ZDFkulturErst ausgelagert, dann abgeschaltet

Das ZDF will seinen Digitalkanal ZDFkultur einstellen. Der Sender gibt Sparzwänge als Grund an, doch die Wahrheit ist: Kultur hat es schwer in den ZDF-Programmen. von Joachim Huber

Der Erfolg eines Fernsehprogramms hängt entscheidend vom Gefühl seiner Macher fürs richtige Timing ab. An welchen Wochentagen läuft der neueste Dreiteiler am besten, welcher Vorlauf verhilft dem Politmagazin zu einer anständigen Quote? Thomas Bellut beschäftigte sich, als er von 2002 bis 2012 Programmdirektor des ZDF war, just mit diesen Fragen. Und er hat, seitdem er als Intendant in Mainz regiert, sein Gespür für Timing in Entscheidungen umgesetzt.

Am Freitag verkündete Bellut nun, dass er dem ZDF-Fernsehrat und den Bundesländern vorschlagen werde, den Digitalkanal ZDFkultur in seiner jetzigen Form einzustellen. Der Sender solle – bis zur endgültigen Entscheidung der Bundesländer – so rasch wie möglich auf ein Wiederholungs- und Schleifenmodell umgestellt werden.

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Über den Zeitpunkt der Um- und dann Einstellung schwieg sich das ZDF aus, rasch aber soll es gehen, schon in seiner März-Sitzung hat der Fernsehrat das Thema auf seiner Agenda.

Intendant Bellut sieht den goldenen Zeitpunkt gekommen, seine schon öfters geflüsterte Ankündigung vom Finale bei ZDFkultur wahr zu machen. Sein Argument nimmt er aus der Aktualität: Die von der Politik geforderte Beitragsstabilität zwinge das ZDF zu Sparmaßnahmen. Bellut geht von der Erwartung aus, dass der neue, umstrittene Rundfunkbeitrag dem Sender nicht mehr als die gewohnten 1,8 Milliarden Euro Gebühren pro Jahr einbringen wird. Das mag, muss aber nicht stimmen. Solch prophezeiten Nullrunden plus die Vorgabe der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten, wonach das ZDF bis 2016 im Personalbereich 75 Millionen einsparen muss, spielen Bellut in die Karten: Ich kann doch nichts anders! ZDFkultur, gestartet im Mai 2011, hatte 2012 einen Etat von 18 Millionen Euro.

Die Richtung im Digitalsektor stimmt

Warum erwischt es dieses Programm? ARD und ZDF verweisen gerne darauf, sie seien von der Rundfunkpolitik mit jeweils drei Digitalkanälen beauftragt worden, damit das öffentlich-rechtliche Fernsehen sich den Herausforderungen der neuen, fragmentierten TV-Welt stellen kann. Die öffentlich-rechtlichen Sender nahmen die Einladung zur Expansion gar zu gerne an, das ZDF als zentralistischer Sender bedeutend energischer und erfolgreicher als die föderal verstreute ARD.

ZDFinfo war das Hätschelkind von Chefredakteur Peter Frey, ZDFneo der Augapfel des damaligen Programmdirektors Thomas Bellut und seines Nachfolgers Norbert Himmler. Und, ja, beide Programme gediehen, wie es die Marktanteile für Januar 2013 beweisen: ZDFneo 0,8 Prozent, ZDFinfo 0,5 Prozent, weit hinten ZDFkultur mit 0,1 Prozent. Und dass die Jung-Matadore Klaas Heufer-Umlauf und Joko Winterscheidt mit Neoparadise vom Jugendsender ProSieben wegengagiert wurden, um dort das Format als Circus Halligalli am kommenden Montag fortzusetzen, war dem ZDF Beweis genug, wie sehr die Richtung im Digitalsektor stimmt.

Die Entscheidung gegen ZDFkultur ist konsequent. Das Zweite Deutsche Fernsehen ist nicht gegen Kultur eingestellt, es kann und will aber so wenig wie möglich damit zu tun und in seinem Programm haben. Mit großem Fleiß und nachhaltigem Ehrgeiz ist im Hauptprogramm, dem erklärten Revier für die Quotenjagd, an den Kulturformaten so lange herumgedoktert worden, bis am Freitag nur noch ein Restposten übriggeblieben ist: mal Aspekte, mal Das blaue Sofa, Ende. Und so war auch ZDFkultur gedacht – als Entlastung, Entschuldigung, Entjungferung. Kein Wunder, dass die von seinen Protagonisten abgebrochene Talkshow Roche & Böhmermann erst ins Zweite wandern sollte, als Rumor und Furor da waren. Es passt auch ins Bild, dass laut ZDF "die innovativen Programmformate von ZDFneo und 3sat übernommen werden". Beispiele wurden nicht genannt, nur so viel, dass einst von 3sat übernommene Sendungen wie das 3SatFestival dorthin zurückwandern werden.

In der ZDF-Denke heißt das: Kompetenzen bündeln und Synergien erhöhen. Also werden weitere Plattformredaktionen geschaffen. Die bislang von Guido Knopp geleitete Redaktion Zeitgeschichte wird mit der Redaktion, die Terra X produziert, zusammengelegt, die Service-Redaktion Volle Kanne – Service täglich wird mit Wiso ebenfalls zu einer Plattformredaktion. Erstaunlich, was in Sparzeiten auf dem Lerchenberg zusammenpasst und nicht mehr passt.

Was das Ende von ZDFkultur mit dem geplanten Jugendkanal von ARD und ZDF zu tun hat? Die ARD will keinen ihrer drei Digitalkanäle aufgeben, wohl aber EinsPlus mit einem ZDF-Digitalprogramm zu einem Jugendkanal fusionieren. Und beide, ARD und ZDF, warten auf den nötigen Auftrag aus der Politik. Heißt: Am Ende könnte ZDFkultur als Jungbrunnen fortsprudeln.

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Leserkommentare
  1. 1. Kultur

    Wenn die nicht mal ihre Kutur unters Volk bringen, wozu brauchen sein dann noch einen Bildungsauftrag.

    Wenn die Politik da soviel reinregiert, dann soll sie auch das auch finanzieren und uns mit der GEZ Steuer verschonen.

    8 Leserempfehlungen
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    Kultur in Deutschland ist...

    ...mit den Kinder zu Mäcces oder KFChikken zu gehen
    ...am Auto oder Motorrad rumbasteln
    ...sich zum saufen zu treffen
    ...zusammen mal einen kiffen
    ...mit der Familie im Einkaufszentrum bummeln gehen

    Jetzt schauen Sie sich mal das Kulturprogramm im ZDF an. Das ist irgend eine Oberschichtkultur mit viel Gesundheit, Theater, Kunst und irgendwelchen exotischen Projekten. Leute die das interessiert, schauen bestimmt nur 1 Stunde am Tag Fernsehen. Also gibt es keine Zuschauer für dieses Programm und es ist Geldverschwendung.

    Ich würds genau anders sehen: Wenn wir schon Rundfunkgebühren zahlen, dann will ich auch anspruchsvolle Formate und nicht die gleiche Hirnweichspülung, die auf den (allermeisten) privaten Sendern läuft! ZDFKultur fand ich - für Fernsehverhältnisse - ein gutes Format.

    • Ducasse
    • 22. Februar 2013 20:52 Uhr

    "Wenn die Politik da soviel reinregiert, dann soll sie auch das auch finanzieren und uns mit der GEZ Steuer verschonen."

    Das heißt, "die Politik" soll das Fernsehen direkt von unseren Steuern finanzieren? Oder?

  2. fürstlichen Intendantengehältern, kann ich diese Sparmaßnahme voll verstehn.

    21 Leserempfehlungen
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    Das ZDF bekommt aber nur 1,8 Milliarden. Steht auch im Text! Niemand hat in dem Artikel geschrieben, die 7 Milliarden sind nur für EINEN Sender!

  3. 3. Kultur

    Dann lieber ARTE, ist deutlich intelligenter gemacht und vor allem politisch wesentlich weniger verfilzt.

    8 Leserempfehlungen
  4. Kultur in Deutschland ist...

    ...mit den Kinder zu Mäcces oder KFChikken zu gehen
    ...am Auto oder Motorrad rumbasteln
    ...sich zum saufen zu treffen
    ...zusammen mal einen kiffen
    ...mit der Familie im Einkaufszentrum bummeln gehen

    Jetzt schauen Sie sich mal das Kulturprogramm im ZDF an. Das ist irgend eine Oberschichtkultur mit viel Gesundheit, Theater, Kunst und irgendwelchen exotischen Projekten. Leute die das interessiert, schauen bestimmt nur 1 Stunde am Tag Fernsehen. Also gibt es keine Zuschauer für dieses Programm und es ist Geldverschwendung.

    7 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Kultur"
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    und Kultiviertheit ein endloser Lernvorgang. Dieses Programm abzuschaffen ist ein zivilisatorischer Rückschritt.

    Mir ist klar was Sie meinen. Doch wer bestimmt was Kultur ist? Die Details kenne ich. Wer bestimmt was Kultur ist?

    Irgendwelche Schulmeister wollen mir in einer Kochsendung erzählen wie toll gesundes Essen ist. Aus deren Sicht ist gesunde Ernährung und langes Leben eine Art Lebenskultur. Ich will keine nervigen Schulmeister, ich will wissen wie ich mein Steak gut hin bekomme, am besten leicht blutig. Unsere Kultur unterscheidet sich im Detail. Und ZDFKultur repräsentiert nur eine grün-konservative Kultur. Das ist zu parteiisch.

    1% der Marge die ZDF bekommt reichen, um die 17Mio € zu bezahlen, die gestrichen werden sollen. (Ausgehend davon, dass ZDF 1,7Mrd € bekommt). Es wird wohl mehr als 1% an Haushalten geben, in denen Personen sind, die kulturell interessiert sind!

    Ich bin zumindest der Meinung, dass meine 17,95€ nicht für depperte Kochsendungen verwendet werden sollen! Die kann ich mir auch auf VOX o.ä. anschauen, wenn ich das unbedingt will!

  5. Von wegen konsequente Entscheidung; ich halte die Entscheidung für konsequenten Quatsch. Glauben de Fernsehmacher, dass man Kultur besser in homöopathischen über ein ansonsten kulturloses Programm streuen soll? Wo soll ich denn hinzappen, wenn auf den anderen Kanälen das Napalm-Duo, die Abdecker Herzbuben, (D)ieter (S)ucht (D)en (S)uper (D)eppen, Maria Holzweg, das Mutantenstadl oder andere halbbekleidete Volltrottel ihr Unwesen treiben.

    20 Leserempfehlungen
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    immerhin gibt es bei den ö. r. Sendern doch so tolle Serien über quietschfidele Nonne, über die Maßen sympathische Stadtteilpolizisten. Dazu bekommt man jeden Mittag die tollsten Rezepte und Erklärungen, wie man einen Adventskranz bastelt. Da hat man doch alles in einem: Spaß, Spannung und gute Laune. Meine Mutter (Jahrgang 40) freut sich immer drauf...

    • ohopp
    • 22. Februar 2013 20:06 Uhr

    der Beste Sender. Kostet im Monat bestimmt weniger als eine Nebel oder Wetten dass Sendung.

    9 Leserempfehlungen
  6. Ich würds genau anders sehen: Wenn wir schon Rundfunkgebühren zahlen, dann will ich auch anspruchsvolle Formate und nicht die gleiche Hirnweichspülung, die auf den (allermeisten) privaten Sendern läuft! ZDFKultur fand ich - für Fernsehverhältnisse - ein gutes Format.

    23 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Kultur"
  7. Ich habe 1-2mal die Woche auf dem Kanal Filme aufgenommen, die wegen ihres Anspruchs auf keinem anderen Sender eine Chance gehabt hätten.
    Teilweise sehr spannende Grusel-Filme, gar nicht mal abgehoben.

    Ein echter Verlust, für den Sender habe ich gerne Gebühren gezahlt.

    6 Leserempfehlungen

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  • Schlagworte Thomas Bellut | ARD | ZDF | Guido Knopp | Peter Frey | ProSieben
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