An einem Schreibtisch neben der Eingangstür sitzt Jörg Wontorra, 64 Jahre Leben, 40 Jahre Fernsehen, alter Hase, ein Gesicht wie eine Tropfsteinhöhle, als wäre es über die Jahre ständig im Scheinwerferlicht geschmolzen und wieder erkaltet. Wontorra, das verrät seine Körpersprache, steht unter Druck.

Als er Pocher sieht, öffnet sich seine Miene für eine dieser, mit fauchendem Gelächter unterlegten, Verbrüderungssekunden, die es so nur in Kneipen und unter Fernsehmenschen gibt. Pocher möchte wissen, was wichtig wird am nächsten Tag. Seine Vorbereitung. Sachlich, schnell, ohne große Schnörkel, fast charmant. Es ist nicht seine Show hier.

Pocher: "Gibt es irgendwie eine strittige Szene?"

Wontorra: "Das Foul von Josué, den Ibisevic überlassen wir euch heute Abend."

Pocher: "Machen wir dann Stevens, wenn Schalke heute wieder nicht gewinnt?"

Wontorra: "Und am Ende die Bayern."

Pocher: "Die sich jetzt in eine Krise reinspielen."

Wontorra: "Noch ist nichts entschieden."

Pocher: "Wir können uns ja ein bisschen die Spannung schönreden."

Wontorra: "So machen wir das."

Bis morgen. Wontorra schließt die Tür. Er hat Pocher in den Doppelpass geholt, eine Schnapsidee zu jener Zeit. "Damals kam er noch als Gaukler zu uns", sagt Wontorra jetzt. "Mittlerweile sehe ich ihn als Sportmoderator mit Unterhaltungswert. Neudeutsch nennt man das, glaube ich, Sportstainment." Ja, ja, sein Kopf wippt, das trifft es ganz gut. Er lässt ein Lachen folgen, das von Raucherhusten kaum zu unterscheiden ist, danach Blick zurück: "Es gab am Anfang von den Hardcore-Gästen den ein oder anderen Vorbehalt. Das hat sich aber immer dann gelegt, wenn sie ihn mal zwei Stunden in der Sendung erlebt haben." Er nimmt sich ein paar Sekunden Bedenkzeit, als müsste er den nächsten Gedanken ganz in Ruhe formen, sagt dann: "Er hat gelernt, dass Fußball die ernsteste Sache der Welt ist." Da lacht Wontorra nicht.

Rinne hat sich seinen Stuhl vor einen der Monitore hinter den Publikumsreihen gezogen. Sonntag, kurz nach 11 Uhr. Die Übertragung läuft. Hier kann er besser sehen, was keine zehn Meter Luftlinie von ihm entfernt passiert. Er sieht sein Produkt, das nur spricht, wenn es von Wontorra direkt angesprochen wird. Was sagst du dazu, Olli? Dann sagt der Olli was dazu.

Wontorra macht jetzt die Bayern, über den Bildschirm läuft das Handspiel Jérôme Boatengs, dazu die Frage: Elfmeter oder nicht? Er beugt sich zu Pocher: "Unser Analyst ist in diesem Fall, wie sonst auch: Oliver Pocher. Er hat das bisher immer alles richtig gemacht."

Zehn Meter entfernt richtet sich Rinne im Stuhl auf: "Siehste", sagt er, "siehste! So weit haben wir es schon geschafft."

Erschienen im Tagesspiegel