Max-Ophüls-FilmfestivalVerbrechen und andere Beben
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Bewahren einer cineastischen Identität im deutschsprachigen Kino

Verbrechen und die Untersuchung ihrer traumatischen Nachbeben waren der narrative Ausgangspunkt vieler Filme dieses Festivals. In Bettina Blümners Scherbenpark, der den Drehbuchpreis über 13.000 Euro erhielt, sucht die 17-jährige Sascha (Jasna Fritzi Bauer – Preis für die beste Darstellerin) nach dem Mord des Stiefvaters an ihrer Mutter einen Zugang zum Leben. Thomas Siebens Staudamm spürt den Folgen eines Amoklaufs in einer bayrischen Gemeinde nach. Florian Eichingers Nordstrand erzählt von den Konflikten zweier erwachsener Brüder, deren Kindheit von den Misshandlungen des Vaters geprägt war.

In den letzten Jahren haben die Festivalleiter Gabriella Bandel und Philipp Bräuer bei der Gestaltung des Wettbewerbs stets auch die Vielfalt des jungen deutschsprachigen Kinos demonstriert. Dieses Mal reichte das Spektrum von Philippe Weibels Low-Budget-Horrorfilm Trapped über Tom Lass’ Beziehungskrisendrama Kaptn Oskar bis zu der fabelhaften Film-im-Film-Komödie Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel (Publikumspreis). Hier versucht ein Filmteam, dem die Produktionsmittel gestrichen wurden, mit einem Ochsen als Pferdeersatz und einer Menge Improvisationsvermögen Kleists Michael Kohlhaas zu verfilmen – eine hinreißend komische Liebeserklärung ans Filmemachen, in der Fantasie und Enthusiasmus als treibende Kräfte beschworen werden.

Ein Filmfestival lässt sich damit allein jedoch nicht bestreiten. Darauf verwies der österreichische Filmemacher Markus Schlenzer. Als Jury-Mitglied forderte er eine längst überfällige Aufstockung des Festivaletats und betonte die Bedeutung des Saarbrücker Festivals für das Herausbilden und Bewahren einer cineastischen Identität im deutschsprachigen Kino.

Dass Filme, die ihre künstlerische Identität gegen den globalen Mainstream verteidigen, auch im internationalen Maßstab konkurrenzfähig sind, haben die österreichischen Festivalerfolge der letzten Jahre in Cannes und Venedig hinreichend belegt. Davon könnte das deutsche Kino und vor allem die hiesige Filmförderung noch einiges lernen.

Erschienen im Tagesspiegel

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