Jafar PanahiDie Leinwand als Schutz

Im Iran wurde gegen Jafar Panahi ein Berufsverbot erlassen. Dass dieser zur Berlinale seinen Film zeigte, nennt die Regierung "illegal". W. Husmann über mögliche Folgen. von 

Jafar Panahi

Der iranische Regisseur Jafar Panahi in Teheran im August 2010  |  © ATTA KENARE/AFP/Getty Images

Ein Film, auf einem USB-Stick und in einem Kuchen versteckt, das war selbst für ein so exaltiertes Festival wie Cannes ungewöhnlich. Der Regisseur Jafar Panahi hatte seinen Beitrag Dies ist kein Film im vergangenen Mai aus seiner Heimat Iran herausgeschmuggelt. Panahi, der wohl bekannteste iranische Filmemacher, der noch im Lande lebt, wurde 2010 vom islamischen Revolutionsgericht mit 20 Jahren Berufsverbot belegt und zu sechs Jahren Haft verurteilt. Bislang musste er die verhängte Haftstrafe nicht antreten. Das kann sich jederzeit ändern, denn wenn er dreht, ist das illegal, er bringt sich damit persönlich in Gefahr. Dennoch ist Panahi das Risiko nun zum zweiten Mal eingegangen. Sein Film Pardé (Geschlossener Vorhang) wurde am Dienstag vergangener Woche auf der Berlinale im Rahmen des offiziellen Wettbewerbs uraufgeführt. Nach dem Festival meldete sich die Regierung in Teheran zu Wort und sprach von einer Straftat.

Der Film ist weniger eine offene Kritik an den gesellschaftlichen Zuständen in Iran als eine sehr persönliche Parabel auf die Folgen von Repressionen gegen einen Künstler wie ihn. Wir sehen darin seinen Schaffensdrang (personifiziert durch seinen Ko-Autor und Wegbegleiter Kamboziya Partovi) und die Angst und Hoffnungslosigkeit des Verfolgten in der Person einer jungen Frau (Maryam Moghadam). Zunächst sei der Film nur ein Projekt gewesen, um Panahi zu beschäftigen, sagte Partovi nach der Vorführung des Films in Berlin. "Es ist schwierig, nicht zu arbeiten, wenn man im Zenit seines Schaffens steht", beschrieb er die Situation des Freundes. "Man wird depressiv."

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Zu Recht erhielt Panahi am Samstag den Silbernen Bären für das beste Drehbuch. Seine Kunst, uns mit äußerst limitierten Mitteln seine Situation nahezubringen, hätte auch den Goldenen Bären verdient. Es ist unfassbar beängstigend, mitzuerleben, was sich im Inneren des Regisseurs abspielt.

Dass Panahis Erfolg für die iranische Regierung einen Affront darstellen würde, wird diesem bewusst gewesen sein. Dennoch sind er und seine Mitstreiter auf die Aufmerksamkeit, die der Film erregt, auch angewiesen. Sie schütze sie, sagte sein Co-Autor Partovi. "Bislang."

Auch die Berlinale hat keine Gelegenheit ausgelassen zu betonen, man hoffe, dass Panahi doch noch zur Premiere seines Films anreisen dürfe. Wohlwissend, dass dies äußerst unrealistisch gewesen wäre. Wie hätte die iranische Regierung das zulassen können, ohne sich bloßzustellen? Zumal das Regime derzeit nervös ist. Im Juni stehen Präsidentschaftswahlen an.

Am Dienstag ließ der iranische Vize-Kultusminister Dschawad Schamaghdari verlauten: "Im Iran müssen Filme mit Erlaubnis gedreht und auch mit Erlaubnis ins Ausland geschickt werden, daher ist die Produktion und Aufführung dieses Films illegal und dementsprechend eine Straftat." Eine erwartbare Protestnote.

Bemerkenswert war in diesem Zusammenhang, dass nicht nur die Berlinale-Macher, allen voran ihr Chef Dieter Kosslick, Forderungen für Panahi gen Teheran gerufen hatten, sondern auch die deutsche Regierung. "Wir appellieren an die iranische Regierung, Jafar Panahi ausreisen zu lassen", hatte der Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag vor der Premiere in Berlin gesagt. Wenn sich nun die iranische Regierung empört, ist dies vor allem auch eine Kritik an der deutschen Regierung.

Es ist schwierig abzusehen, welche Folgen sein neuer Film für Panahi haben wird. Sein Ko-Autor Partavi war am Sonntag nach dem Festival noch zuversichtlich, dass weder ihm noch Panahi vor der Haustür aufgelauert werden würde.

Panahis Erfolg dient ihm noch als Schutzschild. Die Situation anderer, weniger bekannter iranischer Regisseure sei weitaus schwieriger, erklärte Partovi in Berlin. Panahi macht auch weiter, damit sich an deren Situation etwas ändert.

Je mehr Menschen weltweit Geschlossener Vorhang anschauen und darüber sprechen, umso größer wird die Hoffnung, dass sich Filmemacher wie Panahi im Iran sicher fühlen können.

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Leserkommentare
  1. "Es ist schwierig abzusehen, was Panahi nun passieren wird" heißt es.

    Alles ist möglich im Iran: Überfall und Verwüstung seines Hauses, weitere Verhaftungen - und vieles mehr, was die Basidji oder die Beamten des Innenministeriums in solchen Fällen zur Repression und zur weiteren Demütigung anwenden.

    Es wäre nicht das erste Mal, das eine weltweite Öffentlichkeit zumindest einen relativen Schutz und Erleichterung bietet.

    Repression findet im Iran immer im Verborgenen statt. Es gilt der Grundsatz, das das iranische Regime zwar Verletzungen der Menschenrechte begeht und nutzt um Repression auszuüben um freie Meinungsäußerungen zu verhindern.

    Aber das Regime möchte nicht in einem Atemzug mit Verletzungen der Menschenrechte genannt werden - die es ausübt - möchte nicht in diesem Zusammenhang in den Schlagzeilen erscheinen.

    Von daher - Vorhänge aufmachen - auch wenn Panahi diese in seinem Film geschlossen hat .............................

    2 Leserempfehlungen
  2. ...in Deutschland aber auch.

  3. Die staatliche iranische Nachrichtenagentur ISNA berichtet:

    “We have protested to the Berlinfilm festival. Its officials should amend their behavior because in cultural and cinematic exchange, this is not correct.”

    Die Berliner Filmfestspiele sollen ihr Verhalten ändern, schreibt ISNA. Ob damit gemeint ist, im nächsten Jahr noch mehr iranische Filme zu zeigen?

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Berlinale | Film | Dieter Kosslick | Festival | Iran | Regisseur
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