ZEIT ONLINE: Mister Hooper, wie haben Sie es geschafft, uns davon zu überzeugen, dass es vollkommen natürlich ist, Russel Crowe singen statt sprechen zu hören?

Tom Hooper: Das war die entscheidende Schwierigkeit bei diesem Film. Als ich meinem Agenten in Hollywood meine Absicht mitteilte, das Musical Les Misérables zu verfilmen, antwortete er: "Großartig! Leider kann ich Musicalverfilmungen nicht ausstehen." Das führte mir direkt vor Augen, dass es Leute gibt, die grundsätzlich keine Musicals auf der Leinwand sehen wollen.

ZEIT ONLINE: Ich gebe zu, dass ich dazugehöre. Ich muss allerdings auch zugeben, dass ich dann während des Films vor Rührung geweint habe.

Tom Hooper: Für Leute wie Sie habe ich meinen Film gemacht. Warum mögen sie keine Musical-Filme? Liegt es daran, dass es etwas grundsätzlich Falsches hat, zu singen statt zu sprechen? Ein Problem, das man nicht überwinden kann. Oder liegt es am üblicherweise für Musicals genutzten Playback, dass sich dieses Gefühl von Falschheit einstellt? Ich glaube, das eigentliche Problem ist diese herkömmliche Machart mit Studioeinspielungen. Dadurch entsteht Künstlichkeit, ein Mangel an Authentizität, der dazu führt, dass wir peinlich berührt sind, wenn die Figuren singen. Wir sind an Live-Sound und an direkt aufgezeichnete Dialoge gewöhnt! Von Anfang an habe ich daher Probedrehs gemacht, in denen Hugh Jackman live sang. Der Unterschied war unglaublich. Alle, denen ich diese ersten Szenen vorgeführt habe, empfanden eben nicht dieses peinliche, unnatürliche Musical-Gefühl.

Genauso wichtig war, den Gesang während des Drehs mit Live-Musik zu begleiten. Wir hatten also ein E-Piano am Set, das die Schauspieler über einen Knopf im Ohr hören konnten. Es gab keinen Dirigenten. Die Darsteller haben ihren Einsatz und das Tempo selbst bestimmt.

ZEIT ONLINE: Der Klavierspieler musste sich nach ihnen richten?

Hooper: Genau. Das kann man sehr schön in der Szenen beobachten, in der Anne Hathaway singt: "I dreamed a dream." Gegen Ende des Songs heißt es: "Now, life has killed the dream I dreamed." Anne macht eine ziemlich lange Pause, bevor sie das "I dreamed" singt. In dieser Pause entscheidet sie sich, ihr verletzliches, zutiefst emotionales Ich zurückzulassen und hart zu werden. Ihre Augen, zunächst voller Tränen, beginnen zu glänzen, als sie beschließt, ihr Herz abzukapseln und ihr Leben als Prostituierte zu bestreiten. Für diese Verwandlung braucht die Figur Zeit. Die konnte Anne sich nehmen.