Claude Lanzmann : "Der Tod ist ein Skandal"

Zum ersten Mal erhält ein Dokumentarfilmer einen Ehrenbären: Hier spricht Claude Lanzmann über "Shoah", seinen Film "Murmelstein" und Antisemitismus heute.

Frage: Monsieur Lanzmann, herzlichen Glückwunsch zum Ehrenbären. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

Claude Lanzmann: Sehr, sehr viel. Es bewegt mich, diesen Preis aus Deutschland zu bekommen, besonders aus dieser Stadt, der ich sehr verbunden bin. Dieter Kosslick hat mich in Paris besucht und gefragt, und natürlich habe ich Ja gesagt. Dabei wusste ich da noch nicht, dass sie nach der Zeremonie Sobibor, 14. Oktober 1943, 16 Uhr zeigen würden – einen Film, in dem Juden Deutsche töten! Das ist forsch, das hat Klasse.

Frage: Ihr Film Sobibor von 2001 erzählt von dem einzigen erfolgreichen Aufstand in einem Vernichtungslager. Er enthält bis dahin unveröffentlichtes Material aus Ihrem Großwerk Shoah, das 1986 auf der Berlinale lief, erstmals in Deutschland.

Lanzmann: Das war eine ganz außergewöhnliche Erfahrung. Ulrich Gregor, der das Forum leitete, zeigte den Film in vier, fünf Vorstellungen, die Säle waren überfüllt, ich saß hinten und schaute auf die vielen Köpfe. Als ich Shoah drehte, dachte ich, der Film wird die Deutschen befreien – von der Schuld und dem Schweigen, in dem sie sich nach dem Krieg eingeschlossen hatten. Und dann sah ich: Die Deutschen hatten Angst, den Film zu sehen. Und ich hatte Angst, ihn zu zeigen. Die Knie schlotterten den Leuten, das war im Saal zu hören. Manche standen auf, und ich dachte: Gehen die jetzt? Nein sie gingen nur kurz raus, für zwei, drei Zigarettenzüge.

Frage: Und nach dem Film?

Lanzmann: Da gab es Diskussionen bis in die Nacht. Der Hotelportier gab mir nachher Dutzende bewegende Briefe, die Zuschauer mir spontan geschrieben hatten.

Frage: Eine ganze Generation ist seitdem herangewachsen. Bekommen Sie auch heute Post von jungen Leuten, die Shoah für sich entdecken?

Lanzmann: Ja, der Film ist wie eine Quelle, die nicht versiegt. Heute sehen ihn manche vor allem als Filmkunstwerk und erst dann im politisch-historischen Zusammenhang. Sie schreiben, Shoah ist großes Kino.

Frage: Damals war der Erfolg von Shoah international riesig. In Frankreich saßen Hunderttausende eine ganze Nacht vor dem Fernseher. In New York lief er monatelang im Kino. Die Resonanz in Deutschland – in Zahlen – war weitaus geringer.

Lanzmann: Der WDR sendete Shoah sofort nach der Berlinale, obwohl ich die Verantwortlichen geradezu angefleht hatte, das nicht zu tun. Ich fürchtete zu Recht, das würde die späteren Kino-Chancen zunichtemachen. Aber die WDR-Leute gingen nicht drauf ein. Sie wollten den Film wohl schnell hinter sich bringen.

Frage: Hinter sich bringen?

Lanzmann: Ein bisschen, ja. Es gab schon vorher viele Protestbriefe an den Sender: "Warum sendet ihr so was? Darüber wollen wir nicht mehr reden!"

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