Berlinale-WettbewerbEin blutender Lehrling in Sachen Liebe

Der Werbefilmer Fredrik Bond zeigt auf der Berlinale einen tempo- und pointenreichen Liebesfilm. Die Figuren kommen dabei aber zu kurz. Schade, findet Wenke Husmann. von 

The Necessary Death of Charlie Countryman beginnt mit einem Paukenschlag: Shia LaBeouf hängt als Charlie Countryman übelst zusammengeschlagen und blutüberströmt kopfüber an einem Strick. Unter ihm das Tosen einer Schleusenanlage, neben ihm zwei Drogenbosse und direkt vor ihm seine große Liebe mit einem Revolver in der Hand. Danach steigert der Film langsam die Lautstärke.

Der schwedische Regisseur Fredrik Bond hat schon in die erste Viertelstunde seines Films mehr Story, Tempo und Witz hineingepackt als alle bisherigen Wettbewerbsbeiträge zusammen. Es tut gut, endlich mal mitgerissen zu werden, statt darüber nachdenken zu müssen, ob man gerade eine Szene richtig erfasst hat oder ob es tatsächlich nichts zu erfassen gab.

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Nach dem rasanten Einstieg springt der Film in der Zeit zurück: Charlie Countrymans Mutter stirbt, was er nur mit ein paar Pillen erträgt. Dafür erscheint ihm die Tote auf dem Krankenhausflur noch einmal als allerbeste Mutter (okay, sie selbst gibt sich lediglich eine 2+) und schenkt ihrem Sohn einen letzten Ratschlag: "Geh nach Bukarest!" Irgendwann, viel später, schwant ihm, dass vielleicht sogar die 2+ eine Überbewertung war.

Wirr wie ein Ecstasy-Trip, märchenhaft wie eine Vorlesestunde beim Großvater

Er ist noch nicht in Rumänien gelandet, da hat Charlie bereits mit einem zweiten Toten gesprochen. Kurz darauf hat er sich heillos verliebt und ist in eine Geschichte verwickelt, die sich zwischen einer rätselhaft schönen Cello-Spielerin Gabriela (Evan Rachel Wood), zwei dauerbekifften und dauererigierten Backpackern, einem grausam-liebenden Drogenboss und dessen sadistischen Gegenspieler entspinnt. Das Ganze ist wirr wie ein Ecstasy-Trip, märchenhaft wie die Vorlesestunde beim Großvater und vor einem Tempo weit jenseits der Durchschnittsgeschwindigkeit dieser Berlinale.

Wenke Husmann
Wenke Husmann

Wenke Husmann ist Redakteurin im Ressort Kultur bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

Bond hat schon etliche Preise und Auszeichnungen bekommen, stets für seine Werbefilme. The necessary Death of Charlie Countryman ist sein erster fiktionaler Langfilm. Er spielt darin sehr lässig mit den Klischees über Osteuropa: Sein Bukarest ist dreckig und runtergekommen und supermodern und fremdartig und beängstigend und pittoresk. "Voller Geschichte, voller Krisen, voller Leben", wie es der zweite Tote noch formulierte. Der Kameramann Roman Vasyanov fängt diese Stadt und ihre Figuren in retro-schicken Farben ein: neonbleiches Blau für die U-Bahn, puffwarmes Rot für das Hostel, sepiabraun für das Heim der Liebsten. Diese Aufnahmen wurden dann beschleunigt oder gedehnt und unter anderen mit Musik von Moby, M83 und The XX zu einem einzigen rasenden Videoclip zusammengeschnitten. 

Wenke Husmann
Wenke Husmann

Wenke Husmann ist Redakteurin im Ressort Kultur bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

Jede Szene steckt voll wunderbar überflüssiger Frechheiten: Während Darko (Til Schweiger), der fiesere der beiden Drogenbosse, Charlie und seine Backpacker-Kumpels aufs Widerlichste bedroht, daddelt auf dem Sofa ein kleiner Junge unbeteiligt auf seinem Laptop. Als Nigel, der andere Drogenboss, der möglicherweise aufrichtig liebt, aber dennoch ganz schön böse ist (Mads Mikkelsen), Charlie vor einem versifften Urinal – in dessen Abfluss ein Auge zwinkert – aufs Freundlichste bedroht, muss er dies in einem Hemd tun, über das Dutzende von Dackeln wackeln. Gabriela, Charlies große Liebe, muss mit ansehen, wie die Bahre mit der Leiche ihres Vaters durch die Luft geschleudert wird, weil zwei Rettungssanitäter zu viel Hasch rauchen, und einer der Backpacker (der rothaarige Ron Weasley alias Rupert Grint) strebt eine Karriere als Pornostar an, für die er sich den Künstlernamen "Boris Pecker" zugelegt hat.

Moment, Moment, Moment. Und was soll das alles?

Leserkommentare
    • Hermez
    • 10. Februar 2013 12:43 Uhr

    ...die typisch deutsche Frage nach Tiefe und Sinn:))
    Wenn der Film einfach nur gut unterhält hat er doch schon alles erreicht.Oder?

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • DerDude
    • 10. Februar 2013 17:36 Uhr

    die den Leser in die Lage versetzt zu beurteilen, ob er den Film sehen möchte oder nicht. Und die Frage, ob der Film nun sehenswert ist oder nicht, bewusst offen lässt.

    Ich für meinen Teil werde mir den Film wohl nicht ansehen. Einfach, weil ich keinen Nerv für 107 Minuten Musikclip-Ästhetik habe, wenn der Film sich zugleich um seine Figuren einen Dreck schert (siehe hierzu auch die Rezension des Tagesspiegel http://www.tagesspiegel.d... ). Ohne ein gewisses Grundmaß an Tiefe werden Filme gerne, wenn auch nicht zwangsläufig, zu einem Trash-Movie-Ärgernis. Es braucht schon ein rechtes Feuerwerk an Witz und Action, damit derartige Filme nicht in eine Falle laufen (spontan fiele mir da "Crank" ein, als ein Beispiel, wo diese Wette aufgegangen ist).

    Sehen Sie, so unterschiedlich können die Wahrnehmungen sein. Meine Zweifel an der Güte des Feuerwerks von Frederik Bond werden mich mein Eintrittsgeld wohl woanders anlegen lassen. Der einzige Wettbewerbsfilm, auf den ich wirklich noch gespannt bin, ist Parde von Jafar Panahi. Aber schließlich lehrt die Erfahrung ohnehin, dass die besten Filme der Berlinale oft außerhalb des Wettbewerbs laufen.

    • DerDude
    • 10. Februar 2013 17:52 Uhr

    Zum Glück lief der Streifen ja bereits auf dem Sundance-Festival (und ging dort leer aus). Gerade eben gesehen: Ein absoluter Verriss im britischen Guardian, dem ich ansonsten so ganz pauschal einen ziemlich guten Filmgeschmack unterstelle:

    http://www.guardian.co.uk...

  1. hat mir doch glatt die Worte aus dem Mund genommen.
    Wir schwermütigen Deutschen sind halt immer auf der Suche nach dem Tiefgang.
    Und sind dann überrascht, dass es auch mit einer gewissen Leichtigkeit ganz gut geht.

    • Conte
    • 10. Februar 2013 13:41 Uhr

    Die Berlinale, seine Macher, seine Gäste und all die um sie herum und in ihr wirken, sind ein unausgegorenes Ding. Mehr nicht. Und je mehr man wie im Falle Bond eine Identität aus Identitäten sucht, bleibt man ein unidentifiziertes Element. Wann wird endlich begriffen, dass Fördermassnahmen und Werbung nicht das Talent hervorholen?

  2. "Der Werbefilmer Fredrik Bond hat einen tempo- und pointenreichen Liebesfilm gedreht. Die Figuren und ihre Motive kommen dabei aber zu kurz. Schade, findet Wenke Husmann."

    "neonbleiches Blau für die U-Bahn, puffwarmes Rot für das Hostel, sepiabraun für das Heim der Liebsten."

    Werbefilmer drehen auch Liebesfilme, warum auch nicht. Wenn auch da "Die Figuren und ihre Motive" oft zu kurz kommen, dann liegt das vielleicht daran, daß Liebe wunderbar unbeschreiblich ist.

    Außerdem werden die Motive von Figuren selten klar erfasst. Eine hilfreiche Frage ist diesbezüglich immer: Wo kommt es her, wo führt es hin? Aber wer stellt schon solche Fragen.

    Man darf gespannt sein: Wie geht der Film aus? Verlässt sie ihn? Überlebt sie das?

    "Moment, Moment, Moment. Und was soll das alles?"

    Nun, es geht im Kino um Handlungen, Betrachtungen, Fragen und mögliche Antworten.

    "Auf sie wartet am Ende wieder der Anfang, an dem der gordische Knoten dann einfach zerschlagen wird."

    Das tut man nicht. Erich Kästners Mutter würde dazu sagen:
    Knoten schneidet man nicht durch, Strick kann man immer brauchen.
    http://www.erinnerungsort...
    Das ist aber alles lange her, aus einer anderen Zeit.

    • DerDude
    • 10. Februar 2013 17:36 Uhr

    die den Leser in die Lage versetzt zu beurteilen, ob er den Film sehen möchte oder nicht. Und die Frage, ob der Film nun sehenswert ist oder nicht, bewusst offen lässt.

    Ich für meinen Teil werde mir den Film wohl nicht ansehen. Einfach, weil ich keinen Nerv für 107 Minuten Musikclip-Ästhetik habe, wenn der Film sich zugleich um seine Figuren einen Dreck schert (siehe hierzu auch die Rezension des Tagesspiegel http://www.tagesspiegel.d... ). Ohne ein gewisses Grundmaß an Tiefe werden Filme gerne, wenn auch nicht zwangsläufig, zu einem Trash-Movie-Ärgernis. Es braucht schon ein rechtes Feuerwerk an Witz und Action, damit derartige Filme nicht in eine Falle laufen (spontan fiele mir da "Crank" ein, als ein Beispiel, wo diese Wette aufgegangen ist).

    Sehen Sie, so unterschiedlich können die Wahrnehmungen sein. Meine Zweifel an der Güte des Feuerwerks von Frederik Bond werden mich mein Eintrittsgeld wohl woanders anlegen lassen. Der einzige Wettbewerbsfilm, auf den ich wirklich noch gespannt bin, ist Parde von Jafar Panahi. Aber schließlich lehrt die Erfahrung ohnehin, dass die besten Filme der Berlinale oft außerhalb des Wettbewerbs laufen.

    • DerDude
    • 10. Februar 2013 17:52 Uhr

    Zum Glück lief der Streifen ja bereits auf dem Sundance-Festival (und ging dort leer aus). Gerade eben gesehen: Ein absoluter Verriss im britischen Guardian, dem ich ansonsten so ganz pauschal einen ziemlich guten Filmgeschmack unterstelle:

    http://www.guardian.co.uk...

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  • Schlagworte Liebe | Film | Rupert Grint | Rumänien | Bukarest | Osteuropa
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