Berlinale Kurzfilme : Schweigen lässt die Filme sprechen

Die besten Kurzfilme kommen ohne Dialoge aus. Niemand beherrscht die wortlose Kunst auf der Berlinale so gut wie die Asiaten.

Nach einer knappen Dreiviertelstunde im Kino immer noch kein Wort. Die beiden Liebenden aus Love Games schweigen, während sie 15 Minuten lang Papierblumen füreinander falten und mit verbundenen Augen Fangen spielen. Auch die Einsiedlerkrebse, die in The Silent Passenger eine tragende Rolle spielen, entdecken stumm das Hotelzimmer, in das man sie gesperrt hat. Und der zehnminütige Sonnenuntergang in Seto Current, einer großen Geschichte aus Wasserfarben und Gitarrenklang, verläuft ansonsten ruhig.    

Kurzfilme verfügen über enorme Ausdrucksweisen, und die meisten kommen dabei ohne Dialoge aus. Das ist auch bei den Berlinale Shorts zu beobachten. 2011 12 30 von der Schwedin Leontine Arvidsson zeigt in drei Minuten den Kampf einer Brustkrebspatientin mit ihrem Körper.  Seto Current schmerzt den Zuschauer regelrecht, weil er die Netzhaut völlig überreizt. Der japanische Regisseur Hirofumi Nakamoto bekam vom Publikum sogar das Lob, in Silent Passenger einen astreinen Horrorfilm gedreht zu haben: Erst sieht man eine harmlose Autofahrt über die südjapanische Insel Okinawa, und plötzlich kriechen aus einem Bettlaken diese Tierchen mit Muscheln auf dem Rücken. Zu viele, um sie zu zählen. Kleine, größere und einige, die im Vergleich zum Rest durchaus an Godzilla erinnern. Vor allem, wenn sie beginnen, über die kleineren wegzusteigen.  

Eindrucksvolle Bilder also, manche von ihnen durchaus verwirrend. Wer Kurzfilme schaut, lässt sich gern auf Experimentelles ein. Im schlimmsten Fall ist es ja auch nach 20 Minuten vorüber.

Freiheit den Krustentieren!

Große Reden gehören hingegen nicht zum Repertoire des Kurzfilms. Damals nicht (die ersten kurzen Trick- und Slapstickfilme waren stumm), heute auch nicht. Es scheint, als fürchteten die Filmemacher, Worte könnten ihre Bilder stören. Ton spielt in Kurzfilmen meist nur, um das Visuelle zu verstärken. Der Soundtrack zum Krustentierfilm besteht aus dem eigensinnigen Klappern der Krebse – ihrem Markenzeichen, wie Nakamoto später beim Publikumsgespräch erklärt. Er hat ein hochsensibles Mikrofon benutzt, um das Freiheitsstreben der Tiere auch hörbar zu machen.

Bedrückend ist es, die Krebse auf der Flucht zu beobachten. Aber es macht auch Spaß. Beinahe fühlt es sich sadistisch an, voyeuristisch sowieso. Die Tiere haben ja nicht darum gebeten, sie zu filmen. Nakamoto tut damit, was Kurzfilmer häufig tun: Er bricht mit herkömmlichen Sehgewohnheiten. In diesem Fall verwehrt er dem Publikum die vertraute menschliche Dimension. Meist filmen wir und sehen nur uns selbst. Die Krebse im Hotel verändern diese Perspektive. 

3.500 Bewerbungen für die "Berlinale Shorts"

Weil so etwas möglich ist, gelten Kurzfilme als letzte Gattung des Avantgardefilms, die noch ein breites Publikum erreicht. Die Berlinale weiß das und hat daher seit 2002 kontinuierlich ihr Kurzfilmprogramm ausgebaut. Vor Cannes und Venedig gilt Berlin als wichtigster Ort für Kurzfilme, weil hier alle Genres – Fiktion, Doku, Animation – gemeinsam im Wettbewerb laufen. In den vergangenen sechs Jahren hat sich die Zahl der Einreichungen bei den Shorts verdreifacht. 3.500 Filme hat das Team um die Kuratorin Maike Mia Höhne diesmal gesichtet. 28 haben es in den Wettbewerb geschafft.

Besonders den jungen Regisseuren gilt die Teilnahme am Wettbewerb als Einstieg in die Filmindustrie. Auf der Berlinale pilgern mehr als 1.000 Zuschauer täglich in die Kurzfilm-Vorführungen. Die Chancen stehen nicht schlecht, mit Produzenten ins Gespräch zu kommen. Unter den Beiträgen finden sich häufig Filme von Studierenden. Gerade sie versuchen die radikale Form. Bei Kurzfilmen reden weniger Leute mit als bei Spielfilmen, und sie lassen sich günstig produzieren. 

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