Film "Zero Dark Thirty"Folterknechte am Schreibtisch

Die Darstellung der Folterszenen in "Zero Dark Thirty" ist nicht das Problem. Sondern dass der Film nur die Geschichte der Täter beleuchtet. von Daniel Šíp

Zero Dark Thirty beginnt mit einer pechschwarzen Leinwand. Was nicht gezeigt wird, verdeutlicht die Tonspur. 9/11. Notrufe aus dem World Trade Center kreischen aus dem Dunkel. Herzzerreißende Audioclips sterbender Menschen. Dann ein Schnitt. Zwei Jahre später. Grelles Sonnenlicht fällt in eine staubige Halle. Ein Mann, geschunden und blutig, wankt vor eine Wand. Sein Name ist Ammar, seine Peiniger US-Amerikaner. Das Interesse des Films liegt dennoch nicht bei Ammar sondern bei Maya, einer jungen CIA-Agentin. Ammar, dem die CIA finanzielle Unterstützung der Anschläge nachgewiesen hat, ist für Maya nur der Beginn einer langen Jagd auf Osama bin Laden. Ihr wird der Film zwei Stunden lang folgen. Zero Dark Thirty, der gerade in Deutschland anläuft, ist ein amerikanisches Täterporträt.

Kathryn Bigelows Nacherzählung der Jagd auf bin Laden ist an die amerikanische Nation adressiert. Zero Dark Thirty geht um Folter und die Frage, wem die Ergreifung bin Ladens zuzuschreiben – oder zu verdanken – ist. Entsprechend kontrovers wurde der Film in den USA rezipiert.

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Da sich Zero Dark Thirty als historisch akkurat geriert, lädt er die fact-checker geradezu ein, nach Fehlern zu suchen. Verbissen hat man sich jedoch besonders in die Darstellung der Folter. Ammar erliegt dem 1-0-1 der Verhörmethoden, die als enhanced interrogation techniques in den USA zu zweifelhafter Berühmtheit gelangt sind. Entkräftet von Waterboarding, Stresspositionen, Musikfolter, Isolation und Schlafentzug gibt er schließlich ein Stück Information preis, das die CIA-Ermittler voranbringt. Wenn auch nur gering. Es werden noch Jahre vergehen, bis Maya bin Laden aufspürt. Dennoch bleibt die Darstellung effizienter Folter eine Provokation.

Gegner des Films, allen voran Slavoj Žižek, sehen die Gefahren einer Normalisierung der Folter durch Film und Fernsehen. Es stimmt, Bigelow ist auffällig explizit in der filmischen Umsetzung der Folterungen. Beunruhigender ist aber die Fokalisierung des Films. Im Mittelpunkt stehen die CIA-Agenten. Das, was Bigelow auslässt, sagt mehr über ihren Film aus, als das, was sie darstellt.

Der Autor

Daniel Šíp ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Anglistik/Amerikanistik der Universität Oldenburg und promoviert zu Folterrepräsentationen in Literatur und Film nach 9/11. (Negotiations of Political Torture after 9/11 in Anglophone Literature and other Media)

Die Regisseurin erörtert nicht die komplexen kulturellen und geopolitischen Konflikte, in die man die Intentionen der Feinde der USA hätte einbetten können. Ammar ist ein Statist ohne Tiefe, er bleibt ein Mann ohne eigene Geschichte. Auffällig ist auch, dass ein kritischer Diskurs über die Verhörmethoden völlig ausbleibt. Nur zweimal im gesamten Film fällt das Wort torture: Ein Gefangener erinnert sich an frühere Folter, der er unterzogen wurde. Und im Fernsehen wird die Rede des neu gewählten Präsidenten Barack Obama übertragen, in der er sich gegen Folter ausspricht. Nie spricht einer der verantwortlichen Protagonisten im Film davon.

Dabei sind es die Folterer, deren Geschichte Zero Dark Thirty erzählt. Es geht es um Maya, um Dan und ihre Arbeit als Geheimdienstagenten in Zeiten nationaler Verunsicherung. Man muss Bigelow zugute halten, dass sie sich nie in den Erzählmustern verliert, die die populärkulturellen Darstellungen von Folter in den letzten Jahren bestimmt haben. Nirgends tickt eine versteckte Atombombe, deren Versteck nur die Folter preisgeben kann. Maya ist kein Jack Bauer, Held der TV-Serie 24, der im Sekundentakt folterte. Die Verlockung der Folter in Zero Dark Thirty funktioniert nicht über die Konstruktion einer ständigen Bedrohung.

Auch verwehrt sich der Film den Motiven klassischer Agententhriller à la James Bond. Kugelschreiber sind in Zero Dark Thirty Schreibutensilien und keine Feuerwaffen. Zwar ist bin Laden als Schurke Sinn und Ziel des Films. Er dient jedoch nur zur Charakterisierung der Hauptfigur und fungiert selbst nicht als Akteur. Er wird zu Mayas Obsession, die ihr in einer von Männern diktierten Welt beinahe zum Verhängnis wird. Sie läuft Gefahr, als Hysterikerin nicht ernst genommen zu werden.  

Leserkommentare
    • d.sip
    • 02. Februar 2013 11:16 Uhr

    Liebe/r Plupps,

    ich bin der Meinung, dass es gerade deswegen wichtig ist, Kritik an der fehlenden Opferperspektive zu äußern.

    Mit freundlichen Grüßen
    Daniel Sip

    2 Leserempfehlungen
  1. 18. Falsch

    "Die Information zum Versteck von bin Laden ist aber gerade das Ergebnis von geheimdienstlicher Arbeit und nicht von Folter."
    Meines Erachtens das Ergebnis polizeilicher Arbeit (vermutlich durch die Geheimdienste in Zusammenarbeit mit Polizeiorganisationen diverser Länder).
    Schliesslich hat das Militär übernommen und einen mutmasslichen Mörder ermordet. Auf der Suche nach Bin Laden wurden Kriege entfesselt, die Zahl der Toten in Afghanistan und Pakistan (und dem Irak?) im Rahmen dieser Racheaktionen dürfte mittlerweile die Zahl der 9/11 Opfer weit übersteigen.
    Ich habe den Film nicht gesehen und habe das auch nicht vor. Sollte er tatsächlich auch nur die leiseste Rechtfertigung des Bruchs von Menschenrechten auf der Suche nach Bin Laden enthalten, ist der Film verheerend schlecht.
    Verbrechen kann man nicht mit Verbrechen bekämpfen, so einfach ist das.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Sehr schwache Analyse"
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    so einfach war das auch für den deutschen Richter, der Stauffenberg hinrichten ließ oder Sophie Scholl. So einfach war das auch für den 'Völkischen Beobachter', der die Luftpiraten geißelte.

    So einfach wäre es gewesen für die Herren Hitler, Ceaucescu, Pol Pot, wenn es nur heuchlerische, sich moralisch überlegen wähnende Zeit-Leser in ihren Lehnstühlen gäbe.

    Noch leisten die USA und einige Verbündete Widerstand. Gemessen an den Kollateralschäden des 2. Weltkrieges oder auch des Vietnamkrieges sind die jetzigen Opferzahlen unter echten Zivilisten gering.

    Wäre es wirklich besser, wieder auf Bombenteppiche zurückzugreifen als die relativ wenigen Fanatiker mit allen Mitteln zu bekämpfen ? Wäre es besser klein beizugeben, zu kuschen und später nichts gewusst zu haben ? Letzteres ist anscheinend die wohlformulierte und bequeme Antwort einiger Deutscher.

    Es sind die gleichen Deutschen, die heute noch brav mit erhobenem rechten Arm grüßen würden, hätte ihnen nicht US Soldaten westliche Freiheiten aufgezwungen. Ist Doppelmoral wirklich besser als gar keine Moral ?

    • AndiDD
    • 02. Februar 2013 11:43 Uhr
    19. Gähn!

    Der Film die übliche US-verherrlichende Seichtigkeit, die deutsche Rezension die übliche selbstgerechte Besserwisserei unserer ach-so-aufgeklärten Meinungsmacher.

    Alles folgt dem üblichen, eingeübten Muster. Da weiß man kaum, worüber man zuerst erbrechen soll.

    Vielleicht darüber: In einem Land, in dessen veröffentlichter Meinung und in dessen Exekutivorganen ein bißchen Foltern nicht so schlimm ist, wenn es um (Stichwort "24") das Aufspüren einer Geisel geht und in dem die Empörung hochkocht, wenn dem Folteropfer dann auch noch Entschädigung zugesprochen wird, sollte man vielleicht nicht mit ganz so großen Steinen werfen.

  2. Deutsche bringen viel Verständnis auf für kulturelle Hintergründe von Gewalt bei U-Bahn-Schlägern, kommunistischen Mauerschützen und ihre neuen Freunde, die Islamisten. "Gewalt ist immer auch ein Hilferuf" laut Claudia Roth.

    Die kulturellen Hintergründe der USA stoßen nicht auf das Verständnis deutscher BessermenschInnen. Wer deutsche Nazi-KZ geschlossen hat und wer die Mauern der Kommunisten zu Fall brachte, wendet sich schließlich gleich gegen zwei deutsche Erfindungen. Das missfällt den deutschen BildungsbürgerInnen auch in diesem Forum.

    Die Amerikaner haben auch nichts aus ihrer Geschichte gelernt. Wieder kämpfen sie gegen eine Hass- und Gewaltideologie. Eine neue Einladung zur Kulturkritik.

    Der Westen kämpft erneut gegen einen Feind, der nur die Regeln seiner ideologischen / religiösen Phantasiewelt anerkennt. Zivilisten sind bei Islamisten nicht Kollateralschaden sondern Angriffsziel.

    Die moralisierenden Kommentatoren würden noch heute mit erhobenem rechten Arm grüßen oder in der "Höhle des Bösen" leben, wenn die USA ihren heuchlerischen moralischen Standards gefolgt wären. Wenn ein deutscher Journalist heute von 'Tätern' spricht und damit anscheinend CIA-Agenten meint, dann ist Deutschland nicht mehr weit entfernt von der 'Höhle des Bösen 2.0' .

    Eine Leserempfehlung
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    Entfernt. Danke, die Redaktion/mo.

  3. 21. [...]

    Entfernt. Danke, die Redaktion/mo.

  4. Ich empfinde Zero Dark Thirty als ausgesprochen kritischen Film - er schreit seine Attitüde jedoch nicht heraus und verweigert dem Zuschauer die Befriedigung eines Urteilsspruchs. Die in der obigen Rezension angesprochene Ambivalenz fordert uns (!) im Kino dazu heraus, unseren moralischen Kompass zu überprüfen.

    Das ist mehr, als irgendein anderer politischer Film in den vergangenen Jahre bewirkt hat. Kinokunst, die über die Leinwand hinaus geht. Klasse!

    Meine ausführliche Filmkritik kann hier gelesen werden:

    http://haihappening.de/ze...

  5. so einfach war das auch für den deutschen Richter, der Stauffenberg hinrichten ließ oder Sophie Scholl. So einfach war das auch für den 'Völkischen Beobachter', der die Luftpiraten geißelte.

    So einfach wäre es gewesen für die Herren Hitler, Ceaucescu, Pol Pot, wenn es nur heuchlerische, sich moralisch überlegen wähnende Zeit-Leser in ihren Lehnstühlen gäbe.

    Noch leisten die USA und einige Verbündete Widerstand. Gemessen an den Kollateralschäden des 2. Weltkrieges oder auch des Vietnamkrieges sind die jetzigen Opferzahlen unter echten Zivilisten gering.

    Wäre es wirklich besser, wieder auf Bombenteppiche zurückzugreifen als die relativ wenigen Fanatiker mit allen Mitteln zu bekämpfen ? Wäre es besser klein beizugeben, zu kuschen und später nichts gewusst zu haben ? Letzteres ist anscheinend die wohlformulierte und bequeme Antwort einiger Deutscher.

    Es sind die gleichen Deutschen, die heute noch brav mit erhobenem rechten Arm grüßen würden, hätte ihnen nicht US Soldaten westliche Freiheiten aufgezwungen. Ist Doppelmoral wirklich besser als gar keine Moral ?

    Antwort auf "Falsch"
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    Ich bestehe im Gegensatz zu Ihnen darauf, mich durch meine moralischen Grundsätze zumindest rudimentär von den erwähnten folternden und mordenden Terroristenjägern und den Terroristen selber zu differenzieren, und nicht aus dem Sessel mit dem Laptop auf dem Schoss Folter und Mord als Rache zu fordern.

    Wir wollen, dass unsere Menschenrechte beachtet werden, und wollen das anderen durch die Missachtung der ihnen genauso zustehenden Menschenrechte beibringen? Eigentlich doch ganz einfach zu verstehen.

  6. Ich bestehe im Gegensatz zu Ihnen darauf, mich durch meine moralischen Grundsätze zumindest rudimentär von den erwähnten folternden und mordenden Terroristenjägern und den Terroristen selber zu differenzieren, und nicht aus dem Sessel mit dem Laptop auf dem Schoss Folter und Mord als Rache zu fordern.

    Wir wollen, dass unsere Menschenrechte beachtet werden, und wollen das anderen durch die Missachtung der ihnen genauso zustehenden Menschenrechte beibringen? Eigentlich doch ganz einfach zu verstehen.

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    kein Tankstellenüberfall sondern eine Kriegserklärung an eine Weltmacht (und einen Kulturkreis) - sowas bekommt einem selten gut. Und es kommt auch nicht die Polizei und ermittelt. Ja, alles schon schmutzig und ekelhaft aber wenig überraschend.

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  • Schlagworte Film | Osama bin Laden | Barack Obama | Folter | Jagd | James Bond
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