Die Steinzeit haben wir uns bislang viel zu gemütlich vorgestellt. Bei der Familie Feuerstein, der genialen Fernsehserie der Trickfilmer Hanna und Barbera, sah die prähistorische Vergangenheit eigentlich genauso aus wie die Nachkriegsgegenwart. Die Helden lebten in einer typisch suburbanen Reihenhaussiedlung und verbrachten ihre Freizeit vor dem Steinfernseher oder beim Steinschlag-Bowling. Und wenn Fred Feuerstein trompetete: "In meiner Höhle herrsche ich unangefochten", war das bloß ein Machospruch, denn in Wirklichkeit führte seine Ehefrau Wilma das Regiment, eine wespentaillige Lady im eng geschnittenen Fellkleid.

Bei den Croods, die außer Konkurrenz im Wettbewerb der Berlinale bereicherten, gerät nun nicht bloß das Patriarchat ins Wanken.

Die ganze Erde bebt, Vulkane brechen aus, eine Endzeit naht. Worauf die sechsköpfige Sippe der Croods, diese Neuversion der Feuersteins, nach Darwins Gesetz vom Survival of the Fittest denkbar schlecht vorbereitet ist. Vater Grug sagt von sich selbst, "keinen Geist, nur Muskeln" zu besitzen, und hat seine Angehörigen auf strenge Regeln eingeschworen: Die Höhle darf nur zur Nahrungsaufnahme verlassen werden, Neugier rächt sich, und alles, was von der Routine abweicht, ist schlecht.

Draußen – damit hat der Clanchef recht – lauern tatsächlich Gefahren. Schließlich sind bereits alle Steinzeitnachbarn der Croods von Mammuts, Säbelzahntigern oder Grippeviren hinweggerafft worden. Aber im Fall des Weltuntergangs besteht nur dann eine Überlebenschance, wenn man bereit ist, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und aufzubrechen ins Offene. Außerdem hat noch kein Abenteuerfilm als Kammerspiel funktioniert. Zum Glück gibt es eine Rebellin in der Familie, die burschikose Tochter Eep, die in einer Nacht dem Schein einer Fackel folgt und auf einen Jungen trifft. Guy scheint einer bereits höher entwickelten Spezies anzugehören, er beherrscht das Feuer, besitzt Schuhe und schwärmt von einem "Land der Zukunft", einer Shangri-La-artigen Zuflucht auf einem Berg jenseits der Steppen, Meere und Urwälder. Dort soll man von der Apokalypse verschont bleiben. Man muss nur erst einmal hinkommen.

Der von Kirk DeMicco und Chris Sanders inszenierte Trickfilm aus dem DreamWorks-Studio, im Original mit den Stimmen von Nicolas Cage und Emma Stone prunkend, verknüpft auf eine sehr amerikanische Weise traditionelle Familienwerte mit der Feier von Innovation und Fortschritt. Schon klar, der Vater gehört mit seinem Credo "Angst ist gut und Wandel schlecht" zu den Auslaufmodellen der Evolution. Seine Autorität zerbröselt, aber ohne die Ausdauer des Alten können die Croods erst recht nicht durchkommen.

Als Familienfilm operiert Die Croods auf zwei Ebenen. Die Action ist rasant und erinnert mitunter an die Ice Age-Serie, der Witz setzt Widerhaken. Wenn ein Lagerfeuer Schatten über die Wand tanzen lässt, wird en passant Platons Höhlengleichnis aufgerufen, die Dialoge sind oft pure Comedy. Da erzählt die Oma, dass sie einmal verliebt gewesen sei: "Ich war Sammler, er war Jäger. Es gab einen Riesenskandal." Schwer vorstellbar, dass in diesem Jahr noch ein besserer Animationsfilm in die Kinos kommen wird.

Erschienen im Tagesspiegel