"Before Midnight" : Der Paulo Coelho unter den Liebesfilmen

Die Weisheiten sind gut abgehangen, die Darsteller auch: Julie Delpy und Ethan Hawke vervollständigen ihre Romantik-Trilogie mit "Before Midnight".

Es gibt Filme, an denen scheidet sich der Geschmack. Wenn mir jemand erzählt, er halte Before Sunrise für eine wunderbare Liebesgeschichte, weiß ich: Wir werden filmisch nie zusammenkommen. Eine Menge Menschen lieben Before Sunrise, diese Geschichte des Amerikaners Jesse und der Französin Céline (Ethan Hawke, Julie Delpy), die sich im Zug begegnen, eine Nacht in Wien verbringen und dann wieder auseinander gehen. Andere können damit nichts anfangen – ich zum Beispiel.

Warum polarisiert ein harmloser Filmstoff? Es ist doch nur eine weitere Liebesgeschichte. Nun, offenbar nicht. Richard Linklaters Before-Filme stehen für den Beziehungsfindungsprozess einer ganzen Generation, beim Erscheinen des ersten Teils 1995 nannte man diese noch die Generation X.

Für viele Generation Xer bilden die Filme ab, was Romantik und was Liebe ist. In Before Sunset, wo sich die beiden Protagonisten neun Jahre später wieder begegnen, beschreibt es Jesse, inzwischen zum Romanautor gereift, so: Es gibt Romantiker und es gibt Zyniker. Demzufolge gehöre ich zu den Zynikern. Ich habe mich damals im Kino totgelacht über all die überfrachteten Dialoge über Katzen, Großmütter und Sonnenuntergänge, während es ringsherum schniefte.

1995, 2004, 2013: Exakt neun Jahre nach Teil 2 ist die Trilogie um Jesse und Céline nun komplett. Before Midnight läuft nach seiner Premiere auf dem Sundance-Festival nun außer Konkurrenz im Wettbewerb der Berlinale. Before Sunset endet damit, dass Céline auf ihrer Gitarre klimpert und Jesse vor der Frage steht, ob er seinen Flieger zurück in die USA und zu Frau und Kind verpassen soll. In Before Midnight erfahren wir: Er ist geblieben, hat seine Familie verlassen und mit Céline eine neue gegründet. Mit ihren siebenjährigen Zwillingstöchtern verbringt das Paar nun einen sechswöchigen Urlaub im Haus eines Schriftstellers in Griechenland.

Carolin Ströbele

Carolin Ströbele ist Redakteurin im Kulturressort bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier

Die Frage ist nicht mehr: Sind wir füreinander geschaffen? Sondern: Schaffen wir es miteinander?

Auch Jesses Teenager-Sohn Hank aus erster Ehe ist dabei, der Film beginnt mit der ungelenken Verabschiedung von Vater und Sohn am Flughafen in Kalamata. Im Moment des Abschieds wird Jesse bewusst, dass er nicht nur einen großen Teil der Kindheit seines Jungen verpasst hat, sondern auch dessen Erwachsenwerden nur aus der Ferne erleben wird. Als er zu Céline ins Auto steigt und seine Ängste äußert, sagt sie: "Wegen solcher Dinge trennen sich die Leute."

Es scheint also ernst zu werden zwischen diesem langlebigen Filmtraumpaar. Die Frage lautet nicht mehr: Sind wir füreinander geschaffen? Sondern: Schaffen wir es miteinander?

Ein viel versprechender Einstieg in eine fast schon griechische Tragödie, könnte man meinen: Soll dieser Mann sich um seinen ersten Sohn kümmern, auf die Gefahr hin, seine Frau und die beiden anderen Kinder zu verlieren?

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