Neuer Tarantino-FilmBlutige Spaßeslust im Protest-Gewand

War die Sklavenhaltung in den USA ebenfalls ein Holocaust? In der Debatte um seinen Film "Django Unchained" nutzt Tarantino den Vergleich – offenbar auch aus PR-Gründen. von Jan Schulz-Ojala

Der Filmregisseur Quentin Tarantino

Der Filmregisseur Quentin Tarantino  |  © Carlo Allegri/Reuters

So genannte Nachrichten im Vorfeld von großen Hollywood-Produktionen sind stets mit Vorsicht zu genießen. Die übliche Variante kleidet sich ins Genre Klatsch & Tratsch. Seltener ist das noblere Gewand der debattenähnlichen Verlaufsform. In beiden Fällen schadet es nie zu fragen: Wem nützt die News?

Quentin Tarantinos 100-Millionen-Dollar-Django, in den USA seit Weihnachten im Kino, ist dieser Tage auf Level 3 der Vorabneuigkeiten angekommen. Die erste war die Absage der Hollywood-Glitzerpremiere kurz nach dem Schulmassaker von Newtown, Connecticut. Nur Zyniker würden hier nach dem Nutzen einer Entscheidung fragen, die die Pietät gebot. Dennoch darf man nüchtern feststellen: Die Nichtabsage hätte der Karriere des extrem brutalen Films gewiss geschadet.

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Zweifellos extrem nützlich für die Produktion war dann, pünktlich zum Kinostart, Spike Lees wütende Einlassung, die im Film gegeißelte Sklaverei der Schwarzen sei kein "Spaghetti-Western", sondern ein "Holocaust" gewesen – zumal der Hohepriester der afroamerikanischen Community zugleich bekannte, sich den Film gar nicht erst anschauen zu wollen. Remmidemmi ist immer gut fürs Geschäft. Nur: Was, wenn Spike Lee mit dem Super-Reizwort vom Holocaust doch Leute vom Ticketkauf abhält?

Da braucht es, sicher ist sicher, Stufe 3 der öffentlichen Ärgerniserregung. Also stimmte ausgerechnet Tarantino selber Spike Lee dröhnend zu, ausgerechnet vor der Premiere in Berlin. Klar sei die Sklaverei ein Holocaust gewesen und die Ausrottung der Indios bei der Eroberung des Kontinents ein zweiter. Deutungshoheitlich gemeint: Seine neueste Killer-Orgie in historischem Gewand möge als flammender Protest verstanden werden, wie ihn ein Spike Lee nicht besser hätte in Szene setzen können.

Holocaust? Der Begriff, etymologisch "vollständig verbrannt" bedeutend, bezeichnet die Industrialisierung des Mordens, wie die Nazis sie an den Juden betrieben – ein Menschheitsverbrechen, für das es, trotz mancher furchtbarer historischer Annäherungsversuche, keine Parallele gibt. Dass der Terminus inzwischen inflationär verwendet wird, vom Tier-Holocaust bis zum Abtreibungs-Holocaust, macht seine klar konnotierte Schärfe nur noch sichtbarer. Und dass gerade Rechtsradikale die Abschleifung des Begriffs betreiben und bejubeln, erst recht.

Nun könnte man sagen: Wer so ungenau mit dieser eindeutig konturierten Vokabel umgeht, kann nur dumm oder böse sein. Aber das wäre wohl so hart wie darauf hinzuweisen, dass trotz extremer Grausamkeit die weißen Sklavenhalter schon ausbeutungshalber strukturell eher ein Interesse am Leben als am massenweisen Tod ihrer schwarzen Opfer hatten. Auch diskreditiert die blutige Spaßeslust, die Tarantino – wie schon in Inglourious Basterds – geritten hat, nicht unbedingt das Nebenmotiv, den historisch Unterdrückten zumindest nachträglich im Kino zum Sieg zu verhelfen.

Nur ist ihm dafür offenbar jedes Mittel recht. Argumentativ bei Pressekonferenzen. Und ästhetisch, im Film selber. Aber davon – auch dieser Text weiß um seine Verwendbarkeit im PR-Zusammenhang – nächste Woche mehr, im Kino.

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Leserkommentare
  1. > Nur der industriell begangene Völkermord an den Juden wird
    > groß 'Holocaust' geschrieben. Alle anderen Völkermorde
    > hingegen klein 'holocaust'.

    Hä? Die Kleinschreibung in Spike Lees Zitat beruht einfach auf der Tatsache, daß im Englischen normalerweise alle Wörter klein geschrieben werden.

    > Einfach nur abschreiben, was andere schon zuvor
    > falsch wiedergegeben haben, ist kein guter Journalismus.

    Und was ist jetzt genau falsch in dem Artikel? Dort heißt es:

    "Der Begriff (...) bezeichnet die Industrialisierung des Mordens, wie die Nazis sie an den Juden betrieben – ein Menschheitsverbrechen, für das es, trotz mancher furchtbarer historischer Annäherungsversuche, keine Parallele gibt."

    und das ist auch absolut richtig.

    5 Leserempfehlungen
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    • Uxmal
    • 10. Januar 2013 16:23 Uhr

    > Hä? Die Kleinschreibung in Spike Lees Zitat beruht einfach >auf der Tatsache, daß im Englischen normalerweise alle > Wörter klein geschrieben werden.

    So unrecht hat der erste Kommentar vielleicht nicht, denn nicht alle Wörter werden im Englischen klein geschrieben, wie eben Eigennamen. Auch Wikipedia schreibt "The Holocaust":

    http://en.wikipedia.org/w...

    Maximal könnte man argumentierten, dass es sich um einen schnell hingeschriebenen Tweet gehandelt hat.

    • cb81
    • 10. Januar 2013 17:57 Uhr

    nobertZ hat in dem Punkt des Gebrauches der Begrifflichkeit absolut recht. Spike Lee hat mit Absicht nicht von dem Holocaust gesprochen (dann immer the Holocaust und großgeschrieben), sondern von einem Holocaust von vielen. Den Begriff gibt es ja schon seit Jahrhunderten und besondere Bedeutung erlangte er erst mit der Judenvernichtung. Allerdings würde ich eher Spike Lee - wie auch der Autor des Artikels oben - für die Verwendung des Begriffs kritisieren. Denn tatsächlich beschreibt das Wort eine Verbrennung von Opfern und es wäre sicher passender für die Sklavenschande ein anderes Wort zu verwenden, dass weniger Verwechslungen provoziert.

  2. Dies weiß auch Spike Lee, weshalb er "American slavery was not a Sergio Leone Spaghetti Western," ... "It was a holocaust." twitterte.

    Nur der industriell begangene Völkermord an den Juden wird groß 'Holocaust' geschrieben. Alle anderen Völkermorde hingegen klein 'holocaust'.

    So betrachtet, kann ich der Aussage Spike Lees, durchaus mehr als nur etwas abgewinnen.

    In einem so sensiblen Umfeld wünsche ich mir dann doch eine etwas intelligentere Herangehensweise bei der Berichterstattung. Einfach nur abschreiben, was andere schon zuvor falsch wiedergegeben haben, ist kein guter Journalismus.

    2 Leserempfehlungen
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    > Nur der industriell begangene Völkermord an den Juden wird
    > groß 'Holocaust' geschrieben. Alle anderen Völkermorde
    > hingegen klein 'holocaust'.

    Hä? Die Kleinschreibung in Spike Lees Zitat beruht einfach auf der Tatsache, daß im Englischen normalerweise alle Wörter klein geschrieben werden.

    > Einfach nur abschreiben, was andere schon zuvor
    > falsch wiedergegeben haben, ist kein guter Journalismus.

    Und was ist jetzt genau falsch in dem Artikel? Dort heißt es:

    "Der Begriff (...) bezeichnet die Industrialisierung des Mordens, wie die Nazis sie an den Juden betrieben – ein Menschheitsverbrechen, für das es, trotz mancher furchtbarer historischer Annäherungsversuche, keine Parallele gibt."

    und das ist auch absolut richtig.

    Hier fuer all die dem Englischen maechtig sind: http://www.charlierose.co... Tarentino im Interview zu dem Film. [Keine Ahnung ob youtube in Deuschland dieses interview sehbar gemacht hat: www.youtube.com/watch?v=RtYc7fNI9jw]

  3. 8. Sorry,

    aber "Holocaust" ist ein Wort, das übertragbar ist und schon lange übertragen wird - auch auf die Geschichte der Schwarzen und der Indianer in Amerika - und zwar ganz offiziell in Erinnerungs-Institutionen dieser Bevölkerungsgruppen:

    http://www.abhmuseum.org/

    http://www.unitednativeam...

    Manchmal fragt sich wirklich, ob Deutschlands geistiger Horizont tatsächlich größer geworden ist seit 11945 oder sich nach wie vor nur um sich selbst dreht so nach dem Motto "Unser Holocaust ist unserer und den lassen wir uns nicht nehmen".

    P.S.: Aus gutem Grund gebrauchen jüdische Organisationen das Wort Holocaust NICHT. Es gibt treffendere Worte für das Menschheitsverbrechen der Nazis!

    2 Leserempfehlungen
    • Uxmal
    • 10. Januar 2013 16:23 Uhr

    > Hä? Die Kleinschreibung in Spike Lees Zitat beruht einfach >auf der Tatsache, daß im Englischen normalerweise alle > Wörter klein geschrieben werden.

    So unrecht hat der erste Kommentar vielleicht nicht, denn nicht alle Wörter werden im Englischen klein geschrieben, wie eben Eigennamen. Auch Wikipedia schreibt "The Holocaust":

    http://en.wikipedia.org/w...

    Maximal könnte man argumentierten, dass es sich um einen schnell hingeschriebenen Tweet gehandelt hat.

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    • TDU
    • 10. Januar 2013 17:16 Uhr

    "Spätestens der Völkermord an den Ureinwohnern Nordamerikas ist schon nahe dran." Tja, wenn Sie das sagen, wirds wohl stimmen. Nur wüsste ich nicht, inwieweit der Lebensstil der Juden hierzulande mit dem der Deutschen konkurriert hätte.

    Wären die Indianer Landbesitzer gewesen mit viel weniger Landbedarf wäre die Geschichte anders verlaufen. Ausserdem waren es keine Amerikaner sondern Europäer, die froh waren, aus der Armut und Enge Europas raus zu kommen.

    Und dann wars keine konzertierte Aktion nur einer Regierung. Also ein paar Unterschiede bestehen schon. Aber den Künstlern soll man solche Ungenauigkeiten gerne zubilligen. Zumindest wenn sie der eigenen Auffassung entsprechen.

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    • cb81
    • 10. Januar 2013 17:57 Uhr

    nobertZ hat in dem Punkt des Gebrauches der Begrifflichkeit absolut recht. Spike Lee hat mit Absicht nicht von dem Holocaust gesprochen (dann immer the Holocaust und großgeschrieben), sondern von einem Holocaust von vielen. Den Begriff gibt es ja schon seit Jahrhunderten und besondere Bedeutung erlangte er erst mit der Judenvernichtung. Allerdings würde ich eher Spike Lee - wie auch der Autor des Artikels oben - für die Verwendung des Begriffs kritisieren. Denn tatsächlich beschreibt das Wort eine Verbrennung von Opfern und es wäre sicher passender für die Sklavenschande ein anderes Wort zu verwenden, dass weniger Verwechslungen provoziert.

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    • bRi4n
    • 10. Januar 2013 18:20 Uhr

    wir uns vor Augen führen, dass wir hier über Tarantino reden. Nicht über Michael Moore oder sonstige. Der Mann hat schon mehrmals gesagt, dass es ihm bei all seinen Filmen darum geht einfach nur gute Filme zu machen. Und bisher wurde ich nicht enttäuscht. Deshalb freue ich mich einfach auf den Film.

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  4. Dies trifft auch auf die letzte Phase der Schreckensherrschaft der Jakobiner zu, in der massenweise Unschuldige mit den damals zur Verfügung stehenden Mitteln ermordet wurden. Auch sonst gibt es hier viele Parallelen zur Nazi-Diktatur. Die Freiheit, die damals ohne Zweifel erreicht wurde, war die Freiheit der Großunternehmer, endlich ohne Gegenwehr ihre Diktatur des Geldes einzurichten.

    (Das allgemeine Wahlrecht, welches damals eingeführt wurde (natürlich nur in Verbindung mit Wehrpflicht und Arbeitspflicht...und nur deswegen), wurde übrigens DANACH wieder ABGESCHAFFT! Nur wer Geld hatte, durfte wählen. Das sollte man wissen.
    Aber wenn man Peter Altmaier heißt und Bundesminister ist, meint man freilich eher, daß in Paris die Demokratie erfunden wurde.)

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  • Schlagworte Film | Genre | Holocaust | Kino | USA | Berlin
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