FilmregisseurMuss man Tarantino schätzen?

Der Trashpoet hat wichtige Filmgenres wiederbelebt, findet Carolin Ströbele. David Hugendick meint: Kaum ein Regisseur ist so selbstherrlich und dabei so öde. von  und

Quentin Tarantino in Heldenpose

Quentin Tarantino in Heldenpose  |  © Leon Neal/AFP/Getty Images

Pro Tarantino: Lasst den Mann doch einfach mal machen!

Quentin Tarantino hat einen neuen Film gedreht. Er handelt von Rache. Schon wieder, jaulen seine Kritiker auf. Ja, schon wieder. Diesmal werden keine Nazis plattgemacht, sondern Sklavenhändler. Aber im Grunde geht es wieder um Gut gegen Böse. In der Neon schrieb ein Autor, man würde von Tarantino einfach auch gerne mal eine romantic comedy sehen. Nein. Ich will das nicht. Warum soll dieser Mann etwas anderes machen als das, was er am besten kann? Nämlich Genres auseinandernehmen und neu zusammensetzen. Von Woody Allen verlangt ja auch niemand, er solle mal einen Action-Film drehen. Und der dreht wirklich jedes Jahr denselben Film, nur in einer anderen Stadt.

Tarantino ist natürlich längst zum Konsens-Trash-Poeten geworden, das schmälert aber nicht seine filmische Leistung. Er hat nicht nur Genres wiederbelebt, sondern vor allem Schauspieler erweckt: Die großartige Pam Grier in Jackie Brown, und natürlich war auch John Travolta eine Wiederentdeckung. Ein österreichischer Fernsehseriendarsteller hat Tarantino sogar den Oscar zu verdanken.

Es stimmt, Tarantino-Filme sind Gewaltorgien, die das aufgeklärte Bürgertum nur erträgt, weil sie moralisch abgesichert und lustig inszeniert sind. Aber können wir uns bitte alle mal entspannen? Ich jedenfalls werde mich jetzt in meinem gelben Trainingsanzug auf die Couch fläzen und zum 27. Mal Kill Bill, Vol.1 ansehen. Das Samuraischwert müsste auch mal wieder poliert werden. (Carolin Ströbele)

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Contra Tarantino: So aufregend wie eine Filmedition von Tschibo

Ich muss nur eine Diskothek betreten, um die Verheerungen zu sehen, die Quentin Tarantino angerichtet hat. Neben den schlimmen Versuchen von Männern, textadäquat zu Sex Machine zu tanzen, sieht man dort auch immer Frauen mit den verrucht gemeinten Armbewegungen, die einst bei Uma Thurman in Pulp Fiction vielleicht okay aussahen. Gut, für seine Fans kann Tarantino nichts. Für seine Filme schon. Sein neuer kommt jetzt ins Kino, ein Spaghetti-Western. Und es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis Milliarden von Kritikern wieder keuchen vor Bewunderung.

Mag sein, dass Tarantinos renovierender Umgang mit Hollywoods Genrekino vor vielen Jahren neu und aufregend war. Mittlerweile gleicht er dem Katechismus von Tchibo-Editionen: das Schrillste und Beste von den Sechzigern bis heute.

Tarantino macht ein Kino, das sich am liebsten mit sich selbst beschäftigt und sich dabei schwer lustig findet. Eins der Frisuren und der Klamotten und der Zitate. Eine Masche, die fast spießig ist in ihren immer gleichen ästhetischen Voraussetzungen. Und um die geht's schließlich, nicht um Handlung (die oft dieselbe ist), schon gar nicht um Moral, die man natürlich überall reindeuten kann. Alles ist ein großer filmhistorischer Jux. Es gibt kaum einen selbstgenügsameren Regisseur als ihn. Und wer jetzt versucht, Tarantino mit dem Wort Kult beizuspringen, soll bitte bedenken, dass das für Scooter ja irgendwie auch gilt. (David Hugendick)

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Leserkommentare
    • Voskari
    • 17. Januar 2013 18:37 Uhr

    Wenn ich mir ein Tarantino Film angucke, dann gewiss nicht um irgendeine moralisch, geistige Erleuchtung zu erlangen.

    5 Leserempfehlungen
  1. sein bester Film. Brutal, aber nicht so brutal wie die Realität. Und die Botschaft in dem Film habe sogar ich verstanden.

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    ich schließe mich an. Ich denke, dass viele, die hier kommentieren, den Film gar nicht gesehen haben. Übrigens, der Struwelpeter ist viel brutaler.

    • polyfon
    • 17. Januar 2013 19:09 Uhr

    Nicht nur das meine Generation den Begriff Disko gar nicht mehr benutzt(Club wäre das adäquate Wort), nein meine Generation tanzt auch nicht wie John Travolta und Uma Thurman.
    Quentin Tarantino hat einen Stil entwickelt, der sehr eigenständig ist und von dem es zumindest in gleicher Qualität nur sehr wenige Filme gibt. Quasi als Vertreter der Sample-Kultur im Medium Film mischt er Elemente aus verschiedenen Jahrzehnten und Epochen und schafft es ein kohärentes Ganze daraus zu formen(in Django Unchained wären das z.B. Wagner, SpaghettiWestern, Rap, Splatterfilm). Ein weiteres großartiges Beispiel ist die von ihm mit etablierte Dialogform, bei der es nicht primär darum geht die Handlung voran zu treiben, sondern eher kleine Skurrilitäten näher zu erörtern(Fußmassage).
    Das sie diesem Mann vorwerfen, dass er seinen über die Jahre immer weiter verfeinerten Stil nicht mehr ändert, kommt mir indes außerordentlich merkwürdig vor. Aber Sie hätten Monet wahrscheinlich auch empfohlen keine Seerosen mehr zu malen.

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    Quentin Tarantino hat einen Stil entwickelt, der sehr eigenständig ist und von dem es zumindest in gleicher Qualität nur sehr wenige Filme gibt.
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    Er ist der einzige, der Schneewittchen als Spaghetti-Western in Japan drehen darf und dazu den Soundtrack mit Otis Redding und Sam Cooke garnieren darf - und es schafft!

    • Morlaix
    • 17. Januar 2013 19:10 Uhr

    in Tarantinos Filmen sind meines Erachtens meistens sadistischer Natur. Erschreckend finde ich, dass dies offensichtlich von vielen Zuschauern goutiert wird.

    Zieht man die Gewalt ab, bleiben fast immer banale Geschichten übrig. Nicht nur der Regisseur ist öde, seine Filme sind es ebenso.

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    ...bloß nicht die Gewalt abziehen!

    That´s it!

    Lars von Trier ist ebenfalls ein Sadist.
    Die Welt ist voller Sadismus, Fakt.

    Ich persönlich mag sadistische Filme, bin jedoch weder pertürbiert, noch renne ich mit einer Machete umher.

    Die Welt hält jede Sekunde reellen Sadismus aus, ja regt sich sogar nur bedingt darüber auf, da muss es auch in einer Fiktion auszuhalten sein.

    • sheep87
    • 20. Januar 2013 11:05 Uhr

    Also mir scheint, wir leben schon längst in einer vollends auf Sadismus ausgelegten Welt (z.B. Dschungelcamp). Wir deutschen sind schon sehr masochistisch veranlagt. Wir jammern und kritisieren ständig, aber konstruktive Vorschläge werden kaum bis gar nicht gemacht. Wir jammern über manche Politiker, wählen aber deren Partei totzdem. Wir jammern wegen der niedrigen Löhne, ziehen aber den Kopf ein, wenn wir eine Chance hätten etwas dagegen zu ändern...Sadismus ist ein Teil der Menschen und besonders ausgeprägt in Deutschland. also erzählen Sie nicht, die Gewalt sei "schrecklich" bzw. sadistischer Natur. Schalten Sie den Fernseher ein Sie sehen: Sex, Gewalt und nochmals Gewalt. Fangen wir doch dort mal an. Danach können wir uns um solche Filme wie von QT unterhalten.

  2. Tarantino ist produziert Popkultur auf der Höher unserer Zeit. Allerdings meine ich das nicht unbedingt positiv. Sein Interview in dem er bekennt, dass es Formen von Gewalt geben kann die Spaß machen wie er sagt ist bezeichnend. Kubrick hat dieses Genre mit Clockwork Orange das erste Mal für ein Massenpublikum aufbereitet. Und damals war das vielleicht auch noch eine innovative künstlerische Sicht. Aber Kubrick hat auch 2001 gemacht und Dr. Seltsam und Eyes Wide Shut. Das ist eine Bandbreite die Tatantino fehlt.
    Entscheidend für mich ist die Frage, welche Berechtigung solche Ansätze heute überhaupt noch haben. In einer Zeit in der die Realität den Zynismus und die Absurdität seiner Gewaltdarstellungen durch reales Geschehen längst immer wieder übertrifft. In Utøya, in Newtown und in Denver... Was will uns der Mann im Vergleich zu diesen Ego Zockern noch für eine spaßige Botschaft von der Gewalt nahe bringen, frage ich mich? Die gute Sache von der er sich überzeugt gibt meinte auch Anders Breivik zu vertreten.

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    ...ob Eyes Wide Shut in der Aufzählung großer Kubrick-Filme genannt werden sollte.... Da sollten Sie lieber noch Shining oder Barry Lyndon aufzählen. Ich fand Eyes Wide Shut ehr schwach und meiner Ansicht nach auch falsch besetzt.

    >> Sein Interview in dem er bekennt, dass es Formen von Gewalt geben kann die Spaß machen wie er sagt ist bezeichnend. ... Die gute Sache von der er sich überzeugt gibt meinte auch Anders Breivik zu vertreten. <<

    ... das läuft hier jetzt aber nicht so wie bei Steinbrück und dem Kanzlergehalt ;-)

    In seinem Interview "bekennt" (?) er, dass es *im aktuellen Film* "Gewalt, die man schwer ertragen kann, und Gewalt, die Spaß machen kann" gibt - also fiktive Gewalt.

    Was noch Spaß macht und was schon unerträglich ist, wird subjektiv jeder anders empfinden. Daraus aber abzuleiten, dass Tarantino und/oder seine Fans Gewalt realiter spaßig finden würden, ist definitiv eine Verdrehung der Tatsachen.

    Und wo Sie eine Parallele zu Breivik sehen, erschließt sich nun wirklich nicht.

  3. 14. Dialoge

    Die Dialoge sind das A und O in einem Tarantino Film. Das ist der Hauptgrund weshalb ich mir Quentin anschaue. Man muss schon anerkennen was er leistet. Er denkt sich seine Stories selber aus. Schreibt das Drehbuch selber. Jedes einzelne Wort (Okay bei Jackie Brown hat er einen Roman als Vorlage benutzt aber deutlich verändert). Er weiß schon vorher welches Lied wie lange in welcher Szene gespielt werden soll. Er benutzt keine Filmmusik/score.

    Zum Vergleich: Steven Spielberg schreibt seine Geschichten nicht selber. Er hat vielleicht ein paar wenige unbedeutende zu Beginn seiner Karriere geschrieben, aber unbedeutend eben. Das soll nichts schlechtes heißen, aber das ist auch einer der Gründe warum Tarantino nicht so viele Filme dreht wie Spielberg. QT ist nun mal kein gewöhnlicher Regisseur, er hat einen unverkennbaren Style.

    P.S.: Ich finde der Film handelt überhaupt nicht von Rache.

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  4. was an pulp fiction toll sein soll, kill bill fand ich nur schrecklich (da wurde ich aber auch halb reingezwungen, hab dann eben etwas geschlafen) ist aber auch nicht mein genre muss ich ehrlicherweise schreiben und thurman auch alles andere als meine schauspielerin. ich habe mich noch an anderen tarantino filmen versucht und nichts gefunden, dass mich persönlich irgendwie begeistert, gemschmacksache eben. mein genre ist eher drama, krimi, thriller, gut erzählte geschichten usw.

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  5. Dat war wohl nix David.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Quentin Tarantino | Film | Comedy | Genre | John Travolta | Katechismus
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