Berlinale 2013Indigene Filmemacher erzählen aus ihrer Welt

Das Leben indigener Völker wurde bisher meist aus ethnografischer oder kolonialisierender Sicht gezeigt. Die neue Reihe "Native" der Berlinale wechselt die Perspektive. von David Assmann

Rowan McNamara im australischen Aboriginal-Drama "Samson & Delilah" (2006)

Rowan McNamara im australischen Aboriginal-Drama "Samson & Delilah" (2006)   |  © Scarlett Pictures

Als der Western Der gebrochene Pfeil Anfang der fünfziger Jahre in die Kinos kam, galt es als eine Sensation, dass die "Indianer" darin als friedfertige Menschen mit einer reichen Kultur dargestellt wurden. Mittlerweile hat sich die Sicht auf den Film geändert. Dass das den Apachen zugesprochene Symbol des zerbrochenen Pfeils in Wirklichkeit aus der Kultur der Blackfoot-Indianer stammt, ist noch das geringste Problem. Schwerer wiegt, dass diese "Indianer" untereinander englisch sprechen und von weißen Schauspielern gespielt werden. Der Häuptling Cochise wird von Jeff Chandler gespielt, einem New Yorker Juden.

Die Sensibilität hat zweifellos zugenommen, doch authentische filmische Einblicke in die Lebenswirklichkeit indigener Bevölkerungsgruppen sind nach wie vor schwer zu finden. Die Reihe "Native – A Journey into Indigenous Cinema" bietet jetzt einen Überblick über fünfzig Jahre indigenes Filmschaffen in Ozeanien und Nordamerika. Wobei, wie Maryanne Redpath, die Kuratorin der Reihe, betont, der Begriff "indigen" eine behelfsmäßige Bezeichnung ist für "die große Grauzone, durch die wir navigieren".

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Begriffe für ethnische und kulturelle Minderheiten sind generell heikel. Oftmals sind sie kolonialistisch geprägt oder werden als Fremdzuschreibung von den bezeichneten Gruppen abgelehnt. Die lange Zeit geläufige Bezeichnung "Eskimo" geriet in Verruf, weil sie angeblich "Rohfleischesser" bedeutet und einen niedrigen Zivilisationsgrad impliziert. Das ist mittlerweile zwar widerlegt – das Wort stammt wohl aus der Sprache der Cree und bedeutet Schneeschuhbinder. Doch die stigmatisierte Bezeichnung "Eskimo" wurde inzwischen durch die Eigenbezeichnung "Inuit" abgelöst.

Einblicke in eine maximal exotische Lebensform

Darin besteht auch der wichtigste Aspekt des indigenen Kinos: im Wechsel der Perspektive, der Ermächtigung vom Objekt zum Subjekt. In ihren Arbeiten wollen sich die indigenen Filmemacher nicht länger dem bestenfalls ethnografischen, schlimmstenfalls kolonialisierenden Blick von außen unterwerfen, sondern ihr Recht auf "audiovisuelle Selbstbestimmung" geltend machen, wie es der Wiener Videoaktivist Thomas Waibel formuliert, der in Mittelamerika mit indigenen Gruppen Filmprojekte betreibt. Ganz grob lassen sich die Filme in zwei Kategorien einteilen: auf der einen Seite Beschwörungen einer vorkolonialen Zeit, auf der anderen Seite Einblicke in die postkoloniale Realität.

Zur ersten Gruppe gehört der Eröffnungsfilm Atanarjuat – Die Legende vom schnellen Läufer von Zacharias Kunuk. Die fast dreistündige Verfilmung einer jahrtausendealten Inuit-Sage über einen Schamanenfluch und den Jäger Atanarjuat, der ihn besiegt, verlangt zu Beginn einiges an Geduld, entwickelt dann jedoch einen unwiderstehlichen Sog. Der vielfach preisgekrönte Film bietet einen Einblick in eine aus europäischer Perspektive maximal exotische Lebensform.

Auch Ten Canoes, in dem Rolf de Heer und Peter Djigirr eine alte Aboriginal-Geschichte erzählen, und O le tulafale von Tusi Tamasese gehören zu dieser ersten Kategorie von Filmen, in denen die indigene Lebensart noch nicht durch koloniale Hegemonie bedroht ist. Zwar ist O le tulafale im Samoa der Gegenwart angesiedelt, doch er zeigt wie die beiden anderen Filme auch eine Stammeskultur, deren soziale Regeln und Normen von beeindruckender Wirkmächtigkeit sind.

Leserkommentare
  1. ... für diesen sehr interessanten Bericht.

    • hairy
    • 07. Februar 2013 14:03 Uhr
    2. [...]

    Bitte bleiben Sie beim thema. Danke, die Redaktion/mo.

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  • Schlagworte Berlinale | Film | Apache | Inuit | Los Angeles | Mittelamerika
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