Film "Hyde Park am Hudson"Hot Dog statt Tea

Franklin D. Roosevelt alias Bill Murray empfängt den englischen König. Mit "Hyde Park am Hudson" kommt noch ein Präsidenten-Film ins Kino – diesmal zart-komisch. von 

Es ist das Jahr 1939. In Europa ein politisch prekäres, fatales Jahr, ohnehin, aber auch in den Vereinigten Staaten kein unproblematisches: Die Große Depression liegt hinter den USA, die Wirtschaft lag lange am Boden. Präsident Franklin D. Roosevelt (Bill Murray), seit 1932 im Amt, 1936 für eine zweite seiner insgesamt vier Amtszeiten erneut gewählt, hat mit Wirtschaftsreformen und Eingriffen in das Sozialsystem die US-Konjunktur auf Vordermann gebracht. Es ist Anfang Juni und bald wird Deutschland Polen überfallen.

In diesen Tagen steht den Roosevelts auf ihrem Familiensitz, dem Hyde Park am Hudson im Bundesstaat New York, eine außergewöhnliche, weil royale Visite aus dem Vereinigten Königreich Großbritannien ins Haus: King George VI. (Samuel West) und Queen Elizabeth (Olivia Colman) haben sich fürs Wochenende ankündigen lassen. Der Regent muss den Präsidenten bitten, sich in der bevorstehenden Konfrontation mit Deutschland an die Seite Englands zu stellen. Eine ganz und gar ungewöhnliche Situation: England ist auf Amerika angewiesen, der britische König kommt als Bittsteller auf den Landsitz der Roosevelts. Tea Time meets Hot Dog.

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Während man auf Hyde Park sich auf die Royals vorbereitet, kommt es zu einer amourösen Annäherung des Präsidenten mit einer Cousine fünften Grades – der anmutigen Margaret Daisy Stuckley (Laura Linney, Tatsächlich… Liebe). Es ist nicht die einzige Affäre Roosevelts.

Der Regisseur Roger Michell drehte schon mit Erfolg Notting Hill (1999), Jane Austens Verführung (1995) und Enduring Love (2004). Sechs Jahre lang war er als Intendant der Royal Shakespeare Company in Stratford und London tätig und inszeniert noch heute für die Theaterbühne. Es sind meist historische, literarische Stoffe, die der Brite ins Kino bringt, nun also eine Episode vom Vorabend des Zweiten Weltkriegs.

Der Tragikomiker Bill Murray besticht dabei mit einem Spiel zwischen Schicksalsergebenheit und Manipulationskraft: Sein Präsident Roosevelt, an Polio erkrankt und meist im Rollstuhl, ist ein politischer Jongleur und notorischer Schwerenöter, er ist Melancholiker und Frohnatur zugleich. Eine an Facetten reiche Figur, deren ausgeprägte Ambivalenz Murray ein dankbar breites Spielspektrum liefert. Für den Lost in Translation-Star ist es eine Parade-Rolle, mit – im Original – fein austarierten Dialogen (Drehbuch: Richard Nelson), die voller Ironie und Charme sind, voller Wehmut und Nostalgie auch.

Diesen Murray ergänzt wunderbar der unsichere, ungelenke, zumal stotternden King George – "Bertie" genannt – alias Samuel West. Gewiss, West ist kein zweiter Colin Firth, der in dem Oscar-gekrönten The King´s Speech (2010) eine brillante Leistung im Genre des sogenannten Biopics ablieferte, doch West vermag mittels kleiner Gesten und Blicke und dem genauen Sprachduktus eines Stotterers als junger King George zu überzeugen. Seine Darstellung des Königs ist Minimalismus pur. Es gibt Szenen in Michells Film, in denen die beiden Hauptdarsteller wie ein Spiegel des jeweils anderen wirken.

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Da ist jene Sequenz, in der der nervöse, zögernde König auf einem für die Weltpresse arrangierten Picknick vor zwei Dutzend Fotografen selbst völlig ungläubig in einen Hot Dog beißt. Das Blitzlicht-Gewitter will nicht enden. Die anwesenden Amerikaner klatschen lange und anerkennend: Der britische König hat ihre Sympathien gewinnen können, endlich. Samuel Wests König ist erleichtert, und Bill Murrays Präsident blickt mit nahezu väterlichem Wohlwollen zu ihm herüber. Es sind solche zwischenmenschlichen Untertöne, die das historische Liebes- und Polit-Drama ausmachen. Hyde Park am Hudson ist ein filmisches Kleinod.

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Leserkommentare
    • caballo
    • 28. Februar 2013 15:43 Uhr

    Der Film ist eine reine Zeitverschwendung. Er deutet an, daß Eleanor Roosevelt Lesbe war und verkleinert die Person von FDR auf einen Mann, der Frauen für seine egozentrischen, sexuellen Wünsche benutzt. Der Film wird weder der Person von FDR noch Eleanor Rossevelt gerecht. Ich weiß nicht in wie weit die Szenen von FDR's persönlichem Leben historisch belegt sind, aber der historische Wert des Filmes ist gleich null! Eine echte Enttäuschung! Falls sich jemand für das Leben von FDR interessiert, empfehle ich seine Biographie auf pbs.

    Eine Leserempfehlung
  1. Der Duktus des Films legt seine historische Ungenauigkeit nahe, aber das präzise Spiel aller(!) Darsteller erzeugt eine Spannung, die im sonstigen amerikanischen Kino der Gegenwart ihres gleichen sucht. Im ganzen eine hervorragende Charakterstudie, die möglicherweise Ihren historischen Vorbildern nicht gerecht wird, aber durch den ihren wohlwollenden und doch äußerst klaren und differenzierten Blick auf die einzelnen Charaktere besticht.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Film | Bill Murray | Franklin D. Roosevelt | England | USA | Europa
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