Seidl-Film "Hoffnung"Ein Triptychon menschlicher Grausamkeit

Im letzten Teil der "Paradies"-Trilogie verliebt sich ein Mädchen in den Arzt ihrer Diät-Kur. Überraschend milde leuchtet Regisseur Seidl sein Sehnen aus. von 

Als Melanies Mutter den Namen Ulrich Seidl hörte, zögerte sie zunächst: Will man, dass die eigene Tochter mit gerade mal dreizehn Jahren ausgerechnet in einem Film von diesem Regisseur mitspielt? Einem Regisseur, der dafür bekannt ist, seine Kamera direkt in menschliche Abgründe zu halten?

Immer wieder zeigt Seidl in seinem charakteristischen halb-dokumentarischen Stil, wozu uns Sehnsüchte treiben können: der Traum von einer Model-Karriere in die OP-Säle von Schönheitschirurgen oder der Wunsch nach Nähe in die Liebe zu einem Haustier.

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Die Filme des Österreichers sind nichts für einen gemütlichen Kinoabend, sondern qualvolles Erkennen. Doch ist es dieser zielsichere Blick auf die Unterseite unseres Begehrens, der Seidl zu einem äußerst erfolgreichen Regisseur machte. Keiner vor ihm hat es jemals geschafft, innerhalb eines Jahres mit drei Filmen in die Wettbewerbe der drei wichtigsten Festivals eingeladen zu werden: Im Mai 2012 lief der erste Teil seiner Paradies-Trilogie, Liebe, in Cannes (und wurde ausgezeichnet), im September folgte Glaube in Venedig (und wurde ausgezeichnet). Der dritte und letzte Teil, Hoffnung, lief im Wettbewerb der Berlinale. Die dreizehnjährige Melanie spielt darin die Hauptrolle.

Auf der Suche nach Liebe

Melanie (sie heißt auch im Film Melanie) ist dick. Sie ist schwerer als 80 Kilo, bei einer Größe von 1,64 Meter – also mehr als gesund ist und vor allem mehr, als die meisten schön finden. Die Sommerferien soll sie daher in einem Diätcamp verbringen. Dort verknallt sich das Kind dann in aller Unschuld, aber auch mit der Bedingungslosigkeit der ersten Liebe in den betreuenden Arzt.

Im ersten Teil der Trilogie ging es um Melanies Mutter. Die verbringt auf der verzweifelten Suche nach Liebe ihre Ferien in Kenia, wo sie sich in einer unbehaglichen Mischung aus feministischer Freiheitssuche und postkolonialistischem Rassismus Beachboys kauft.

Melanies Tante hingegen lebt ihre Sehnsucht nach Liebe in einer fanatischen Jesus-Verehrung. Sie geißelt sich und rutscht auf Knien durch ihr blank gescheuertes Heim als Buße für die Sünden anderer. Während sie ihren querschnittsgelähmten Ehemann zurückweist und quält, nimmt sie sich zum Masturbieren den Gekreuzigten ins Bett. Das Klaustrophobische und Bigotte in Glaube machte diesen Teil wohl zum härtesten Film der Trilogie.

Annäherungsversuche an den Arzt

Hoffnung nun sei im Grunde eine Lolita-Geschichte, sagt Seidl. Allerdings eine, die aus der Perspektive des Mädchens erzählt wird. Nächtelang liegt Melanie mit ihrer Freundin auf dem Bett und bespricht diese Teenagerdinge: Wie das ist, einen Zungenkuss zu bekommen und seinem Freund einen zu blasen. Da wird viel gealbert und gekichert. Weil Seidl wieder ein äußerst sorgfältiges Laien-Casting organisierte, hat er Darstellerinnen gefunden, deren naiver Charme sofort zündet. An diesen Dialogen über die Liebe ist nichts peinlich. Melanies Sehnen ist ebenso natürlich wie hoffnungsvoll.

Ihr Hoffen bleibt indes unerfüllt. Der Arzt (Joseph Lorenz) erwidert die recht zahmen Annäherungsversuche Melanies nicht. Genauer: gerade mal so eben nicht. Denn man spürt deutlich, dass den über Fünfzigjährigen das bedingungslos Geliebtwerden berührt. Bald schon schaut auch er ein paar Sekunden zu lang auf ihren halbentblößten Körper.

Leserkommentare
  1. ... aber ich möchte mir diese Filme nicht anschauen. Ich will Seidls Werk in keiner Weise herabsetzen, künstlerisch ist das ganz sicher sehr wertvoll. Jeder Künstler hat das Recht, (seine?) Verzweiflung und Verbitterung in grausamen Bildern und Worten zum Ausdruck zu bringen.
    Aber er muß dann auch verstehen, wenn sich das nicht jeder antun möchte.

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    • msch
    • 09. Februar 2013 12:58 Uhr

    Es wird Sie keiner zwingen die Filme an zu sehen, lassen Sie es halt.
    Ich finde diesen Dokumentarischen Blick äußert spannend und werde sie mir sehr gerne ansehen.

    • Mari o
    • 09. Februar 2013 15:44 Uhr

    ist eine Spezialität der Österreicher.Sie haben eine Marktlücke entdeckt und besetzen sie seit Thomas Bernhard(z.B.Der
    Keller)voll und ganz.
    und es wirkt wie ein Antidepressivum.

    • msch
    • 09. Februar 2013 12:58 Uhr

    Es wird Sie keiner zwingen die Filme an zu sehen, lassen Sie es halt.
    Ich finde diesen Dokumentarischen Blick äußert spannend und werde sie mir sehr gerne ansehen.

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Tut mir leid..."
  2. immerhin bietet Ulrich Seidl Möglichkeiten. Zum Beispiel die Möglichkeit im Kino mit anderen Menschen etwas über sich selbst zu erfahren, über die eigenen Ängste und über die Ängste anderer und ich stelle fest, dass damit ein aufrichtiges Miteinander geschaffen werden kann, weil man plötzlich "Schwäche" zeigen darf, weil jeder "Schwächen" hat, weil es nicht weiter nötig ist mit großem Aufwand so zu tun als wäre es eben nicht so.

    Für diese Möglichkeit, danke Ulrich Seidl.

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  3. ach, der seidl ist schon ein genius. gings ihm doch bloß um den blick in 'menschliche abgründe', wie es oben heißt. tatsächlich hält sich seidl ans wesentliche der konkreten lebenswirklichkeit, einschl. der objektiven durchkonditionierung und bewusstlosen selbsterniedrigung des einzelnen, der die jämmerlichkeit dieser daseinsweise verdrängen muss, um nicht überzuschnappen oder alles einfach stehen und liegen zu lassen.
    man könnte sich beispielsweise über den gehobenen unsinn der gesellschaftl. organisation von arbeit und die entsprechende zurichtung ihrer betreiber den mund fusslig reden - seidl erledigt das mit einem kurzen blick auf die erbärmlich-lächerliche situation eines 'bewerbungs-coachings' ('import-export').
    und dabei sind seine filme keine akademischen soziogramme auf zelluloid, sondern richtiges kino.

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  4. Was Ulrich Seidl - als österreichischer Gegenpart zu M. Haneke - filmisch schafft, ist schon sehr beachtlich und sehenswert. Wer unvoreingenommen sich Seidls Filmen aussetzt, der lernt wesentlich mehr als in irgendeiner hochsubventionierten Theateraufführung.

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    Hochsubventioniert ist er aber auch ! Viel zu hoch ...

    • Mari o
    • 09. Februar 2013 15:44 Uhr

    ist eine Spezialität der Österreicher.Sie haben eine Marktlücke entdeckt und besetzen sie seit Thomas Bernhard(z.B.Der
    Keller)voll und ganz.
    und es wirkt wie ein Antidepressivum.

    Antwort auf "Tut mir leid..."
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    Voll richtig. Die freudlosen Epigonen leben anscheinend eine ewige Kulturkrise.
    Hautsache die Kasse stimmt...

  5. Tja, entweder gibt es viel darüber zu reden, oder besser ist zu schweigen.
    Am besten wäre es gewesen, auf die Dreharbeiten zu dieser sog. Trilogie (oder "Tristologie"?) zu verzichten.

    Persönlich habe ich gleich nach dem ersten Teil die Konsequenzen gezogen (und mir zwei weitere Tickets erspart).

    Herrn Seidls Titel zu seinem nächsten Film ('"Im Keller") zeigen, wie tief seine Aktien liegen.

    • DerDude
    • 09. Februar 2013 15:48 Uhr

    Die anderen Filme der Trilogie kenne ich leider nicht. Aber diesen hier muss man nicht unbedingt gesehen haben (der Tagesspiegel sieht ihn für mich wenig überraschend als schwächsten Teil der Trilogie). Das Schauspiel der Mädchen ist großartig, gewiss, der Film hat auch seine amüsanten Momente, und dennoch reißt er nicht mit.

    Am Ende der Premiere wünschte sich der Regisseur, dass der Film uns noch einige Tage begleiten möge. Selten habe ich einen solchen Wunsch als deplazierter empfunden. Mein bescheidener Rat: Lieber einen anderen Film schauen...

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Berlinale | Film | Arzt | Hoffnung | Liebe | Mädchen
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