Regisseur Tommy Wirkola"Schon als Kind hörte ich die Fingernägel der Hexe an der Ofentür kratzen"

Grimms Märchen "Hänsel und Gretel" lehrte den Norweger Tommy Wirkola früh das Fürchten. Im Interview spricht der Regisseur über den Spaß, es den Hexen nun heimzuzahlen. von Andreas Busche

ZEIT ONLINE: Herr Wirkola, Grimms Märchen zählen gewissermaßen zum Weltkulturerbe. Können Sie sich noch an Ihr erstes Märchen der Brüder Grimm erinnern?

Tommy Wirkola: Wir haben in Norwegen natürlich eine eigene Märchen- und Sagentradition, aber Hänsel und Gretel ist schon damals mein Lieblingsmärchen gewesen. Als Kind besaß ich Grimm-Märchen als Hörspiele; die hab ich abends immer zum Einschlafen gehört. Diese Hörspiele haben mir eine Höllenangst bereitet. Man konnte die Hexe am Ende im Ofen kreischen hören – und das Kratzen der Fingernägel an der Ofentür. Das hat meine Erinnerung an die Märchen der Brüder Grimm nachhaltig geprägt. Jahre später diente mir Hänsel und Gretel als Inspiration für meinen Abschlussfilm an der Filmhochschule. Die Geschichte lässt die Figuren ja in einer wirklich interessanten Ausgangssituation zurück: alleine im Wald, ohne Eltern, total verstört. Das Märchen ist die perfekte Eröffnung für einen Film.

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ZEIT ONLINE: Sie benutzen das Märchen als Prolog und lassen Ihre Geschichte fünfzehn Jahre später einsetzen. Die Geschwister sind inzwischen erwachsen und machen Jagd auf Hexen. Aber die Erinnerungen quälen sie. Eigentlich die konsequente Umsetzung eines Grimm-Märchens: Fast alle ihre Geschichten handeln von traumatisierten Kindern.

Zum Film

Hänsel und Gretel: Hexenjäger spielt fünfzehn Jahre nach dem Lebkuchenhaus-Zwischenfall im Grimm-Märchen. Die Geschwister, gespielt von Jeremy Renner und Gemma Atherton, reisen als freischaffende Hexenjäger durch Deutschland. Als in der Umgebung von Augsburg eine ungewöhnlich hohe Anzahl junger Mädchen verschwindet, heuert der Bürgermeister die Kopfgeldjäger an.

Zu Tommy Wirkola

Tommy Wirkola wurde am 6. Dezember 1979 in Alta, Norwegen geboren. Sein Kinodebüt war 2006 die Kill Bill-Parodie Kill Buljo, die in seiner Heimat mit großem Erfolg lief. Mit seinem nächsten Film, der Nazi-Zombie-Komödie Dead Snow, für die er auch das Drehbuch schrieb, machte er international auf sich aufmerksam. Hänsel und Gretel: Hexenjäger ist seine erste Hollywood-Produktion. Die Idee basiert auf seinem Abschlussfilm an der Filmhochschule in Australien.

Wirkola: Ich hab mich schon als Kind gefragt, wie es mit den beiden wohl weiterginge. Es ist nicht ganz abwegig, dass sie später Hexenjäger werden. Eine realistischere Fortsetzung wäre zwar, dass sie Jahre in Therapie verbringen – aber das wäre kein sehr spannender Film geworden.

ZEIT ONLINE: Worin unterscheiden sich norwegische Märchen von den Grimmschen?

Wirkola: In den meisten unserer Sagen kommen Trolle vor. Der Troll in Hänsel und Gretel ist eine kleine Hommage an die Geschichten meiner Heimat. Norwegische Märchen sind nicht so düster und grausam wie die der Grimms. Die meisten handeln von Underdogs, die mit Geschick ihre Feinde überlisten. Es gibt eine Figur, die in vielen norwegischen Sagen vorkommt, ihr Name ist Askeladden. Askeladden wird stets unterschätzt und jedes Mal besiegt er seinen Gegner wider alle Erwartungen. Es sind leichte, eher hoffnungsvolle Geschichten.

ZEIT ONLINE: Ich mochte die theatralische Blackmetal-Ästhetik Ihrer Hexen, mit den blassen, toten Gesichtern. Sie haben mich an Norwegens Blackmetal-Bands erinnert.

Wirkola: Der ganze Film ist ziemlich blackmetal geraten. Mit den Hexen haben wir uns tatsächlich große Mühe gegeben. Für jede Hexe nahmen wir uns ein Tier zum Vorbild – in der Art, wie sie sich bewegt oder ihre Stimme klingt. Muriel, der von Famke Jansen gespielten Oberhexe, haben wir Eigenschaften einer Wölfin verliehen. Die Entwicklung dieser Hexen-Charaktere hat am meisten Spaß gemacht.

ZEIT ONLINE: In Ihrem Film Dead Snow ging es um Nazi-Zombies. Die Vorbilder waren recht eindeutig: Sie sind offensichtlich Fan der frühen Horrorfilme von Sam Raimi und Peter Jackson.

Leserkommentare
  1. ... den Trailer zu diesem Machwerk gesehen und mich gefragt: Wer schaut sich solch einen Schrott wohl freiwillig an?

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    Hier hätten Sie einen Freiwilligen. Geschmack ist bekanntlicherweiße Unterschiedlich und glücklicherweiße müssen Sie diesen Film ja nicht schauen!

    > Wer schaut sich solch einen
    > Schrott wohl freiwillig an?

    Me, too! Bei Gelegenheit, mal sehen wie der Film im Spiegel der Kritik abschneidet.

    Oh Mann, diese miesepetrige Schlechtmacherei (nicht nur) in den ZEIT Online-Foren geht mir langsam echt auf den Zeiger. Gerade mal den Trailer gesehen, und schon das Urteil aus der Hüfte geschossen: SCHROTT!

    Und (das geht jetzt an Herrn Eichenschild) was den Vorwurf der Geschmacklosigkeit angeht: Die jahrhundertelange Verfolgung von Frauen als Hexen und die jahrhundertalte Tradition der Hexe als Figur in Aberglauben, Sage, Märchen und Mythologie sind ja wohl zwei verschiedene Paar Schuhe (auch wenn die Motive zu Letzterem sicherlich auch in Ersterem zu finden sind). Oder finden Sie auch Vampirfilme generell geschmacklos, weil im 15. Jahrhundert in Rumänien ein Tyrann namens Vlad Menschen zu Zehntausenden pfählte?

  2. Hier hätten Sie einen Freiwilligen. Geschmack ist bekanntlicherweiße Unterschiedlich und glücklicherweiße müssen Sie diesen Film ja nicht schauen!

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Ich habe im Kino"
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    ... das.

  3. ... das.

  4. >> Ich mochte die theatralische Blackmetal-Ästhetik Ihrer Hexen, mit den blassen, toten Gesichtern. Sie haben mich an Norwegens Blackmetal-Bands erinnert. <<

    ... aus Norwegen taugt, wie man von den Osbournes lernen konnte, prima zum Nachbarn erschrecken :-)

    Aber Ästhetik? Naja, wer's mag.

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    Der Satz hat mir auch ein Schmunzeln abgerungen.
    Aber die Ähnlichkeit ist schon verblüffend:
    http://www.youtube.com/watch?v=-VBdAY8eA9w

  5. sinnfreier Blutspritzeffekte Film, noch nicht mal unheimlich, sondern einfach nur lächerlich, was ich in dem Trailer gesehen habe.

    Aber geschmacklos und insofern auch fragwürdig, wenn man bedenkt, was "Hexenverfolgung" bis ins letzte Jahrhundert wirklich gewesen ist und wieviel Leid damit verbunden war.

    Ich frage mich immer wieder, was in den Köpfen von Regisseuren vorgehen mag, die solches Zeug abdrehen...

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    ... und brauchte das Geld.

  6. ... und brauchte das Geld.

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    Antwort auf "Für den, der's mag"
  7. Herr Wirkola, die Hexen sind doch eigentlich die Guten!

  8. Nicht alle Grimm'schen Marchen sind grausam und düster. Z.B. Hans im Glück, Däumling, das Lumpengesindel, die Bremer Stadtmusikanten, die Bienenkönigin, das tapfere Schneiderlein, Tischlein deck' dich, Sterntaler, der gestiefelte Kater, Frau Holle, Schneeweißchen und Rosenrot...

    In vielen dieser Märchen geht es genau um den Typus "Askeladden", also den unterschätzten, pfiffigen Helden. Tja - das ist so eine Sache mit den nationalen Stereotypen....

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    Hans im Glück, - Ziemlich fiese Geschichte, wie ein leicht naiver Mensch hemmungslos ausgenommen wird.
    das Lumpengesindel - ziemlich hinterfotzig, was da getrieben wird.
    die Bremer Stadtmusikanten - die Guten dürfen grausam sein, darum gehts auch in diesem Film
    das tapfere Schneiderlein - Mord und Totschlag, aber der Gute darf das,
    Tischlein deck' dich - übelste Prügelszenen und Selbstjustiz

    Es ist so, solange man der Gute ist, darf man alles, auch das, wofür der Böse angegriffen wird. Das hat sich von den Volksmärchen, den Grimmschen Märchen, Fabeln und Schwänken nicht geändert. Auch in den finnischen Märchen des Regisseurs ist es nicht anders, der Underdog darf gerne die gleiche Methoden verwenden, wie der Böse, ist halt der Gute.
    Das hat was mit Standortbestimmung und Zugehörigkeitsgefühl zu tun.

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  • Schlagworte Peter Jackson | Film | Actionfilm | Humor | Hörspiel | Norwegen
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