Film "Mutter und Sohn" : Ein Kind erstickt

Wenn Zuneigung die Luft zum Leben abschnürt: Der rumänische Berlinale-Gewinner "Mutter und Sohn" ist ein Lehrstück über krankhafte Mutterliebe.

"Bitte, lass mich raus", ist Barbus letzter Satz in Mutter und Sohn. Der 34-Jährige richtet ihn an seine Mutter und nach den 110 Minuten, die der Film schon dauert, weiß man: Er meint damit nicht nur, dass sie die Zentralverriegelung ihres BMW deaktivieren möge, sondern dass sie ihn endlich gehen lassen soll. Wohin auch immer er will.

Damit hat Cornelia (Luminita Gheorghiu) ein großes Problem. Die 60-Jährige kennt keine andere Erfüllung in ihrem wohlsituierten Leben als das Glück ihres einzigen Sohnes Barbu (Bogdan Dumitrache). Die Schwiegertochter ist ihr nicht recht ("Sie hält ihn am Schwanz wie eine Maus"), seine neu gestaltete Wohnung nicht ("Und wo soll er jetzt arbeiten?"), die Lektüre nicht ("Dabei habe ich ihm Herta Müller geschenkt"). "Die Hand würde ich mir abhacken für ihn", sagt Cornelia und man weiß: Sie täte es.

Der Rumäne Calin Peter Netzer widmet sich in seinem neuen Film keinem speziell rumänischen Problem, wie das so viele junge Filmemacher seiner bemerkenswert produktiven Generation tun. In Mutter und Sohn geht es ihm um ein universelles Phänomen: dem der übertriebenen Mutterliebe. Darum, welche Auswirkungen es hat, wenn es nichts anderes mehr im Leben einer Frau gibt als das eigene Kind. Wenn sie es bis weit in sein Erwachsenenleben hinein überbehütet, bis es zu ersticken droht.

Wenke Husmann

Wenke Husmann ist Redakteurin im Ressort Kultur bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

Helicopter-Mums heißen diese Frauen neudeutsch. Man begegnet ihnen häufig in den oberen Gesellschaftsschichten: Die Mutter, die so lange in der Musikschule anruft, bis die Sekretärin entnervt die Tochter von der Warteliste in den Kurs für musikalische Früherziehung schiebt. Die Mutter, die der Lehrerin wortreich erklärt, warum der Sohn schon wieder das Verlangte nicht erledigen konnte. Die Mutter, die Uni-Kurse besucht, um selbst den Anforderungen gewachsen zu sein, die mit dem Studium auf das Kind zukommen.

Barbu ist erwachsen, hat Chemie studiert, eine Partnerin gefunden, die ein Kind mit in die Beziehung gebracht hat. Doch statt auf eigenen Beinen zu stehen und Verantwortung zu übernehmen, hat er eine recht unappetitliche Phobie gegen Bakterien, Viren und Berührungen entwickelt und ist unfähig, seine Bedürfnisse zu artikulieren. Dafür schluckt er Pillen.

Er hätte ursprünglich gedacht, Mutter und Sohn sei eher ein Frauenfilm, sagte Netzer nach der Berlinale-Premiere. Doch er hätte schon bald festgestellt, wie viele Männer ein Problem damit hätten, sich von ihrer Mutter zu lösen. Er gesteht, dass er und sein Drehbuch-Ko-Autor Razvan Raulescu (Der Tod des Herrn Lazarescu) durchaus persönliche Erfahrungen hätten einfließen lassen. Freilich von weit weniger tragischem Ausmaß wie in ihrem Film.

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