Doku "Berlin Ecke Bundesplatz" : Schicksalsschlag und Schrippenglück

"Berlin Ecke Bundesplatz" ist eine der längsten Dokus der deutschen Filmgeschichte. Seit 26 Jahren begleiten zwei Filmemacher das Leben im Charlottenburger Kiez.

Mal überlegen. Welches der Ladengeschäfte am Bundesplatz könnte die Bäckerei Dahms gewesen sein. Das da an der Ecke Wexstraße, wo’s jetzt Videos gibt? Das gegenüber, wo das Spielcasino drin ist? Oder das auf der anderen Seite der Bundesallee, Höhe Hildegardstraße, wo jetzt der Schlüsseldienst sitzt?

Gar nicht so einfach, diesen Platz zu Fuß zu umrunden. Der ihn aufspaltende Autotunnel hat absolut was dagegen. Unter den Füßen knirscht der Winter, in den Ohren braust der Verkehr, die Augen bleiben an Gründerzeitfassaden, Siebzigerbeton und einer spröden Metallskulptur in der Platzmitte kleben. Jeder brummt vorbei, hastet weiter, flieht. Bloß weg von hier. Der Bundesplatz will nicht, dass ihn die Leute lieben.

Hans-Georg Ullrich und Detlev Gumm tun es trotzdem. Schon 26 Jahre lang. Wobei ihr Bundesplatz nichts mit der städteplanerischen Katastrophe aus den Zeiten der autogerechten Stadt zu tun hat. Ihr Bundesplatz – das ist das Leben in einem Wassertropfen, der Mikrokosmos vor der Haustür, die Langzeitdokumentation im Kiez, kurz Berlin Ecke Bundesplatz. Ein von WDR, 3sat und RBB unterstütztes, 1986 gestartetes Fernsehfilmprojekt, dessen langen Atem nur die ebenso legendäre DDR-Langzeitdokumentation Die Kinder von Golzow übertrifft. 60 Stunden Dokumentation, aufbereitet in 21 Filmen, umfasst Berlin Ecke Bundesplatz inzwischen. Das ist komprimiertes historisches Material, Stadtansicht im Zeitraffer, West-Berliner Lebensgefühl, Wilmersdorfer Wandel, Gesellschaftskaleidoskop und vor allem jede Menge Leben, das aufgrund der schlichten, kommentarlosen Erzählweise Platz zum Mitfühlen, Mitwundern und – ganz wichtig – zur Selbstbefragung lässt.

Beim Dokumentarfilm komme und gehe man, sagt Detlef Gumm, dessen Leben – genau wie das seines Kompagnons Hans-Georg Ullrich – vielfach auch privat mit denen ihrer Helden aus dem Bundesplatz-Kiez verschmolzen ist. "Denn wir sind nicht wieder gegangen, sondern geblieben." Diese Hartnäckigkeit feiert die Berlinale mit den vier neuen und zugleich letzten Filmen von "Berlin Ecke Bundesplatz", die am Sonnabend als Special zur Eröffnung der Reihe Berlinale goes Kiez im Bundesplatz-Kino laufen. Gleichzeitig erscheint eine DVD-Edition, Claudia Lenssens Buch Berlin Ecke Bundesplatz (Bebra-Verlag) und eine Online-Präsentation der Deutschen Kinemathek.

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Kommentare

6 Kommentare Kommentieren

Der Bundesplatz ist tiefstes Wilmersdorf

Kleine Bitte an die Redaktion: Es wäre schön, wenn Sie diesen Lapsus ausbügeln würden. Denn auch wenn die Bezirke Charlottenburg und Wilmersdorf vor einigen Jahren zu einem Großbezirk "Charlottenburg-Wilmersdorf" verschmolzen wurden, so handelt es sich gerade bei der Gegend um den Bundesplatz doch um einen wirklich "Ur-Wilmersdorfer" Kiez. :)

Wenn schon, dann richtig

"Kiez" als Bezeichnung würde auf das Dorf "Wilmersdorf" deuten. Das bzw. dessen Reste liegen aber vom Bundesplatz entfernt, der wiederum immerhin in der Nähe des bis vor einigen Jahren umbenannten Bahnhofs liegt, der immerhin über 100 Jahre lang die Bezeichnung "Wilmersdorf" trug.
Es ist die traurige Geschichts- und Traditioinsvergessenheit der heutigen "Streifenhörnchen" in Wirtschaft und Verwaltung, dass eben alles verschwimmt und verwischt wird, was nicht dem jeweiligen Trend entspricht.