Ton im FilmDer große Sounddreck

Der Ton führt auf Bildschirm und Leinwand ein Nischendasein. Und das, obwohl er immer lauter wird. Jan Freitag über die Hassliebe zum Filmgeräusch. von 

Ein Geräuschmacher im Jahr 1955 beim BBC Radio.

Ein Geräuschmacher im Jahr 1955 beim BBC Radio.  |  © BIPS/Getty Images

Wer beim Zusehen nicht auf den Ohren sitzt, der kann, der muss es hören. Es gibt kein Entkommen: eine Katze, die kreischend aus dem Dunkel springt, wo auch das Böse hockt; jener Bass, der jedes Ereignis ankündigt und mit dem das ZDF Zeitgeschichte zum Event aufbläst; das Käuzchen, das notorisch aus dem Wald ruft, sobald bei Wallace der Landsitz im Nebel auftaucht. Dies alles Dräuen, Dröhnen, Detonieren, die Geigen, Trommeln, Soundkaskaden, das Brodeln und Glucksen, Hauen und Stechen, Reifenquietschen und Bangboombang – schon merkwürdig, bei einem visuellen Medium.

Doch rein visuell ist es eben nicht nur, meinen die Musikwissenschaftler Frieder Butzmann und Jean Martin. Jeder Blockbuster, jede  Dokumentation, jedes Fernsehspiel, heißt es in ihrer famosen Ode an den Ton namens Filmgeräusche, sei "ein kleines Paralleluniversum" sensorischer Eindrücke abseits von Dialog und Schauwert. Deshalb ersetzen sie den sinnlich limitierten Zuschauer durch ein Kunstwort: "Sehhörer".

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Sehhören wir uns also mal durch Kino und TV, werfen wir einen Hörblick in die Geschichte gedrehter Geschichten – und siehe da: Selbst Stummfilm war ohne Ton undenkbar. Man mag ihn zwar vornehmlich als Begleitmusik erleben, der im Idealfall echter Soundtrack statt Klangsoße ist und dann am besten, "wenn man sich nicht an sie erinnert", wie die Medienforscherin Claudia Gorbman in Narrative Filmmusik schreibt. Doch Ton ist so viel mehr als bloß Untermalung. "Ton ist der halbe Film", sagt mit George Lucas einer, dessen Star-Wars-Trilogie neue Wege des Sound Engineering ging, in der das Geräusch endgültig vom Nebendarsteller zur Hauptfigur wurde.

Bei Tarantino ist der Ton große Oper

Ton ist ein Telefonklingeln, das im Thriller drängender, eben bedrohlich klingt, wenn es der Angerufene fürchtet. Ton ist ein Gewitter, dessen Donner den Blitz überholt, wenn sich der T-Rex bei Jurassic Park mit zitternden Pfützen ankündigt. Ton ist große Oper, wenn Tarantinos Songs mit den Szenen reden. Ton ist das utopische Computerfiepen im Hackerfrühwerk War Games und das dystopische Rechnerraunen der Matrix-Trilogie. Ton ist das infernalische Schlachten im Soldat James Ryan, das jede Kugel im Helm der Invasoren spürbar macht, er ist aber auch die Stille nach dem Schuss. Wenn alles wie in Watte wirkt.

Ton hat also nur bedingt mit Geräusch zu tun. Deshalb zeichnen im Abspann von The Artist 17 Experten dafür verantwortlich, obwohl erst im Finale mehr als Musik ertönt. Guter Ton glänzt also auch durch Abwesenheit. Umso lästiger wird das Leitmotiv schlechten Tons: Redundanz. Im Sperrfeuer akustischer Reizkanonaden geht es immer seltener darum, Handeln zu orchestrieren, Stimmungen zu evozieren, geschweige denn Realitäten abzubilden; der zeitgenössische Soundbrei soll wie manch visueller Effekt von Zappelschnitt bis Shutter-Technik das Denken dimmen; wer Massenware zwischen Piraten der Karibik und Sat1-Romanze sehhört, könnte glatt meinen: abzuschaffen.

Leserkommentare
  1. oder einfach auf die Nerven gehen!
    Das Fatale ist, dem Ton kann man sich emotional nicht entziehen,
    weil das Ohr anders als das Auge direkt mit dem Stammhirn kommuniziert!
    Schade in diesem Kontext ist für uns Tonleute, Sounddesigner und Komponisten,
    dass wir in der TV Landschaft aus den übliche Kosten-Nutzen-Gewinnrechnungen immer mehr eingespart und durch automatisierte Technik im Bildschnitt ersetzt werden!

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    • chfilm
    • 22. Februar 2013 13:05 Uhr

    Als selbst Filmschaffender kann ich Ihnen wärmstens das Programm von Sendern wie BR oder SWR empfehlen, dort wird nämlich noch in der Redakteurssitzung der Soundtrack gezwungenermaßen zur Hälfte entfernt.

    De hier aufgestellten Forderungen sind einfach realitätsfern, Lynchs eraserhead ist klanglich beim besten Willen nur schwer zu ertragen und die genannten deutschen Filmemacher gehen mit ihren drögen Filmen ebenfalls komplett am Geschmack des Publikums vorbei. Was für einen Sinn aber hat ein Film, den keiner sehen will?
    Sie haben sich sicher auch auf der Berlinale mit ihrem "tollen" Programm wohlgefühlt.

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  2. "The Holiday" gehört dazu oder auch "Revolutionary Road". Mit "Spirit - Stallion of the Cimmaron" habe ich Hans Zimmer kennen und lieben gelernt. Wer es schafft allein akustisch ein solches Erlebnis von Weite und Raum zu erschaffen, muss ein Genie sein.

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    Hans Zimmer ist doch nun wirklich der Übelsten einer. Gut, ich kenne seine Frühwerke nicht, aber was da in den letzten zehn oder fünfzehn Jahren von ihm an Soundtracks auf das Publikum losgelassen wurde, ist fast ausschließlich akustischer Kleister - genau die Art von Zukleisterung, die Herr Freitag in seinem guten Artikel kritisiert.

    Und leider schreitet die Zimmerisierung der Filmmusik immer weiter voran und besetzt nun auch Bereiche fernab des Blockbusterkinos. Ich habe im letzten Jahr zwei an sich typische Programmkino-Filme gesehen, in denen munter nach Zimmerscher Art drauflosgekleistert wurde. Und vor einigen Wochen bekam ich bei meiner fernsehenden Mutter mit, dass auch der deutsche Fernsehfilm vom Zimmerkleister nicht mehr die Finger lassen kann.

    Mein schlimmstes Zimmererlebnis hatte ich im letzten Jahr bei 'Cloud Atlas'. Einen derart verkleisterten und zimmerisierten Soundtrack hätte ich von Tykwer/Klimek/Heil nicht in meinen schlimmsten Träumen erwartet, zeichnen sie doch für den ein oder anderen recht gelungenen Soundtrack verantwortlich.

    Der dritte Batmanfilm war natürlich vom Kleisterfaktor her ebenfalls kaum zu toppen, aber das verblüffend miese Drehbuch hat mich davon einigermaßen ablenken können.

    • gkh
    • 22. Februar 2013 13:31 Uhr

    Mit zuverlässiger Regelmäßigkeit ertönt immer dann ein nerviges Feedback-Pfeifen, bevor im Film jemand in ein Mikrofon spricht.

  3. Ich musste gleich an den Anfang von "Once upon a time in America" denken. Akustisch und visuell großartig.
    Was das "Zuviel" der letzten Jahre betrifft, es geht glücklicherweise auch anders. Da ist mein schönstes Beispiel "The Shadow Line".

  4. Hans Zimmer ist doch nun wirklich der Übelsten einer. Gut, ich kenne seine Frühwerke nicht, aber was da in den letzten zehn oder fünfzehn Jahren von ihm an Soundtracks auf das Publikum losgelassen wurde, ist fast ausschließlich akustischer Kleister - genau die Art von Zukleisterung, die Herr Freitag in seinem guten Artikel kritisiert.

    Und leider schreitet die Zimmerisierung der Filmmusik immer weiter voran und besetzt nun auch Bereiche fernab des Blockbusterkinos. Ich habe im letzten Jahr zwei an sich typische Programmkino-Filme gesehen, in denen munter nach Zimmerscher Art drauflosgekleistert wurde. Und vor einigen Wochen bekam ich bei meiner fernsehenden Mutter mit, dass auch der deutsche Fernsehfilm vom Zimmerkleister nicht mehr die Finger lassen kann.

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  5. Mein schlimmstes Zimmererlebnis hatte ich im letzten Jahr bei 'Cloud Atlas'. Einen derart verkleisterten und zimmerisierten Soundtrack hätte ich von Tykwer/Klimek/Heil nicht in meinen schlimmsten Träumen erwartet, zeichnen sie doch für den ein oder anderen recht gelungenen Soundtrack verantwortlich.

    Der dritte Batmanfilm war natürlich vom Kleisterfaktor her ebenfalls kaum zu toppen, aber das verblüffend miese Drehbuch hat mich davon einigermaßen ablenken können.

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    Und ja, ich schätze und liebe auch Filme, die mit wenig bis keinem Score auskommen, die bleiben mir allerdings nicht wegen der Tonspur sondern wegen anderer Dinge im Gedächtnis. Wahrscheinlich habe ich deshalb jetzt kein gutes Beispiel in der Hinterhand.
    "Cloud Atlas" habe ich noch nicht gesehn. Offen gesagt werden mir Filme allgemein im Moment einfach zu lang - also insgesamt.
    Aber zur Ehrenrettung von Zimmer: Das was er macht, macht er gut, es gibt unter den breiten Scores viel schlimmere Dinge, das ist dann oft so schlimm, das ich das schon im Fernsehn nicht ertrage. Es gibt Filme, die schalte ich nur wegen des Tons aus. Aber bei ihm macht es mir Spaß sich auf seinen Score einzulassen und die Stimmung zu riechen und genau das erwarte ich davon.
    Das ist wie mit Schokotorte: Natürlich ist das immer ein furchbar süßes Zeug, aber es gibt auch dort echt leckere und echt widerliche. Und vor allem nichts für jeden Tag.

  6. Und ja, ich schätze und liebe auch Filme, die mit wenig bis keinem Score auskommen, die bleiben mir allerdings nicht wegen der Tonspur sondern wegen anderer Dinge im Gedächtnis. Wahrscheinlich habe ich deshalb jetzt kein gutes Beispiel in der Hinterhand.
    "Cloud Atlas" habe ich noch nicht gesehn. Offen gesagt werden mir Filme allgemein im Moment einfach zu lang - also insgesamt.
    Aber zur Ehrenrettung von Zimmer: Das was er macht, macht er gut, es gibt unter den breiten Scores viel schlimmere Dinge, das ist dann oft so schlimm, das ich das schon im Fernsehn nicht ertrage. Es gibt Filme, die schalte ich nur wegen des Tons aus. Aber bei ihm macht es mir Spaß sich auf seinen Score einzulassen und die Stimmung zu riechen und genau das erwarte ich davon.
    Das ist wie mit Schokotorte: Natürlich ist das immer ein furchbar süßes Zeug, aber es gibt auch dort echt leckere und echt widerliche. Und vor allem nichts für jeden Tag.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Film | Christian Petzold | Dominik Graf | George Lucas | Guido Knopp | Istanbul
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