The Necessary Death of Charlie Countryman beginnt mit einem Paukenschlag: Shia LaBeouf hängt als Charlie Countryman übelst zusammengeschlagen und blutüberströmt kopfüber an einem Strick. Unter ihm das Tosen einer Schleusenanlage, neben ihm zwei Drogenbosse und direkt vor ihm seine große Liebe mit einem Revolver in der Hand. Danach steigert der Film langsam die Lautstärke.

Der schwedische Regisseur Fredrik Bond hat schon in die erste Viertelstunde seines Films mehr Story, Tempo und Witz hineingepackt als alle bisherigen Wettbewerbsbeiträge zusammen. Es tut gut, endlich mal mitgerissen zu werden, statt darüber nachdenken zu müssen, ob man gerade eine Szene richtig erfasst hat oder ob es tatsächlich nichts zu erfassen gab.

Nach dem rasanten Einstieg springt der Film in der Zeit zurück: Charlie Countrymans Mutter stirbt, was er nur mit ein paar Pillen erträgt. Dafür erscheint ihm die Tote auf dem Krankenhausflur noch einmal als allerbeste Mutter (okay, sie selbst gibt sich lediglich eine 2+) und schenkt ihrem Sohn einen letzten Ratschlag: "Geh nach Bukarest!" Irgendwann, viel später, schwant ihm, dass vielleicht sogar die 2+ eine Überbewertung war.

Wirr wie ein Ecstasy-Trip, märchenhaft wie eine Vorlesestunde beim Großvater

Er ist noch nicht in Rumänien gelandet, da hat Charlie bereits mit einem zweiten Toten gesprochen. Kurz darauf hat er sich heillos verliebt und ist in eine Geschichte verwickelt, die sich zwischen einer rätselhaft schönen Cello-Spielerin Gabriela (Evan Rachel Wood), zwei dauerbekifften und dauererigierten Backpackern, einem grausam-liebenden Drogenboss und dessen sadistischen Gegenspieler entspinnt. Das Ganze ist wirr wie ein Ecstasy-Trip, märchenhaft wie die Vorlesestunde beim Großvater und vor einem Tempo weit jenseits der Durchschnittsgeschwindigkeit dieser Berlinale.

Bond hat schon etliche Preise und Auszeichnungen bekommen, stets für seine Werbefilme. The necessary Death of Charlie Countryman ist sein erster fiktionaler Langfilm. Er spielt darin sehr lässig mit den Klischees über Osteuropa: Sein Bukarest ist dreckig und runtergekommen und supermodern und fremdartig und beängstigend und pittoresk. "Voller Geschichte, voller Krisen, voller Leben", wie es der zweite Tote noch formulierte. Der Kameramann Roman Vasyanov fängt diese Stadt und ihre Figuren in retro-schicken Farben ein: neonbleiches Blau für die U-Bahn, puffwarmes Rot für das Hostel, sepiabraun für das Heim der Liebsten. Diese Aufnahmen wurden dann beschleunigt oder gedehnt und unter anderen mit Musik von Moby, M83 und The XX zu einem einzigen rasenden Videoclip zusammengeschnitten. 

Jede Szene steckt voll wunderbar überflüssiger Frechheiten: Während Darko (Til Schweiger), der fiesere der beiden Drogenbosse, Charlie und seine Backpacker-Kumpels aufs Widerlichste bedroht, daddelt auf dem Sofa ein kleiner Junge unbeteiligt auf seinem Laptop. Als Nigel, der andere Drogenboss, der möglicherweise aufrichtig liebt, aber dennoch ganz schön böse ist (Mads Mikkelsen), Charlie vor einem versifften Urinal – in dessen Abfluss ein Auge zwinkert – aufs Freundlichste bedroht, muss er dies in einem Hemd tun, über das Dutzende von Dackeln wackeln. Gabriela, Charlies große Liebe, muss mit ansehen, wie die Bahre mit der Leiche ihres Vaters durch die Luft geschleudert wird, weil zwei Rettungssanitäter zu viel Hasch rauchen, und einer der Backpacker (der rothaarige Ron Weasley alias Rupert Grint) strebt eine Karriere als Pornostar an, für die er sich den Künstlernamen "Boris Pecker" zugelegt hat.

Moment, Moment, Moment. Und was soll das alles?