Kamboziya Partovi in Jafar Panahis "Closed Curtain" © Berlinale 2013

"Jetzt kann ich nur noch in meinem Kopf Filme machen", hatte Jafar Panahi im Mai 2010 gesagt. Da lagen drei Monate Haft in Teheran hinter ihm. Seine Filme über die iranische Gesellschaft, über die hoffnungslose Situation der Frauen, hatten der Regierung nicht gefallen. Im Dezember des gleichen Jahres verurteilte ihn das Islamische Revolutionsgericht zu sechs Jahren Haft und belegte ihn mit einem 20-jährigen Berufsverbot. Noch musste Panahi die Haft nicht antreten, aber Filme darf er nicht mehr drehen.

Was entsteht, wenn man nicht mehr von anderen erzählen darf, wenn man nicht mehr arbeiten darf, aber arbeiten muss, um zu überleben, wie der iranische Regisseur von sich selbst sagt? Dann entsteht ein Film, der das Denken und Fühlen in Bilder verwandelt. Dann entsteht mit unendlich viel Glück ein Film wie Pardé (Closed Curtain).

2011 hatte Dieter Kosslick demonstrativ einen Stuhl in seiner Jury freigelassen, um an das schmerzliche Fehlen Panahis zu erinnern. Bis zuletzt hatte der Berlinale-Chef damals gehofft, dass der auch damals mit einem Reiseverbot belegte Regisseur noch kommen dürfe. So auch in diesem Jahr. "Vielleicht kommt er zur Premiere", wünschte Kosslick während der Eröffnung am 7. Februar. Die Bundesregierung hat bei der iranischen Regierung um eine Reisegenehmigung gebeten. Ein einmaliger Vorgang. Umsonst. Auch die Weltpremiere von Closed Curtain am Dienstagabend musste ohne Panahi stattfinden.

Doch mit seinem Film hat der Regisseur das Reiseverbot umgangen. Denn Panahi lädt uns darin zu sich selbst ein. Closed Curtain ist ein Kammerspiel, das in seinem Kopf stattfindet. Im Grunde kommen nur zwei Figuren darin vor: ein älterer Mann und eine jüngere Frau, eingesperrt in einem großen Haus. Es sind die Allegorien seiner Gedanken.

Der iranische Regisseur Jafar Panahi in Teheran im August 2010 © ATTA KENARE/AFP/Getty Images

Wir sehen, wie der alte Mann in dem komfortablen Ferienhaus am Kaspischen Meer ankommt. Die Kamera erwartet ihn hinter den Fenstergittern. Sobald der Mann sein Gepäck abgestellt hat und noch bevor er seinen kleinen Hund aus einer Tasche herauslässt, zieht er die Vorhänge vor die großen Fenster, vor den weiten Blick aufs Meer und auf die Gärten. Später wird er schwere schwarze Tücher antackern, damit ja kein Licht nach draußen fällt. Das Haus ist sein Unterschlupf. Niemand darf bemerken, dass er sich hier versteckt. Selbst der Hund muss sein Geschäft in einer Kiste verrichten.

Der Mann wirkt zufrieden, nur an kleinen Vorkehrungen ist abzulesen, dass er beunruhigt ist. So zimmert er sich einen Verschlag, der ihm und seinem Hund als letztes Versteck dienen könnte. Panahis Freund, Ko-Autor und Ko-Regisseur Kamboziya Partovi, spielt diesen Mann, der hierher gekommen ist, um in Ruhe zu arbeiten. Mit einer Tasse Tee auf dem Wohnzimmerteppich vor dem Kamin schreibt er Seite um Seite. Was genau entsteht, spielt keine Rolle. Es geht um die Beschäftigung, darum, ungestört formulieren zu können und zu dürfen. Geräusche von draußen sind kaum zu hören.

Plötzlich stehen ein junger Mann und eine junge Frau wie aus dem Nichts in der Eingangstür und drängen hinein. Von draußen aus der Nacht kommen Schreie und Stimmen. Sie müssten hierbleiben, erklären die beiden knapp. Der alte Mann erschrickt zutiefst: Wer sind sie? Wie kamen sie herein? War er selbst so nachlässig, nicht alle Eingänge gut verschlossen zu halten? Und warum antworten die beiden nicht auf seine Fragen?