"Camille Claudel 1915“Camille Claudel kocht ihre eigenen Kartoffeln

Das blasse, traurige Gesicht von Juliette Binoche bestimmt "Camille Claudel 1915“, der auf der Berlinale Premiere feiert. Der Film selbst bleibt auch farblos. von Daniela Sannwald und Gunda Bartels

Juliette Binoche in "Camille Claudel 1915"

Juliette Binoche in "Camille Claudel 1915"   |  © Berlinale 2013,

Man hat sie ein bisschen satt, die nackten, verletzlichen Frauengesichter dieses Wettbewerbs, die im winterlich fahlen Licht mal verhärmt, mal verheult und mal verhärtet sind: Im Gold erträgt Nina Hoss mit stoischer Miene und aufgelöstem Dutt wochenlange Ritte durch unwirtliches Gelände. Im französischen Film La Religieuse wird Pauline Etienne zwei Jahre durch verschiedene Klöster geschickt, wo die Nesseltuch-Gewänder rascheln und die Schritte der Nonnen auf den kalten Steinböden hallen. Damit man ihr struppiges Haar sieht, trägt sie zuweilen keinen Schleier. Und nun, in Camille Claudel 1915, einem weiteren Film aus Frankreich, ist es Juliette Binoche, die in einem Kloster zur Aufbewahrung von geistig behinderten Frauen einsitzt.

Ihre Haare sind selbstverständlich wirr, ihre Füße stecken in klobigen Stiefeln, ihre Schritte hallen in den Kreuzgängen. Es ist kalt, und die kahlen Bäume des Klostergartens strecken ihre bizarr geformten Zweige in den Himmel.

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Angeblich hat der Briefwechsel zwischen der Bildhauerin Camille Claudel und ihrem gläubigen Bruder Paul, einem Dichter und Diplomaten, den Regisseur Bruno Dumont zu diesem Film inspiriert. Er zeigt einige ereignislose Wintertage auf dem Klostergelände, wo die kranken Frauen – dargestellt von realen Psychiatrie-Insassen – relativ liebevoll von Nonnen begleitet, gepflegt und unterhalten werden. Er zeigt immer wieder, wie Camille Claudel ihre eigenen Kartoffeln kocht, weil sie Angst vor Vergiftung hat. Er zeigt vor allem beinahe in jeder Einstellung das blasse, traurige Gesicht von Juliette Binoche, und die Einstellungen sind lang genug, um darüber nachzudenken, welchen Anteil die Maske an ihrer zwar fragilen, aber strahlenden Schönheit in anderen Filmen hat.

Irgendwann taucht Paul Claudel auf, der erst ein langes Gebet spricht und dann, in einem weiteren Monolog, einem Geistlichen sein Erweckungserlebnis berichtet, bevor er seine Schwester besucht und ihr einen Vortrag über Demut vor Gottes Willen hält. Der Anstaltsarzt empfiehlt die Entlassung seiner Schwester. Paul Claudel verschwindet.

Die Biografie der Bildhauerin Camille Claudel (1864–1943), die ihre letzten 30 Lebensjahre in psychiatrischen Anstalten verbrachte, ist in mehrerlei Hinsicht brisant und bietet jede Menge Ansatzpunkte für gesellschaftskritische, sozialhistorische oder künstlerische Interpretationen, die es auch bereits reichlich gab: Da ist das Liebes- und Leidensverhältnis zum 24 Jahre älteren Auguste Rodin, von dessen Ruhm sie profitierte; da ist ihre bürgerliche Familie und deren mangelndes Kunstverständnis, da ist die von Männern dominierte Kunst, die Frauen den Zutritt verweigert. Hinzu kommt das gesellschaftliche Diktum, das weibliche Kreativität für unschicklich oder eben für geisteskrank hält.

All das – so könnte man mit viel gutem Willen unterstellen – impliziert Bruno Dumont mit der Konzentration auf seine verweinte Protagonistin. Dazu bedarf es aber einiger Kenntnis ihrer tragischen Geschichte, die Bruno Nuytten in seinem wunderbaren Camille Claudel aufarbeitete, der 1989 im Berlinale-Wettbewerb lief. Mit Isabelle Adjani in der Titelrolle und Gerard Depardieu als Rodin kann er als etwas sinnlicheres Prequel gelten.

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
  1. Sie gab alles,
    Kunst und Liebe,
    ihr Vertrauen obendrein,
    gegen alle
    Konventionen
    rürt- und tabulos sein.
    Seine ausgebrannte Leere
    fand Ideen und Kraft bei ihr,
    heute preist man seinen Namen,
    doch bezahlt hat sie dafür

    http://www.myvideo.de/wat...

    Eine Leserempfehlung

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  • Schlagworte Auguste Rodin | Juliette Binoche | Paul Claudel | Film | Briefwechsel | Einstellung
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