Bildschönes Trickfilmabenteuer: "Der Mondmann" von Stephan Schesch © Neue Visionen

Nur Kinder und Künstler können den Mann im Mond erkennen. Der Filmpionier Georges Méliès hat ihm 1902 eine Rakete ins Auge geschossen. In Tomi Ungerers Kinderbuchklassiker dagegen kauert der Mondmann traurig in seiner silbernen Kugel. Weil ihm so schrecklich langweilig ist, erhascht er den Schweif eines vorbei rasenden Kometen und schlägt auf der Erde auf.

Nun aber, angesichts des kalten, leeren Mondes, ohne die beruhigende Gestalt des Mondmannes darin, können die Kinder nicht mehr schlafen. Die Erwachsenen dagegen verstehen mal wieder gar nichts, machen Jagd auf den Außerirdischen und stecken ihn hinter Gitter. Dennoch findet das sanfte Wesen unter großen und kleinen Menschen Freunde und kann mit ihrer Hilfe mit einer Rakete des Erfinders Bunsen van Dunkel, wieder "nach Hause" fliegen.

1966, also zwei Jahre vor der Mondlandung und 16 Jahre vor E.T., hat sich Tomi Ungerer diese kleine Geschichte ausgedacht. Sein Buch, das nicht nur aus vielen deutschen Kinderzimmern kaum wegzudenken ist, wurde unter der Regie von Stephan Schesch, der schon als Produzent der liebenswürdigen Ungerer-Adaption Die drei Räuber (2007) fungierte, verfilmt.

Das Trickfilmabenteuer, in 2-D auf Computermonitoren handgezeichnet, ist im buchstäblichen Sinn bildschön. Die Animatoren empfinden, wenn auch mit runderem Strich, Ungerers klar konturierte Zeichnungen und die satten Farben nach. Berückend sind besonders die verwunschenen nächtlichen Paradiese.

Im Widerschein des Mondes erinnern Flora und Fauna mal an die Dschungelbilder des naiven Malers Henri Rousseau, mal an die magische Nachtwelt des Animationsfilms Coraline, jedoch ohne dessen latente Bedrohlichkeit. Und wenn sich der milchweiß leuchtende Mondmann inmitten fluoreszierender Blüten im schimmernden Bach treiben lässt, driftet auch der Zuschauer ins nächtliche Nirwana.

In der verträumten Rahmenhandlung gleitet, in einem offenen Straßenkreuzer, ein kleines Mädchen mit seinem Vater über endlose Straßen von Autokino zu Autokino. Ihr Hündchen, das den Mond anbellt, heißt – ja, genau – Laika. Und wenn das Kind gebannt in den Mond schaut, vollzieht sich ein wunderhübscher metaphorischer Kurzschluss zwischen fantasiebegabten Mondguckern, die in ihn ein menschliches Abbild hineinprojizieren, und der Projektion eines Films auf die Kinoleinwand.

Auch die kauzigen Nebenhandlungen verraten die Liebe zum poetischen und beziehungsreichen Detail. Mit seinem sachten Tempo und den mehr wunderlichen als süßen Figuren setzt der Trickfilm bewusst einen Kontrapunkt zur Reizüberflutung vieler Animationsfilme. Die leicht somnambule Atmosphäre und die Mischung aus Neugier und Zögern verorten den anfangs sprachlosen Mondmann eher in die Sphäre moderner Märchenhelden wie Der kleine Prinz.

Großartig und unkonventionell ist auch der Soundtrack, der von Ambient Jazz über das Volkslied Der Mond ist aufgegangen und Louis Armstrongs sehnsüchtigen Moon River bis zu Iron Butterflys stampfendem In-A-Gadda-Da-Vida reicht.