, die sie geprägt und traumatisiert hat: Kann denn Liebe Sünde sein? Mit 14 Jahren folgte sie einem Jungen in den Wald und wurde schwanger. Im Dorf war sie fortan geächtet, die Mutter prügelte sie täglich. König hat sich für ihr Lied Unterstützung von einer A-Capella-Gruppe geholt. Gemeinsam entwickeln sie für Magdalena Reisinger ihre eigene bedrückende Version des Zarah-Leander-Schlagers. Heute hat sich Frau Reisinger längst mir ihrem Leben versöhnt und so hat auch ihr Lied ein gutes Ende. "Nein, Liebe kann keine Sünde sein", spricht sie ins Mikrofon, als sie ihr Lied schließlich in einem Puppenmuseum aufführt.


Bernhard König sagt über seine Arbeit, er habe sich auf die Suche gemacht nach Orten, an denen Musik wirklich gebraucht würde. Dabei ist er nicht Musikpädagoge, sondern Komponist. Entsprechend eigenwillig ist seine Arbeit mit den Alten. Schon während des Studiums habe er sich für "faltige Stimmen" begeistert, sagt er, und der Film zeigt parallel zu seiner Arbeit im Seniorenheim immer wieder auch Proben Königs mit einem Chor in Köln, in dem nur Menschen über 70 mitmachen dürfen. Auch diese Sänger entwickeln ihre Stücke aus den besonderen Erlebnissen der Einzelnen, die alle den Schlamassel überlebt haben, wie eine Teilnehmerin die Nazi-Zeit beschreibt. Diese Generation hat viel auszudrücken. Genug für etliche Lieder, genug für einen Film.


Die heimliche Heldin von Das Lied des Lebens ist dabei Sigrid Thost. Im Alter erblindet, improvisiert sie gemeinsam mit König auf dem Klavier. Sie nimmt nur die schwarzen Tasten, die sie leichter erfühlen kann. Sie taucht ganz ein, "tobt sich aus", wie sie selbst sagt, und bezaubert den Zuschauer mit der unglaublichen Lebensfreude, die ihr zarter, gebrechlicher Körper dabei ausstrahlt. Ihr Lied wird am Ende von der Verzweiflung handeln, die sie als Vierjährige empfand. Ihre Mutter sei nun im Himmel, hatte man ihr damals erzählt. Sie erinnert sich, wie sie in den Himmel gerufen hat: "Mutti, wo bist du?" Heute kann sie ihre Trauer von damals für König nicht nur eindringlich beschreiben, sie kann auch den Schlussakkord, den sie sich für ihr Stück wünscht, präzise benennen. Für König sei die alte Dame zur Muse geworden, sagt er. Und am Ende kann auch der Zuschauer hören, wie ein leerer Himmel klingt.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Film | Alte | Arbeit | Chor | Dokumentarfilm | Komponist
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