Syrien-KonfliktDas lange Warten auf den Frieden

Mario Rizzi hat 7 Wochen mit syrischen Flüchtlingen in Jordanien verbracht. Sein Film "Al Intithar" hat auf der Berlinale Premiere. Igal Avidan sprach mit dem Regisseur.

Ekhlas, die Protagonistin aus "Al Intithar"

Ekhlas, die Protagonistin aus "Al Intithar"

ZEIT ONLINE: Herr Rizzi, warum haben Sie für Ihren Dokumentarfilm ausgerechnet ein Flüchtlingscamp in Jordanien ausgewählt?

Mario Rizzi: Ich wollte die Situation syrischer Flüchtlinge, die in einem arabischen Land leben, thematisieren. Zudem ist dieses Lager nur 13 Kilometer von der syrischen Grenze entfernt. Fast alle Flüchtlinge stammen aus den Dörfern um die Stadt Dar'a, wo im März 2011 die Revolution in Syrien begann, und aus der Region Homs, zum Beispiel die Hauptfigur.

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ZEIT ONLINE: Wer ist Ihre Hauptfigur?

Rizzi: Ekhlas ist 29 und alleinerziehende Mutter von drei Kindern. Mir gefiel, dass sie eine starke Frau ist, die nach vorne schaut, praktische Lösungen findet, obwohl sie ein Opfer der Revolution ist: Ihr Mann wurde von Assads Truppen erschossen und ihr älterer Sohn Abdo kam für vier Monate in Haft.  

Mario Rizzi
Mario Rizzi

Der Italiener Mario Rizzi, 50, verbrachte sieben Wochen in einem Flüchtlingslager in Jordanien. Sein 30-minütiger Dokumentarfilm Al Intithar (Das Warten) wird auf der Berlinale in der Sektion Berlinale Shorts gezeigt. Der Kurzfilm ist der erste Teil einer Trilogie über den Wandel in der muslimischen Welt, mit dem sich Rizzi seit Jahren beschäftigt. Der zweite Teil wird von politischen Aktivisten in Malaysia handeln.

ZEIT ONLINE: Ekhlas 13-jähriger Sohn Hammouda arbeitete in einer Bäckerei im Lager.

Rizzi: Im vergangenen Oktober, als klar wurde, dass der Bürgerkrieg lange dauern könnte, erlaubten die jordanischen Behörden den Flüchtlingen, Geschäfte zu eröffnen. Damit sollten sie ihr eigenes Geld verdienen, sodass ein Stück Normalität einkehrte und die Jugendlichen eine Beschäftigung hatten. Aus Metallschrott bastelten sie einen Ofen und verkauften Fladenbrot. Die Behörden bauten große Küchen für jeweils elf Familien. Die Frauen konnten frisches Gemüse kaufen und ihre eigenen Speisen zubereiten.

ZEIT ONLINE: Woher kamen das Obst und Gemüse ins Camp?

Rizzi: Viele Syrer dort, die ja aus dem Grenzgebiet stammen, haben Verwandte in Jordanien, die ihnen Essen und manche Waren verkauften. Diejenigen Syrer, die die Bürgschaft eines Jordaniers erhielten, Ekhlas Bruder zum Beispiel, durften das Lager verlassen und arbeiteten für Jordanier als billige Arbeitskräfte auf Baustellen bis zu 14 Stunden pro Tag.

ZEIT ONLINE: Man sieht im Film Militärfahrzeuge am Rande des Lagers. Werden die Flüchtlinge bewacht?

Rizzi: Sie dürfen das Camp nicht verlassen, im offiziellen Jargon zu ihrem eigenen Schutz. Sie sind in einem UNHCR-Lager und haben keinen jordanischen Flüchtlingsstatus. Jordanische Panzer umzingeln das Lager, das Militär darf es jedoch nicht. Als ich da war, mussten die Soldaten mehrfach randalierende Jugendliche am Zaun mit Tränengas auseinandertreiben, die keine Versorgung erhielten. Sie verdächtigten daher die Jordanier, diese würden die internationale Hilfe für sich behalten. Die militärische Kontrolle wurde verstärkt, um einen Übergriff der revolutionären Ideen nach Jordanien zu verhindern, wo die politische Lage instabil ist.

ZEIT ONLINE: Wie frei konnten Sie sich in diesem Camp bewegen?

Rizzi: Journalisten dürfen lediglich dreimal für jeweils drei Stunden hinein. Da ich im Camp auch Hilfe leistete, konnte ich mich dort tagsüber frei aufhalten. Ich verbrachte dort insgesamt sieben Wochen. In der arabischen Gesellschaft genießen Künstler mehr Prestige als im Westen. Ich war oft inoffizieller Vermittler zwischen den Jordaniern und den Syrern, die mir sehr vertrauten. Die Syrer wollten zum Beispiel keine jordanischen Lehrer in der neuen Schule, denn es gab schon 85 Lehrer im Camp. Jordanien ist aber ein sehr armes Land. Viele Lehrer in der Region sind arbeitslos, und das Regime wollte soziale Unruhen verhindern. Beide Seiten akzeptierten daher meinen Kompromiss: ein jordanischer und ein syrischer Lehrer in jeder Klasse.

ZEIT ONLINE: Die meisten Flüchtlinge im Camp sind Frauen?

Rizzi: Drei Viertel der 65.000 Insassen sind Frauen und Kinder. Viele der Männer kämpfen in Syrien. Das Lager ist erfolgreich dank der Frauen. Sie regieren die Familien. Als ich den Lehrern vorschlug, den Schulleiter wählen zu lassen, akzeptierten sie die Idee und bestimmten eine Doppelführung: einen Mann und eine Frau.

 ZEIT ONLINE: Ihr Film heißt Al Intithar, das Warten. Worauf warten die syrischen Flüchtlinge?

Rizzi: Dass der syrische Präsident Assad geht, auf kleine Ereignisse, die ihnen Hoffnung oder eine kleine Freude verleihen, das Lächeln ihres Kindes zum Beispiel. Aber das wichtigste Warten ist auf einen Wandel, auf Frieden. Vor allem die Frauen sitzen am Eingang ihres Zeltes und schauen nach draußen in der Hoffnung, dass etwas passiert, das ihrer Existenz im Camp einen Sinn verleiht.

 
Leser-Kommentare
  1. im untertitel "al inithar" zu "al-intithar" berichtigen könnten?

    mal gucken, wann der film noch läuft....

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    Redaktion

    Danke, wir haben den Titel jetzt richtig geschrieben. Hier http://www.berlinale.de/d... können Sie gucken, wann er noch läuft.

    Redaktion

    Danke, wir haben den Titel jetzt richtig geschrieben. Hier http://www.berlinale.de/d... können Sie gucken, wann er noch läuft.

  2. Redaktion

    Danke, wir haben den Titel jetzt richtig geschrieben. Hier http://www.berlinale.de/d... können Sie gucken, wann er noch läuft.

    Antwort auf "ob Sie wohl"
  3. kann es sein, dass hier ein Verb (etwa "betreten") verloren ging?

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    • scoty
    • 11.02.2013 um 13:03 Uhr

    Das "Millitär" sprich die Soldaten sorgen dafür das außen am Lager keiner "randaliert", sowohl von Außen wie auch von Innen.

    " Jordanische Panzer umzingeln das Lager "
    Die stehen dort wahrscheinlich um Angriffe aus Syrien entgegenzutreten.

    • scoty
    • 11.02.2013 um 13:03 Uhr

    Das "Millitär" sprich die Soldaten sorgen dafür das außen am Lager keiner "randaliert", sowohl von Außen wie auch von Innen.

    " Jordanische Panzer umzingeln das Lager "
    Die stehen dort wahrscheinlich um Angriffe aus Syrien entgegenzutreten.

    • scoty
    • 11.02.2013 um 13:03 Uhr

    Das "Millitär" sprich die Soldaten sorgen dafür das außen am Lager keiner "randaliert", sowohl von Außen wie auch von Innen.

    " Jordanische Panzer umzingeln das Lager "
    Die stehen dort wahrscheinlich um Angriffe aus Syrien entgegenzutreten.

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