Er fand sie in Rauch und viel Nebel und noch viel mehr Regenwasser. In einer Musik, die, ähnlich seinem Erfolgsfilm In the Mood for love, ein Cross-over aus chinesischer Oper und westlicher Klassik ist. In ewig schönen Frauenfiguren. In Tony Leung als Bogart-Zitat. In Zitaten seiner eigenen Filme. Dialoge im Sinne natürlich wiedergegebener Sprache gibt es dabei so gut wie keine. Was die Figuren austauschen, sind Sentenzen: "Der Weg eines Großmeisters: Sein, Wissen, Handeln" oder "Manche entzünden Feuer, manche entzünden Lampen, um den Weg nach vorne zu weisen."

Wie in seinen früheren Filmen dehnt Wong auch diesmal Einstellungen bis zur Super Slow Motion – wenn ein Handkantenschlag trifft, wenn ein Geländer splittert, eine Glasscheibe birst – und beschleunigt die Aufnahmen dann, bis die Füße und Hände beim Treten und Schlagen in perfekter Choreografie gleichsam tanzen. Doch sein sonst so virtuoser Rhythmus bleibt diesmal monoton. Jede Einstellung gerinnt zu einem cineastischen Poster aus Licht und Schatten, wobei das Licht stets flackert und der Schatten stets wabert.

Nichts unterbricht diese Ästhetik. Nichts bricht sie. Die Handlung verläuft sich wie das viele Wasser. Man (wie übrigens auch frau) kämpft um einen bestimmten Stil des Kung-Fu, der an die nächste Generation weitervererbt werden soll. Am Ende macht Ip Man aus der höchst elitären Kampfkunst einen Volkssport. "Er trägt die Fackel weiter", sagt Wong.

Durch diese Inszenierung verklebt die Botschaft zu einer unguten Emulsion aus Tradition und Ehrenkodex und den zwei Worten "Kung Fu". Das eine stehe für das Vertikale, versucht er zu vermitteln, das andere für das Horizontale: Sieger ist, wer noch steht, wenn alle anderen am Boden liegen.

Am Ende, nach irgendeinem letzten Kampf um den richtigen Stil, richtet Ip Man seinen Blick sogar ganz direkt in die Kamera, etwas, was unter Regisseuren eigentlich verpönt ist, weil es nur Werbefilmer machen. "And what's your style?", fragt er uns lächelnd, und wir merken: Es ist Werbung!

Wofür also? 

Die Geschichte spielt in der Zeit nach 1912, als China Republik geworden war und kurz darauf im Bürgerkrieg zu zerfallen drohte. 1931 fielen die Japaner in China ein und richteten in der Zeit ihrer Besatzung furchtbare Gräuel an. Im Film werden sie von den rechtmäßigen Erben des Kung-Fu bekämpft. Kurz: Die Aufrechten kämpfen nicht nur für die Familienehre, sondern auch für ihre Nation, die richtige Kung-Fu-Haltung vorausgesetzt.

"Die japanische Invasion hat viel Leid in China verursacht", sagte Wong in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung vor der Eröffnung der Berlinale. "Die Wunden sind längst nicht verheilt". Wie leicht sie wieder aufreißen können, zeige der aktuelle Konflikt um eine Felseninsel im chinesischen Meer. Wong verglich die Situation mit der zwischen Deutschland und Frankreich. Er scheint dabei zu übersehen, dass Franzosen und Deutsche sich nicht um territoriale Fragen streiten, sondern gerade unter großer gegenseitiger Anteilnahme den Abschluss ihres Freundschaftsvertrags vor 50 Jahren gefeiert haben.

Ein letztes Rätsel gab uns der Großmeister Wong noch auf. Warum hat er seinen Film schon vor Wochen in China und Taiwan anlaufen lassen, statt dem Festival, dessen Jurypräsident er ist, die Weltpremiere zu schenken? Kaum eine zukunftsweisende Eröffnung für diese Berlinale.