Regisseur Tom HooperSingen, bis der Oscar kommt

Regisseur Tom Hooper freut sich über drei Oscars für seine Musicalverfilmung "Les Misérables". Im Interview redet er über die Kunst, Gefühle statt Kitsch zu inszenieren. von 

ZEIT ONLINE: Mister Hooper, wie haben Sie es geschafft, uns davon zu überzeugen, dass es vollkommen natürlich ist, Russel Crowe singen statt sprechen zu hören?

Tom Hooper: Das war die entscheidende Schwierigkeit bei diesem Film. Als ich meinem Agenten in Hollywood meine Absicht mitteilte, das Musical Les Misérables zu verfilmen, antwortete er: "Großartig! Leider kann ich Musicalverfilmungen nicht ausstehen." Das führte mir direkt vor Augen, dass es Leute gibt, die grundsätzlich keine Musicals auf der Leinwand sehen wollen.

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ZEIT ONLINE: Ich gebe zu, dass ich dazugehöre. Ich muss allerdings auch zugeben, dass ich dann während des Films vor Rührung geweint habe.

Tom Hooper
Tom Hooper

Der Brite Tom Hooper arbeitete zunächst fürs Fernsehen, wo er für die Umsetzung historischer Stoffe bald Preise erhielt. 2004 drehte er seinen ersten Kinofilm, das südafrikanische Polit-Drama Red Dust - Die Wahrheit führt in die Freiheit. Es folgten 2009 The Damned United – Der ewige Gegner über den legendären englischen Fußball-Club Leeds United und 2010 The King's Speech über den stotternden George IV., für den Hooper den Oscar als bester Regisseur erhielt. Seine Musicalverfilmung von Victor Hugos Epos Les Misérables erhielt am vergangenen Sonntag wieder drei Oscars, darunter die Auszeichnung von Anne Hathaway als beste Nebendarstellerin.

Tom Hooper: Für Leute wie Sie habe ich meinen Film gemacht. Warum mögen sie keine Musical-Filme? Liegt es daran, dass es etwas grundsätzlich Falsches hat, zu singen statt zu sprechen? Ein Problem, das man nicht überwinden kann. Oder liegt es am üblicherweise für Musicals genutzten Playback, dass sich dieses Gefühl von Falschheit einstellt? Ich glaube, das eigentliche Problem ist diese herkömmliche Machart mit Studioeinspielungen. Dadurch entsteht Künstlichkeit, ein Mangel an Authentizität, der dazu führt, dass wir peinlich berührt sind, wenn die Figuren singen. Wir sind an Live-Sound und an direkt aufgezeichnete Dialoge gewöhnt! Von Anfang an habe ich daher Probedrehs gemacht, in denen Hugh Jackman live sang. Der Unterschied war unglaublich. Alle, denen ich diese ersten Szenen vorgeführt habe, empfanden eben nicht dieses peinliche, unnatürliche Musical-Gefühl.

Genauso wichtig war, den Gesang während des Drehs mit Live-Musik zu begleiten. Wir hatten also ein E-Piano am Set, das die Schauspieler über einen Knopf im Ohr hören konnten. Es gab keinen Dirigenten. Die Darsteller haben ihren Einsatz und das Tempo selbst bestimmt.

ZEIT ONLINE: Der Klavierspieler musste sich nach ihnen richten?

Hooper: Genau. Das kann man sehr schön in der Szenen beobachten, in der Anne Hathaway singt: "I dreamed a dream." Gegen Ende des Songs heißt es: "Now, life has killed the dream I dreamed." Anne macht eine ziemlich lange Pause, bevor sie das "I dreamed" singt. In dieser Pause entscheidet sie sich, ihr verletzliches, zutiefst emotionales Ich zurückzulassen und hart zu werden. Ihre Augen, zunächst voller Tränen, beginnen zu glänzen, als sie beschließt, ihr Herz abzukapseln und ihr Leben als Prostituierte zu bestreiten. Für diese Verwandlung braucht die Figur Zeit. Die konnte Anne sich nehmen.

Leserkommentare
  1. Ich muss zugeben, ich habe den Film nicht gesehen (vielleicht sollte ich den erstmal kurz runterladen :)), aber die Auschnitte bei den Oscars und die Trailer sind einfach Kitsch pur! Und (leider) auch noch schlecht gesungen...

    Ich weiß nicht, wie heutzutage Musicals aufgeführt und vom Publikum aufgenommen werden, aber in der Oper würden bei den Sangesleistungen (wie gesagt: Trailer / Ausschnitte) kein Mensch nach der Pause wieder reingehen: Sing-Amateure, die auf großes Gefühl machen.

    Schlimmer geht's nicht.

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    • Ancoron
    • 28. Februar 2013 2:01 Uhr

    Man kann einen Film, dessen Kraft in eben den minutenlangen Szenen liegt, in denen man ganz den herangezoomten Gesichtern und Emotionen der Figuren ausgesezt ist, eben nicht anhand eines Trailers bewerten, das müsste aus dem Interview hervorgehen.

    Ich habe den Film gesehen und war mehr als gerührt und auch begeistert davon. Es ist schon eine außergewöhnliche Kunst, die z.B. eine Anne Hathaway da an den Tag gelegt hat. Aber auch die Leidenschaft, in der die jungen Revolutionäre sich dem Kampf gegen den König hingeben, springt auf den Zuschauer über - man wäre gern Teil des "heroischen" Moments, der brennenden Atmosphäre - um im nächsten Moment durch das Grauen, den Tod erschrocken wieder in die Realität zurück zu kommen... das Musical reißt einen mit.

    • Ancoron
    • 28. Februar 2013 2:01 Uhr

    Man kann einen Film, dessen Kraft in eben den minutenlangen Szenen liegt, in denen man ganz den herangezoomten Gesichtern und Emotionen der Figuren ausgesezt ist, eben nicht anhand eines Trailers bewerten, das müsste aus dem Interview hervorgehen.

    Ich habe den Film gesehen und war mehr als gerührt und auch begeistert davon. Es ist schon eine außergewöhnliche Kunst, die z.B. eine Anne Hathaway da an den Tag gelegt hat. Aber auch die Leidenschaft, in der die jungen Revolutionäre sich dem Kampf gegen den König hingeben, springt auf den Zuschauer über - man wäre gern Teil des "heroischen" Moments, der brennenden Atmosphäre - um im nächsten Moment durch das Grauen, den Tod erschrocken wieder in die Realität zurück zu kommen... das Musical reißt einen mit.

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    Antwort auf "Gefühl statt Kitsch?"
  2. Die menschliche Stimme kann viel Gefühl übertragen, und wenn sie zum Singen benutzt wird, gilt dies ganz besonders - jedenfalls wenn jemand Musik überhaupt empfindet. Wie gut man technisch singt, ist für die emotionale Wirkung nicht entscheidend. Auch mäßige Sänger mit eher schwachen Stimmen könnnen Stimmungen und Gefühle erzeugen.

    Der Film Les Miserables erzielt seine Wirkung nicht mit der puren Gesangskunst: wer belcanto hören will, gehe in die Oper oder kaufe sich eine CD. Der Film überzeugt durch ausserordentliche darstellerische Leistungen der Schauspieler. Die Stimme und ihr Gesang sind nur ein Teil ihrer darstellerischen Leistung und dabei, selbst bei Russell Crowe, noch so gut, dass sie die Rolle tatsächlich mittragen. Man kann übertrieben sagen: mancher Schauspieler spielt streckenweise nur als ob er gut singen könnte, was nicht nur dem geschulten Ohr auffällt. Aber nicht der Gesang allein, das Gesamtspiel ist ausserodentlich.

    Ansonsten ist das Musical ein Auf und Ab an Gefühlen, es rührt und scheut sich nicht, auch einmal die Grenzen des Kitsches zu streifen: Es wird gelitten, gequält, glücklich geliebt, unglücklich geliebt, gekämpft, gestorben, und wer nicht erschossen wird, begeht wenigstens Selbstmord. Das Buch lässt nichts aus und hat am Ende beinahe Mühe, noch zu einer Art happy end zu kommen. Insgesamt aber: großes Kino.

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  • Schlagworte Regisseur | Anne Hathaway | Hugh Jackman | Film | Oscar | Gesang
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