US-Filme auf der BerlinaleDer Zwang zum Happy End

Die jungen Braven: Der US-Independentfilm auf der Berlinale greift harte Themen auf, benutzt aber eine erschreckend biedere Filmsprache. von Sarah Schaschek

Manchmal ist er schon ein Fluch, der amerikanische Traum. Zumindest, wenn es ums Kino geht. Am Schluss eines Films soll ja klar werden, dass jemand auf dem richtigen Weg ist, zum Geld, zu sich selbst oder wohin auch immer. Deshalb hat Hollywood das Happy End erfunden.

Die junge amerikanische Filmemacher-Generation tut sich auf der Berlinale sichtlich schwer mit diesem Erbe. Sie entkommt ihr nicht, der Sehnsucht danach, dass alles gut ausgeht, und hat auf erstaunlich konservative Weise das glückliche Ende rehabilitiert. Da wäre zum Beispiel der Schluss von Lovelace, dem Portrait der Pornodarstellerin Linda Boreman (Amanda Seyfried), deren Leben von Ruhm, aber auch von sexueller Gewalt geprägt war. In der finalen Einstellung kehrt die verlorene Tochter in den Schoß der Familie zurück. Während Floridas Sonnenuntergang das Wiedersehen in sanftes Filmlicht taucht, entfernt die Kamera sich langsam vom Ort des Geschehens. Zoom-Out, der klassischste aller Filmausstiege.

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Von einem Indie erwartet das Publikum mehr als Konflikt, Umkehr, Sonnenfilter

Ähnlich verhält es sich mit den letzten Szenen von Don Jon’s Addiction. Der pornoabhängige Protagonist Jon (Joseph Gordon-Levitt; zusätzlich Buch und Regie) findet nach reichlich Ärger mit seiner vermeintlichen Traumfrau (Scarlett Johansson) schließlich in einer älteren Studentin (Julianne Moore) ein leibliches Gegenüber für seine Fantasien. Statt der kühlen Farben, die den restlichen Film bestimmen, fluten jetzt orange-gefilterte Küsse am Stadtbrunnen das Bild.
Beide Filme verstehen sich, wohlgemerkt, als Independent-Produktionen. Das Label ist hauptsächlich eine Frage der Finanzierung – Indies kosten einen Bruchteil der sonst üblichen Studio-Millionen. Einen Indie-Film macht aber auch, wer dem Korsett des Genre-Systems entkommen will. Ende der 1980er entstand in den USA eine Reihe von Filmen, die sich durch einen eher sperrigen Stil auszeichnen. Regisseure wie Steven Soderbergh (in diesem Jahr mit Side Effects im Wettbewerb vertreten) oder Dokumentarfilmer wie Michael Moore verweigerten sich (erfolgreich!) der Vorstellung, das zahlungswillige Kino-Publikum erwarte ein klassisches Drama in drei Akten: Konflikt, Umkehr, Sonnenfilter.

Für die aktuelle Berlinale hat Festival-Leiter Dieter Kosslick ein Wiedererstarken solcher US-Independent-Filme prophezeit. Unter dem Stichwort mumblecore machen seit einiger Zeit Regisseure und Drehbuchautoren Mitte dreißig in den USA von sich reden, deren Filme (auch dank digitaler Technik) mit sehr kleinem Budget gedreht werden. Oft geht es ums Scheitern am bürgerlichen Leben, um Orientierungslosigkeit und schlechten Sex. Weil Dialoge hier ebenso ziellos sind wie die restliche Atmosphäre, hat man das Nuscheln (mumble) kurzerhand zum Konzept erklärt.

Ist mumblecore nun in Berlin angekommen? Man geht die Liste durch: Joseph Gordon-Levitt, Regisseur von Don Jon’s Addiction, ist Jahrgang 1981. Greta Gerwig, die das Drehbuch zu Frances Ha geschrieben hat, Jahrgang 1983. James Franco, der in gleich drei Filmen auftaucht (in Lovelace spielt er den jungen Playboy-Gründer Hugh Hefner, bei Interior. Leather Bar führte er Regie) ist 34.  

Leserkommentare
    • ecerium
    • 12. Februar 2013 9:12 Uhr

    Eine Berlinale ohne US-Produktionen, das wäre mal was neues. Es gibt genug Indie-Filme auch aus anderen Ländern.

  1. ...sollte man anmerken das es nicht nur Filme mit einem Happy End und einem traurigen Ende gibt, sondern auch solche die irgendwo dazwischen liegen.

    Viel schlimmer aber als der Hang zum Happy End, sind die langweiligen Klischees die aus der Traumfabrik kommen und noch seltener durchbrochen werden, als die klassischen 08/15 Happy Ends.

    Allerdings wird ja auch im Artikel bemerkt, das es alternativen wie Homeland gibt, die ja nun auch aus den Staaten kommen.

    Trotzdem darf man unter dem Strich festhalten, das die Filme aus Hollywood meistens viel besser sind, als die die wir in Deutschland produzieren. Ich sag mal nur Til Schweiger....

    Erst gestern sah ich Silver Lining. Auch wenn der Film ein Happy End hat, ist er doch viel besser als 99 % der Filme, die Deutschland auf die Welt loslässt.

    In diesem Sinne, wer im Glashaus sitzt... ;)

    MfG

    Eine Leserempfehlung
    • porph
    • 12. Februar 2013 9:22 Uhr

    Vielleicht macht man es sich ein bisschen zu einfach. Es ist ja auch nicht so, dass diese Grunddramaturgie aus Konflikt->Lösung eine amerikanische Erfindung wäre, ich glaube die alten Griechen hätten dazu auch schon etwas zu sagen.

    Ich denke nicht, dass man einen Film anhand seines gröbsten Grundgerüstes interpretieren und kritisieren sollte. Ein Happy End ist Konvention, ok. Na und? Diese Struktur beeinflusst den Film im Ganzen nicht sonderlich. Man muss IMMER hinter das Offensichtliche schauen und auch ein bisschen in die Tiefe gehen. Es gibt nunmal keinen Indiefilm-Hit-Baukasten, wo man nur genügend Elemente abhaken müsste ("schlechter Sex" - "Protagonisten schweigen sich an" - "Selbstmord" - "unglückliches Ende") und schon steht die Laube...

    Ob ein Film nun "brav" ist oder nicht, ob er mich bewegt oder nicht, ganz einfach: ob es ein großartiger Film ist, oder nicht, das mache ich ganz bestimmt nicht an der Struktur des Endes oder irgend einem anderen oberflächlichen Element fest.

    • NeoZech
    • 12. Februar 2013 10:38 Uhr

    sondern die Berlinale. Auf anderen Festivals kann man bessere -aktuelle- Filme sehen. Und hat weniger trara und sonstigen Stress...

    • Derdriu
    • 12. Februar 2013 11:38 Uhr

    Genau das stört mich an Hollywood-Filmen! Selbst wenn der Film selber gut ist, war ich schon manches Mal verwirrt, wie es zu DEM Ende kommen konnte. Es passte einfach nicht in den Plot und sah zusammengebastelt aus um dem US-Publikum zu genügen.

    Deutschen kann man noch hin und wieder ein trauriges, unbequemes Ende zumuten in den USA ist der Misserfolg dann vorprogrammiert. Wer an die Mär "vom Tellerwäscher zum Millionär" glaubt, der will die Realität nicht sehen.

    Ich sehe mir hin und wieder gerne Kurzfilme an, weil die so herrlich unkonventionell sind. Für sie scheint es keine richtigen Genres zu geben. Vl. sollten sich Filmregisseure manchmal die mutigen Kurzfilme zu Gemüte führen und sich inspirieren lassen.

  2. 6. Bitte!

    Nur bitte nicht nachdenken!

    Das Volk soll nicht aufgerüttelt oder verunsichert werden.
    Happy-Ends tun das...nicht

    Und was bitte ist ein guter Film?
    Sicher, nichts kommt an Effekte aus der USA heran. Aber was spiegelt das Leben - was ein Hauptkriterium für meine Filmlektüre darstellt - authentischer?
    Genau, der Deutsche oder Französische Film tut das viel treffender, als das große US-amerikanische Kino.

    Was die Lebensauthentizität und Glaubwürdigkeit angeht, sind die amerikanischen Filme, sorry, der letzte Dreck. Die Schauspieler sind eigentlich keine und "spielen" irgendeine Scharade und ziehen Grimassen die kein Mensch macht.
    Diese Scharaden sollen auch dem dümmsten Kinogänger die Absicht der Figur veranschaulichen, weil der Zuseher durch dieses banale Kino jede Fähigkeit zur Eruierung und Konzentration verloren haben.

    Ganz recht, Amerikanische Filme sind für die Dummen gemacht. Ausnahmen bestätigen, wie so oft so auch hier, die Regel.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...könnte ihnen eine sehr lange List von Filmen geben, die aus Hollywood kommen, und wesentlich besser sind als der Deutsche/Französische Quark. Gut Frankreich kann man etwas außen vornehmen, aber der deutsche Film ist sicher kein Paradebeispiel für genialität und besitzt nur wenige Aushängeschilder.

    Vorallem in Deutschland exestiert sogut wie überhaupt keine kreativität mehr. Der einzig wirklich gute deutsche Film in den letzten 12 Monaten war Barbara.
    Wir fallen im selben Zeitraum ein dutzend US Filme ein, die gleich gut oder besser waren.

  3. 7. Ich...

    ...könnte ihnen eine sehr lange List von Filmen geben, die aus Hollywood kommen, und wesentlich besser sind als der Deutsche/Französische Quark. Gut Frankreich kann man etwas außen vornehmen, aber der deutsche Film ist sicher kein Paradebeispiel für genialität und besitzt nur wenige Aushängeschilder.

    Vorallem in Deutschland exestiert sogut wie überhaupt keine kreativität mehr. Der einzig wirklich gute deutsche Film in den letzten 12 Monaten war Barbara.
    Wir fallen im selben Zeitraum ein dutzend US Filme ein, die gleich gut oder besser waren.

    Antwort auf "Bitte!"
    • hronek
    • 12. Februar 2013 12:36 Uhr

    Zum Happy-End fallen mir die Märchen der Brüder Grimm und die Stücke der Altwiener Volkskomödie ein, und auch die haben das nicht erfunden. Zum "geläuterten Selbst" allerlei klassische (und barocke) Bildungs- und Entwicklungsromane. Tragödien sind nicht grundsätzlich besser als Nicht-Tragödien. Ein Genre-Film (oder Roman) kann durchaus brillanter und authentischer sein als ein etwa "Problem"-Film (und auch die griechische Tragödie ist in gewisser Weise ein Genre ...)

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