Edgar Quintero zielt mit einer Bazooka ins Publikum. Das Publikum lacht, schließlich ist es exakt für diesen makaberen Spaß zum Konzert von Buknas de Culiacan gekommen: um Narcocorridos zu hören, das Heimweh nach Mexiko zu lindern, aber auch, um sich an den grausamen Texten über die mexikanische Mafia, ihre Morde und Erträge zu erschauern.

Narcocorridos sind der Soundtrack zu dem seit 2006 in Mexiko tobenden Drogenkrieg und eines der derzeit erfolgreichsten Musikgenres in Mexiko und den USA. In den mit Mariachi, Country, Polka und Blut getränkten Liedern von Bands wie Buknas de Culiacan geht es um abgeschnittene Köpfe, großkalibrige Waffen und schmutziges Geld.

Dass die Musik mehr als blutrünstige Unterhaltung ist, sondern oftmals Öffentlichkeitsarbeit für die Drogenkartelle, zeigt der eindrucksvoll recherchierte Dokumentarfilm Narco Cultura von Shaul Schwarz, der auf der Berlinale zu sehen ist.

Der in Israel geborene und in den USA lebende Regisseur begann seine Karriere als Fotograf der israelischen Armee und berichtete später für National Geographic, Newsweek und die New York Times aus den Kriegsgebieten der Welt. Seit 2008 reiste er immer wieder nach Mexiko, vor allem in eines der Epizentren der Gewalt, in die Ciudad de Juarez.

In der Grenzstadt wurden im Laufe des Drogenkrieges seit 2006 mehr als 4.500 Menschen ermordet. Entsprechend brutal ist der Alltag der Ermittler – und auch das zeigt Narco Cultura in eindringlicher Weise.

In unfassbar drastischen Bildern zeigt Schwarz, wie in Juarez, in der Mafiahochburg Culiacán, und im ganzen Land nicht nur Recht und Gesetz, sondern auch Gesellschaft und Gemeinschaft zerfallen. Wieder liegt irgendwo ein junger Mann, manchmal sogar ein Kind erschossen am Straßenrand oder im Auto. Wieder blinken die roten und blauen Lichter durch die Nacht von Juarez. Und wieder und wieder sieht man, wie das Publikum in den USA freudig mitsingt, wo immer Edgar Quintero und seine Musiker auch auftreten. 

Die erzählerische Stärke der Dokumentation liegt in der Wahl ihrer zwei sehr unterschiedlichen Protagonisten: auf der einen Seite der kleinbürgerliche, schweigsame Forensiker Richi Soto in Juarez, der bei seinen Eltern wohnt und treu seinen Dienst verrichtet. Er weiß, dass kaum jemals ein Täter gefasst wird und lebt in ständiger Angst, selbst zum Opfer des Drogenkrieges zu werden.