ZEIT ONLINE: Herr Wirkola, Grimms Märchen zählen gewissermaßen zum Weltkulturerbe. Können Sie sich noch an Ihr erstes Märchen der Brüder Grimm erinnern?

Tommy Wirkola: Wir haben in Norwegen natürlich eine eigene Märchen- und Sagentradition, aber Hänsel und Gretel ist schon damals mein Lieblingsmärchen gewesen. Als Kind besaß ich Grimm-Märchen als Hörspiele; die hab ich abends immer zum Einschlafen gehört. Diese Hörspiele haben mir eine Höllenangst bereitet. Man konnte die Hexe am Ende im Ofen kreischen hören – und das Kratzen der Fingernägel an der Ofentür. Das hat meine Erinnerung an die Märchen der Brüder Grimm nachhaltig geprägt. Jahre später diente mir Hänsel und Gretel als Inspiration für meinen Abschlussfilm an der Filmhochschule. Die Geschichte lässt die Figuren ja in einer wirklich interessanten Ausgangssituation zurück: alleine im Wald, ohne Eltern, total verstört. Das Märchen ist die perfekte Eröffnung für einen Film.

ZEIT ONLINE: Sie benutzen das Märchen als Prolog und lassen Ihre Geschichte fünfzehn Jahre später einsetzen. Die Geschwister sind inzwischen erwachsen und machen Jagd auf Hexen. Aber die Erinnerungen quälen sie. Eigentlich die konsequente Umsetzung eines Grimm-Märchens: Fast alle ihre Geschichten handeln von traumatisierten Kindern.

Wirkola: Ich hab mich schon als Kind gefragt, wie es mit den beiden wohl weiterginge. Es ist nicht ganz abwegig, dass sie später Hexenjäger werden. Eine realistischere Fortsetzung wäre zwar, dass sie Jahre in Therapie verbringen – aber das wäre kein sehr spannender Film geworden.

ZEIT ONLINE: Worin unterscheiden sich norwegische Märchen von den Grimmschen?

Wirkola: In den meisten unserer Sagen kommen Trolle vor. Der Troll in Hänsel und Gretel ist eine kleine Hommage an die Geschichten meiner Heimat. Norwegische Märchen sind nicht so düster und grausam wie die der Grimms. Die meisten handeln von Underdogs, die mit Geschick ihre Feinde überlisten. Es gibt eine Figur, die in vielen norwegischen Sagen vorkommt, ihr Name ist Askeladden. Askeladden wird stets unterschätzt und jedes Mal besiegt er seinen Gegner wider alle Erwartungen. Es sind leichte, eher hoffnungsvolle Geschichten.

ZEIT ONLINE: Ich mochte die theatralische Blackmetal-Ästhetik Ihrer Hexen, mit den blassen, toten Gesichtern. Sie haben mich an Norwegens Blackmetal-Bands erinnert.

Wirkola: Der ganze Film ist ziemlich blackmetal geraten. Mit den Hexen haben wir uns tatsächlich große Mühe gegeben. Für jede Hexe nahmen wir uns ein Tier zum Vorbild – in der Art, wie sie sich bewegt oder ihre Stimme klingt. Muriel, der von Famke Jansen gespielten Oberhexe, haben wir Eigenschaften einer Wölfin verliehen. Die Entwicklung dieser Hexen-Charaktere hat am meisten Spaß gemacht.

ZEIT ONLINE: In Ihrem Film Dead Snow ging es um Nazi-Zombies. Die Vorbilder waren recht eindeutig: Sie sind offensichtlich Fan der frühen Horrorfilme von Sam Raimi und Peter Jackson.