Oscar-VerleihungDer Hurrapatriotismus ist nicht weit

Keine Selbstkritik, kein Mut zur Debatte: "Argo" bekommt den Oscar für den besten Film. Ausgerechnet eine blütenreine Hymne auf die CIA von Jan Schulz-Ojala

Ben Affleck zeigt den Oscar für seinen Film "Argo".

Ben Affleck zeigt den Oscar für seinen Film "Argo".  |  © Adrian Sanchez/AFP

Die Oscars tönen gern politisch, man weiß es. Seit den Protesten gegen George W. Bush. Erst recht seit den frenetischen Feiern afroamerikanischer Sieger oder lange vernachlässigter Regiekünstlerinnen. Die Academy ist nicht jedes Mal besonders fortschrittlich, aber immer lauter.

Diesmal waren, durchweg im Gewand der Geschichte, gleich vier der neun topnominierten Filme superpolitisch. Quentin Tarantinos Django Unchained: eine feurige Anklage gegen die Brutalität der Sklaverei. Steven Spielbergs Heldengemälde Lincoln: Amerikas Überpräsident beendet den Bürgerkrieg – nicht ohne Ämterschacherei und Stimmenkauf. Und Kathryn Bigelow lässt in Zero Dark Thirty, ihrer spannenden Chronik der Jagd auf Osama bin Laden, die Rolle der Folter nicht aus.

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Allesamt Selbstverständigungsarbeiten, die den Staatsschmutz nicht unter den Teppich kehren. Wer aber gewinnt? Ben Affleck mit Argo, der braven Rekonstruktion eines verdienstvollen CIA-Schelmenstücks während der Geiselnahme von US-Bürgern 1980 in Teheran. Nix Selbstkritik. Nix Debattenauslöser. Argo ist so blütenrein wie eines der gestärkten Herrenhemden dieser Gala. Und Affleck ihr Saubermann.

Sage also niemand, die Academy hätte nicht die Wahl gehabt. Von Rassismus, Folter oder üblen Tricks auch in Demokratien will sie nichts wissen. Sie bejubelt ausgerechnet eine Hymne auf die CIA. Zur Abwechslung ohne Blutvergießen interveniert der US-Geheimdienst im Iran und schleust via Tarn-Story sechs Amerikaner außer Landes. Und der vom Regisseur verkörperte Held? Kriegt zum Lohn der guten Tat Frau und Kind zurück, und am Gartenzaun weht die amerikanische Flagge.

Vom Hurra über ein solches Happy End bis zum Hurrapatriotismus ist es nicht weit. Es ist allerdings einer der matten Art. Wenn man diese Oscar-Wahl hochrechnen darf: Wie müde muss dieses Amerika sein, wie müde auch seiner Weltpolizistenrolle! Ein bisschen verlogener Frieden, lautet die Botschaft von Argo. Oder auch: Wir sind die Guten. Nicht immer, aber immer leiser.

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Leserkommentare
    • LasseW
    • 25. Februar 2013 18:23 Uhr

    Die politische Botschaft muss wohl ausschlaggebend gewesen sein, denn unter den Nominierten sind mindestens fünf Filme, die mit Abstand besser sind (Life of Pie, Django, Zero Dark Thirty, Lincoln und Beasts of the southern wild).

    Afflecks platter Thriller war zwar nett, aber gerade gegen Ende ging es nur noch darum, dass alles in letzter Sekunde klappen muss. Und wenn man dachte, man hätte diese endlose Pseudoaufregung hinter sich, kommt die nächste "Hoffentlich geht in letzter Sekunde nicht doch noch alles schief"-Sequenz.

    Ein in jeder Hinsicht unwürdiger Sieger.

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    Ich für mein Teil wäre eher für Lincoln gewesen, denn diese politische Botschaft ist um einiges weitreichender als die von Argo, und historisch gesehen hat Abraham Lincolm mehr vollbracht als die CIA 1980 im Iran.
    Aber man kennt Hollywood, da wird jeder Vietnamkriegsfilm zu einem Siegesfilm der Staaten, genauso wie Filme über Mogadischu, gnadenlos versagt haben die US Truppen, auf der Leinwand allerdings sind sie die Sieger.

    Argo und Zero Dark Thirty sind Lobeshymnen und auf Folter und Spionage, eine Rechtfertigung und blendet aus das nicht nur der Iran schmutzige Finger hat.

    Alerdings gibt es auch gute Nominierungen im Bereich Doku, wie etwa "Töte zuerst", eine Dokumentation über den israelischen Geheimdienst, welche alle Facetten zeigt, und kein dumpfer Patriotismus, sondern auch eine Kritik am Vorgehen einiger Aktionen.

    • Socke9
    • 25. Februar 2013 21:09 Uhr

    Erklären Sie mir mal bitte, was Django Unchained so gut machen soll. Trashiger Kamerastil, platte Story und Tarantino typische Gewalthascherhei, mti solch hohen Bltufontänen, dass alles ziemlich lächerlich wirkt. Die oft totgeschwiegene Sklaverei zu thematisieren macht ihn nicht zu eine mguten Film.

    Das hat Gangs Of New York schon 2002 hinbekommen, und das ohne moralfreie Anekdote.

  1. nur weil auch schon politische Filme zum passenden Zeitpunkt den Oskar für den besten Film bekommen haben, muss das ja nicht immer so sein. Ich hätte auch gerne einen anderen Film als Sieger gesehen, aber die Wahl hat nun mal ein Jury. Und deren Aufgabe ist es nicht den politisch mutigsten Film auszuzeichnen, sondern den Besten. Das kann man nun so oder so sehen, aber daraus nun zu konstruieren, dass die amerikanische Gesellschaft müde von seiner Weltpolizisten-Rolle ist, erscheint mir doch etwas übertrieben. Und wenn sie nächstes Jahr einen Michael Moore Film über die Verhältnisse in Guantanamo prämieren, dann sind sie wieder hellwach und alles ist gut? Ne, das ist mir zu einfach.
    Man kann eine künstlerisch diskussionswürdige Entscheidung auch politisch überhöhen.
    Ausgezeichnet werden mit dem Oskar für den besten Film übrigens Produzenten. Da geht es wesentlich mehr um die technische als um die künstlerische Seite.

    Und ein Produzent ist laut wiki:
    Der Filmproduzent verwaltet und steuert den Herstellungsprozess audiovisueller Produktionen, und ist in allen Phasen verantwortlich für den technischen und den wirtschaftlichen Erfolg: Von der Stoff- und Drehbuchentwicklung über die Projektentwicklung, die Finanzierung und Kalkulation, die Produktion bis hin zur Postproduktion und Fertigstellung der Nullkopie bzw. des Sendebandes.[1] Den künstlerischen Erfolg verantwortet dagegen der Filmregisseur.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Filmproduzent

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    die Oscars werden nicht von einer Jury vergeben. Sie werden in einer geheimen Wahl von allen etwa 6000 Academy Mitgliedern gewaehlt. Nichts mit politisch manipulierter "Jury" Kungelei.

    ich finde die Kritik ist sehr konstruiert. Von einem Oscar Gewinner auf die Lage der Nation zu schliessen geht doch zu weit. So wichtig nehmen selbst die Amis ihre Oscars nicht.

    • vyras
    • 25. Februar 2013 18:32 Uhr

    ... an diesen Film und die Ehrung des Films durch eine Liveschaltung mit Michelle Obama als politische Provokation bewertet haben, nicht so falsch.

    17 Leserempfehlungen
  2. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/mo.

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  3. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/mo.

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  4. Also sich darüber zu beschweren, dass Argo die CIA zu positiv darstellt und gleichzeitig Zero Dark Thirty loben find ich lächerlich. ZDT ist Propaganda im Dienste der Rechtfertigung amerikanischer Folter durch die CIA.

    Siehe auch die tolle Kritik von Glenn Greenwald im englischen Guardian:

    http://www.guardian.co.uk/commentisfree/2012/dec/14/zero-dark-thirty-cia...

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    • lxththf
    • 25. Februar 2013 19:43 Uhr

    man kann etwas cineastisch darstellen und dabei einfach wertfrei die Fakten erzählen. Die Wertung findet dann in den Köpfen der Menschen statt. So wurde z.B. ZDT hier bei ZO rezensiert.

    Das Problem ist dass die Fakten eben nicht wertfrei dargestellt wurden, sondern verzerrt wurden. So wurde u.A. Folter als als wichtigstes Instrument um Bin-Laden aufzufinden dargestellt, während dies in der Realität nicht der Fall war.

    ... ist wohl ein Gütesiegel für eine Rezension? Haben Sie den Film denn gesehen?
    Was in Zero Dark Thirty dargestellt wird, ist die Obsession einer Frau, die zehn Jahre nichts anderes tut, als nach Attentätern zu suchen. Am Ende wird der Tod Bin Ladens nicht glorifiziert, nein, ganz im Gegenteil - die Frage nach dem Sinn wird eingeworfen. Subtil, ja, aber eigentlich ganz klar erkennbar. Damit werden die Foltermethoden nicht gerechtfertigt, OBWOHL sie für den Erfolg wichtig waren, sondern die ganze Aktion wird kritisiert. Den Film auf die Folter zu reduzieren ist schon sehr einfach.
    Glauben Sie mir, ich bin mit Vorbehalten ins Kino gegangen, die sich bis zum Ende gehalten haben. Doch dieses hat mich überzeugt - alles vorher war eine wertfreie Aufzählung der Geschehnisse in den zehn Jahren.

    Eigentlich rege ich mich auch gerne künstlich über Filme auf, aber ZDT hat dies nicht verdient.

  5. Nicht nur, dass Argo eine hurrapatriotische Lobeshymne auf die CIA ist, der Film erwähnt anfangs beiläufig, dass die islamische Revolution im Iran eine Reaktion auf den Terror der Shah-Geheimpolizei SAVAK war. Diese dürfte älteren Berlinern noch als jene 'Prügelperser' in Erinnerung sein, die 1967 die Eskalation der Studentenproteste gegen den Staasbesuch des Shahs verursachten - und damit der Gründung der RAF den entscheidenden Impuls gaben.

    Was der Film vergisst zu erwähnen, ist, dass die SAVAK von CIA Ausbildern trainiert wurde - dadurch wird 'Argo' zu einem perfide kalkulierten Machwerk, das die bittere Ironie der Geschichte vollkommen unterschlägt: ein von der CIA organisierter Coup führte zu einer anti-amerikanischen Revolution. Ein paar Sätze hätten zu dieser Klarstellung gereicht - und eine gute Regisseurin wie Bigelow schafft es in 'Zero Dark Thirty' ganz ohne Kommentare, diese Ambivalenz rüberzubringen.

    Trotzdem ist der Oscar für 'Amour' noch schlimmer, denn die Idee ist aus Dresens 'Halt auf freier Strecke' und der Schluss aus Beineix' 'Betty Blue' geklaut - und das ziemlich offensichtlich.

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    • Moika
    • 25. Februar 2013 20:13 Uhr

    Sehen Sie's doch einfach einmal so: Das Kino ist die einzige Möglichkeit, die CIA (oder andere Dienste) so richtig glänzen zu lassen.

    Ich darf mir das gar nicht vorstellen: Hätten CIA und FBI ihre Erkenntnisse rechtzeitig abgeglichen, wäre der infame Terroranschlag 9/11 nicht geschehen.

    Aber was rede ich - war da nicht noch die NSU, das deutsche Gegenstück absoluter Ermittler Unfähigkeit?

    • hairy
    • 25. Februar 2013 22:20 Uhr

    was Sie über "Amour" sagen.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Liebe_(2012)#Entstehungsgeschichte

    Der Film ist biographisch motiviert und seit 1992 mit Unterbrechungen in Arbeit.

    Abgesehen davon, dass für die Idee niemand einen Preis gewinnt. Die muss dann schon auch gekonnt umgesetzt werden.

    • drfeel
    • 26. Februar 2013 11:47 Uhr

    ziemlich offensichtlich ist eher, dass sie keine Ahnung von der Geschichte des Filsm "Amour" haben, die ersten Versionen des Scripts gabs schon seit sehr sehr langer Zeit...

    ...und der ganze Film läuft auf eben diese Szene hinaus, so wie alle Haneke-Filme immer eine ganz bestimmte Szene als Herzstück haben. Wenn die entscheidende Szene eines Films ein Plagiat ist, ist das für mich Ideenklau. Und die Produktion von 'Amour' lief an, nachdem Dresen mit 'Halt auf freier Strecke' die Cannes-Sektion Un Certain Regard gewann. Gut, hätte ich genauer erklären sollen, gehört aber nicht wirklich zum Thema.

  6. ...dass Hollywood einen der Realität entsprechenden Film über den Iran dreht? Ich sehe das genauso kritisch wie der Autor des Artikels. Ben Affleck ist die beste Besetzung für diese Art Film. Hollywoods Saubermann holt den Oskar. Amerika wie es leibt und lebt.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte CIA | Osama bin Laden | Steven Spielberg | Ben Affleck | Bürgerkrieg | Chronik
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