Berlinale 2013Die Realität wird prämiert

Korruption in Rumänien, lebensgefährliche Armut einer Roma-Familie: Die stärksten Filme dieser Berlinale zeichneten sich durch ihre Wirklichkeitsnähe aus. von 

Ganz zum Schluss war es die Produzentin des Siegerfilms, die dem Festival das schönste Kompliment machte: "Danke, dass die Berlinale ein Labor ist!", rief Ada Solomon ins Mikrofon. Und nachdem sie gerade den wichtigsten, den Goldenen, Bären für Die Stellung des Kindes (The Child's Pose) entgegengenommen hatte, konnte man ihr als Zuschauer nur beipflichten. Auch wenn es während der vergangenen zehn Tage schien, als euphorisierten auf dieser 63. Berlinale weniger Beiträge die Kritiker als in vergangenen Jahren, so hat die Jury am Ende doch in jeder Kategorie genau das ausgezeichnet, was hervorragende Filme ausmacht: große Kunstfertigkeit im Dienst einer guten Geschichte.

Für eine solch herausragende künstlerische Leistung wurde der Kameramann des kasachischen Films Harmony Lessons, Azis Zhambakiyev, geehrt. Er hatte die Projektionswand des Festspielpalastes in das schönste Licht dieser Berlinale getaucht: den warmen, erdigen Lampenschein eines kargen Hofes, das nahezu schattenlose Hell einer Winterlandschaft und das noch viel kältere Weiß von Klassenzimmern und Schulfluren; Einstellungen von vollkommener Schlichtheit, die der Geschichte um Erniedrigung, Gewalt und Rache eine weit über das kasachische Dorf hinausweisende existenzielle Dimension verliehen.

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Paulina García, die "Meryl Streep Südamerikas"

Keine noch so gute Geschichte kommt beim Publikum an, wenn die Darsteller sie ihm nicht nahe bringen – oder sie uns, wie Paulina García, direkt ins Herz pflanzen. Dafür erhielt die Chilenin zu Recht den Darstellerpreis. Ihre Titelfigur der Gloria hatte alle – Zuschauer wie Kritiker – begeistert. Nach der inneren Stärke und Ruhe, die diese Endfünfzigerin auf dem Weg zu sich selbst entwickelt, sehnt sich wohl jeder. Nach der Premiere hatte jemand García als "die Meryl Streep Südamerikas" bezeichnet. Dabei sieht der Regisseur Sebastián Lelio in ihr vielmehr einen Menschen wie Rocky: jemanden, der Schläge einstecken muss und immer wieder aufsteht. Paulina García strahlt dabei freilich ungleich charmanter.

Um die Fotos des Berlinale-Fotowettbewerbs "Close Up!" zu sehen, klicken Sie bitte auf das Bild

Um die Fotos des Berlinale-Fotowettbewerbs "Close Up!" zu sehen, klicken Sie bitte auf das Bild  |  © Mara Ploscaru/Close Up 2013

Die Titelfigur eines gelungenen Films muss uns aber nicht zwangsläufig bezaubern. Luminita Gheorghiu beweist das Gegenteil. Sie spielt in Die Stellung des Kindes die wohl unsympathischste Heldin dieser Berlinale. Ihre Cornelia ist eine pathologisch liebende Mutter, die zu allem bereit ist, um ihren erwachsenen Sohn vor der gerechten Strafe für einen Unfall, den er verursacht hat, zu bewahren. Weder schreckt sie vor Korruption zurück, noch lässt sie ihrem Sohn überhaupt Luft, ein eigenständiges Leben zu führen. Sie ist eine furchtbare Frau – und berührt uns dennoch. Das schafft nur Kunst und wurde mit dem Goldenen Bären für den besten Film geehrt.

Ein polarisierender Film über zwei lesbische Exstrafgefangene

Einen Bären überreichte die Jury auch dem polarisierendsten Wettbewerbsbeitrag, dem kanadischen Film Vic + Flo haben einen Bären gesehen. Er erhielt den Preis für neue Perspektiven im Kino. Die Geschichte handelt von zwei lesbischen Ex-Strafgefangenen, die endlich in Ruhe ihr Leben führen möchten, aber tief im Wald von ihrer Vergangenheit eingeholt werden. Der Regisseur Denis Côté hatte nach der Premiere gesagt, seinem vorletzten Film, Curling, sei vorgeworfen worden, ein zu loses und uneindeutiges Ende zu haben. Das nahm er sich offensichtlich zu Herzen. Ein lahmes Ende ist das letzte, woran es Vic + Flo mangelt.

Der mit dem Regie-Preis ausgezeichnete amerikanische Film Prince Avalanche spielt ebenfalls tief im Wald. Diesmal liegt er in der Abgeschiedenheit Texas' und wurde von einem infernalischen Brand zerstört. Die Bäume sind nur noch schwarze Gerippe, die paar Häuser, die es einst gab, nur noch abgebrannte Ruinen. In diesen Bildern und auch in der Musik schwingt etwas unergründlich Bedrohliches mit. Es ist beileibe keine Idylle. Dennoch erzählt David Gordon Green eine heitere, bisweilen brüllend komische Geschichte: die der beiden sehr verschiedenen Straßenarbeiter Lance und Alvin, die in der Einöde einen Sommer lang die Straßenmarkierung erneuern. Auch in ihrem Leben kommt es zu kleineren und größeren Katastrophen. Aber wie in dem Wald, in dem sie arbeiten, wächst daraus schon wieder Neues, Schönes: eine unmögliche Männerfreundschaft.

Der mit Berufsverbot belegte Panahi dreht seinen Film in nur drei Tagen

Keine Überraschung war, dass der Beitrag des iranischen Regisseurs Jafar Panahi, Closed Curtain, geehrt wurde, für das beste Drehbuch. Zu sehr steht man in der Berlinale in der Pflicht, diesem Künstler Verhör und damit ganz konkret Schutz vor Verfolgung in seiner Heimat zu verschaffen. Die Auszeichnung ist dennoch keine rein politische Entscheidung. Die Jury entsprach auch hier ganz ihrem Anspruch an den künstlerischen Gehalt eines Films. Panahi und sein Mitstreiter Kamboziya Partovi haben unter denkbar eingeschränkten Bedingungen in nur drei Tagen eine kunstvolle Parabel gedreht, mit der sie die Wirkung eines repressiven politischen Systems auf den Einzelnen veranschaulichen. Es treten auf: Angst und Hoffnungslosigkeit in der Gestalt einer jungen Iranerin, unbändiger Schaffensdrang (in der Gestalt eines Autors) und der Künstler selbst, Jafar Panahi, der diese Gefühle in sich vereinbaren muss. Im Film wie in der Realität.

Leserkommentare
  1. Schön zu sehen, das der der Geschmack der Jury der Berlinale und der Geschmack des Publikums, repräsentiert in den zahlreichen Publikumspreisen, nicht weit auseinander liegen.

    "Kino ist Krieg der Gefühle", soll Jean-Luc Godard gesagt haben.

    Das Kino lebt auch ausserhalb der mit vielen Millionen aufgeblähten dünnen Klischees und Geschichten des Hollywoodmainstreams.

    http://www.rbb-online.de/...

    Man wünscht den prämierten Filmen mutige Verleiher und viele interessierte Zuschauer, die an den Kinokassen, ausserhalb des Festivals, weiter abstimmen, das es auch sehenswertes, ausserhalb der marktbeherrschenden amerikanischen Unterhaltungsindustrieformate gibt.

    3 Leserempfehlungen
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    Können sie sich an einen einzigen Film erinnern, der den Goldenen Bären bekam und ein Renner an den Kinokassen war?
    Ich nicht.

    • Kath_E
    • 17. Februar 2013 19:33 Uhr

    ...nicht "Verhör". Letzteres wäre in dem Zusammenhang wohl mehr als unangenehm.

  2. Können sie sich an einen einzigen Film erinnern, der den Goldenen Bären bekam und ein Renner an den Kinokassen war?
    Ich nicht.

    Antwort auf "Labor Berlinale"
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    Rain Man,

    Dass Berlinalefilme die Kinokassen nicht klingeln lassen liegt wohl am ehesten daran, dass heutzutage nur noch Wenige künstlerisch wertvolle Filme mit einer richtigen Botschaft zu schätzen wissen. Nur zu schade ...

    • ikonist
    • 18. Februar 2013 16:58 Uhr

    reiche menschen feiern die armut

  3. Rain Man,

    Antwort auf "Zuschauer"
  4. Dass Berlinalefilme die Kinokassen nicht klingeln lassen liegt wohl am ehesten daran, dass heutzutage nur noch Wenige künstlerisch wertvolle Filme mit einer richtigen Botschaft zu schätzen wissen. Nur zu schade ...

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Zuschauer"

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