Film "Zero Dark Thirty" : Folterknechte am Schreibtisch

Die Darstellung der Folterszenen in "Zero Dark Thirty" ist nicht das Problem. Sondern dass der Film nur die Geschichte der Täter beleuchtet.

Zero Dark Thirty beginnt mit einer pechschwarzen Leinwand. Was nicht gezeigt wird, verdeutlicht die Tonspur. 9/11. Notrufe aus dem World Trade Center kreischen aus dem Dunkel. Herzzerreißende Audioclips sterbender Menschen. Dann ein Schnitt. Zwei Jahre später. Grelles Sonnenlicht fällt in eine staubige Halle. Ein Mann, geschunden und blutig, wankt vor eine Wand. Sein Name ist Ammar, seine Peiniger US-Amerikaner. Das Interesse des Films liegt dennoch nicht bei Ammar sondern bei Maya, einer jungen CIA-Agentin. Ammar, dem die CIA finanzielle Unterstützung der Anschläge nachgewiesen hat, ist für Maya nur der Beginn einer langen Jagd auf Osama bin Laden. Ihr wird der Film zwei Stunden lang folgen. Zero Dark Thirty, der gerade in Deutschland anläuft, ist ein amerikanisches Täterporträt.

Kathryn Bigelows Nacherzählung der Jagd auf bin Laden ist an die amerikanische Nation adressiert. Zero Dark Thirty geht um Folter und die Frage, wem die Ergreifung bin Ladens zuzuschreiben – oder zu verdanken – ist. Entsprechend kontrovers wurde der Film in den USA rezipiert.

Da sich Zero Dark Thirty als historisch akkurat geriert, lädt er die fact-checker geradezu ein, nach Fehlern zu suchen. Verbissen hat man sich jedoch besonders in die Darstellung der Folter. Ammar erliegt dem 1-0-1 der Verhörmethoden, die als enhanced interrogation techniques in den USA zu zweifelhafter Berühmtheit gelangt sind. Entkräftet von Waterboarding, Stresspositionen, Musikfolter, Isolation und Schlafentzug gibt er schließlich ein Stück Information preis, das die CIA-Ermittler voranbringt. Wenn auch nur gering. Es werden noch Jahre vergehen, bis Maya bin Laden aufspürt. Dennoch bleibt die Darstellung effizienter Folter eine Provokation.

Gegner des Films, allen voran Slavoj Žižek, sehen die Gefahren einer Normalisierung der Folter durch Film und Fernsehen. Es stimmt, Bigelow ist auffällig explizit in der filmischen Umsetzung der Folterungen. Beunruhigender ist aber die Fokalisierung des Films. Im Mittelpunkt stehen die CIA-Agenten. Das, was Bigelow auslässt, sagt mehr über ihren Film aus, als das, was sie darstellt.

Der Autor

Daniel Šíp ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Anglistik/Amerikanistik der Universität Oldenburg und promoviert zu Folterrepräsentationen in Literatur und Film nach 9/11. (Negotiations of Political Torture after 9/11 in Anglophone Literature and other Media)

Die Regisseurin erörtert nicht die komplexen kulturellen und geopolitischen Konflikte, in die man die Intentionen der Feinde der USA hätte einbetten können. Ammar ist ein Statist ohne Tiefe, er bleibt ein Mann ohne eigene Geschichte. Auffällig ist auch, dass ein kritischer Diskurs über die Verhörmethoden völlig ausbleibt. Nur zweimal im gesamten Film fällt das Wort torture: Ein Gefangener erinnert sich an frühere Folter, der er unterzogen wurde. Und im Fernsehen wird die Rede des neu gewählten Präsidenten Barack Obama übertragen, in der er sich gegen Folter ausspricht. Nie spricht einer der verantwortlichen Protagonisten im Film davon.

Dabei sind es die Folterer, deren Geschichte Zero Dark Thirty erzählt. Es geht es um Maya, um Dan und ihre Arbeit als Geheimdienstagenten in Zeiten nationaler Verunsicherung. Man muss Bigelow zugute halten, dass sie sich nie in den Erzählmustern verliert, die die populärkulturellen Darstellungen von Folter in den letzten Jahren bestimmt haben. Nirgends tickt eine versteckte Atombombe, deren Versteck nur die Folter preisgeben kann. Maya ist kein Jack Bauer, Held der TV-Serie 24, der im Sekundentakt folterte. Die Verlockung der Folter in Zero Dark Thirty funktioniert nicht über die Konstruktion einer ständigen Bedrohung.

Auch verwehrt sich der Film den Motiven klassischer Agententhriller à la James Bond. Kugelschreiber sind in Zero Dark Thirty Schreibutensilien und keine Feuerwaffen. Zwar ist bin Laden als Schurke Sinn und Ziel des Films. Er dient jedoch nur zur Charakterisierung der Hauptfigur und fungiert selbst nicht als Akteur. Er wird zu Mayas Obsession, die ihr in einer von Männern diktierten Welt beinahe zum Verhängnis wird. Sie läuft Gefahr, als Hysterikerin nicht ernst genommen zu werden.  

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Kommentare

41 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Das ist realtiv einfach

Ich persönlich tue mich oft schwer mit der Einschätzung, was die meisten Deutschen meinen. Aber das muss jeder für sich selbst entscheiden.

Sie nennen einen Film, der ohne moralischen Zeigefinger daherkommt, "Propaganda". Zumindest verharmlosen Sie die Propaganda. Und ein Interview mit der Verantwortlichen haben Sie ebenfalls nicht gesehen- oder nicht verstanden.

Man kann natürlich nur US-kritik zulassen, wenn Sie aus den Federn der Selbsthasser stammt. Allein der Anfang des Films zeigt hier eindeutig, in welche Richtung es gehen soll. Und fakt ist ebenfalls, dass keine Folter zum gewünschten Ergebnis geführt hat. Daher sollten jedem, der Folter so einschätzt, wie Sie es schildern, die stille Zustimmung zur Folter im halse stecken bleiben.