Die Jury dieser 63. Berlinale ist ein Statement. Shirin Neshat, die iranische Künstlerin, die viele Jahre ihres Lebens im Exil verbrachte, vor allen in den USA, jüngst aber auch in Kairo, spricht gleich in der ersten Pressekonferenz von den Parallelen zwischen Ägypten heute und Iran 1979. "Eine Revolution bringt stets auch kulturelle Umwälzungen mit sich.“ Neben ihr sitzt Athina Tsangari, die griechische Regisseurin und Produzentin, die in ihrer Heimat einiges dafür tut, dass man wieder vom jungen griechischen Film spricht – trotz der desolaten Finanzsituation. Sie sagt: "Kunst wird bald das einzige sein, was mein Land noch zu exportieren hat."

Auch Susanne Bier und Andreas Dresen werden in diesem Jahr den Wettbewerb beurteilen: Die dänische Regisseurin und ihr deutscher Kollege sind beide bekannt dafür, gesellschaftliche Zustände ganz hervorragend durch das Private zu erzählen.

Die Berlinale ist also noch gar nicht offiziell eröffnet, da fügen sich ihre Juroren schon glaubwürdig in das Bild des angeblich politischsten aller großen Filmfestivals ein. Gleich kommt die Sprache auf Jafar Panahis Closed Curtain, der wie durch ein Wunder in diesem Jahr im Wettbewerb laufen kann. Der iranische Regisseur, der in seiner Heimat mit 20 Jahren Berufsverbot belegt ist, hat dennoch einen Film fertiggestellt. Der Berlinale-Chef Dieter Kosslick hatte schon vor zwei Jahren ein starkes Zeichen der Solidarität gesetzt, als er einen leeren Stuhl auf die Bühne stellen ließ, um an das schmerzliche Fehlen des Iraners in der Jury zu erinnern.

Den Jury-Vorsitz schließlich hat der chinesische Regisseur Wong Kar Wai. Berühmt wurde er mit Chungking Express sowie dem wunderschön melancholischen Liebesdrama In the mood for love. Sein jüngstes Werk eröffnete nun die Berlinale, das Martial-Arts-Epos The Grandmaster.

Und plötzlich steht der Zuschauer vor Rätseln.

The Grandmaster ist die Geschichte von Ip Man (Tony Leung), einem Kung Fu-Meister, der 1893 im südlichen China, in der Provinz Guangdong, als Sohn reicher Eltern geboren wurde und den damals noch sehr elitären Kampfsport erlernte. Während der japanischen Besatzung verarmte er völlig und ging schließlich nach Hongkong, wo er eine Martial-Arts-Schule leitete und unter anderem Bruce Lee unterrichtete. Diesen Ip Man gab es wirklich, der Film orientiert sich an seiner Lebensgeschichte. Daneben geht es auch um die Geschichte der Martial Arts in China, zu denen Kung-Fu gehört, und – das ist Wong besonders wichtig – um die Lebensphilosophie, die Kampfsportkünste vermitteln wollen.

"Kung-Fu ist eine Waffe, die tödlich sein kann", betont der Regisseur nach der Vorführung. Daher sei das Wichtigste für einen Kung-Fu-Meister, sich beherrschen zu lernen. Kämpfen zu können erfordere Selbstdisziplin und Bescheidenheit! Wong, dieser zarte und stets freundlich wirkende Chinese, spricht mit Ausrufezeichen. Er kann gar nicht genug bekommen von "Demut" und "Großmut" und "Ehrenkodex". Immer wieder benennt er, wofür er im Film nach Bildern gesucht hat.