Synchronfassungen haben es bei Cineasten schwer: alles unecht, nix lippensynchron, und das Ganze bloß für Millionen von Untertitel-Legasthenikern. Bei der jüngsten Berlinale hatte es zur Abwechslung mal die Originalversion erwischt. So spotteten Zuschauer von Night Train to Lisbon unermüdlich über deutsche Schauspieler, die sich verzweifelt um feines Englisch mit noch feinerem portugiesischen Akzent bemühten, während doch etwa der Schweizer Bruno Ganz ganz wunderbar naturbelassenes schwyzerdütsches Portugiesisch hätte schwätzen können. Wenn, ja, wenn man ihm nur die Hauptrolle des Schweizer Lehrers Raimund Gregorius überlassen hätte.

Nun läuft der von deutscher Seite mit reichlich zwei Millionen Euro geförderte und von dem dänischen Regisseur Bille August sorgfältig angerührte Europudding breit im Kino an – und da wirkt die Synchronfassung der Verfilmung des Millionensellers von Pascal Mercier erst mal wohltuend. Die deutschsprachigen Schauspieler, von August Diehl über Martina Gedeck und Burghart Klaußner bis zu eben jenem Bruno Ganz, sind mit ihren nachsynchronisierten eigenen Stimmen zu hören, und das Reststar-Ensemble von Jeremy Irons über Mélanie Laurent und Charlotte Rampling bis zu Christopher Lee artikuliert ebenfalls in gepflegtestem Hochdeutsch. Keinerlei Kollektiv-Kakophonie also hindert den Zuschauer mehr daran, sich ganz auf die visuellen sowie narrativen Werte von Nachtzug nach Lissabon zu konzentrieren.

Nur gewonnen ist damit leider nicht viel. Stattdessen macht die Beseitigung des Nebenproblems erst recht die Defizite dieser Literaturverfilmung offenbar. Denn hier geht es nicht um einen jener ereignisprallen kinoträchtigen Stoffe, wie sie Bille August einst beim Geisterhaus (1993) oder mit Fräulein Smillas Gespür für Schnee (1997) vorfand; die Geschichte um den Altphilologen aus Bern, der unvermittelt aus seinem öden Alltag nach Portugal ausbricht, um dort anhand des zufällig gefundenen Buchs eines ausnehmend melancholischen Revolutionärs über Identität und Lebenssinn zu räsonieren, ist in ihrem Kern ein brillantes philosophisches Grüblerstück.

 Gregorius funktioniert darin letztlich als Beispielfigur für die Zentralthese des sich hinter dem Pseudonym Pascal Mercier verbergenden Philosophen Peter Bieri: Freiheit eignet sich der Mensch nur dadurch an, dass er sich gegen alle naturgesetzlichen Bedingtheiten und anderweitige Externverbiegungen Handlungskompetenz über das eigene Leben bewahrt oder initiativ zurückerobert. Alles Geschehen bleibt da Beiwerk, weiter nichts.

Allenfalls mit einer Überdosis Voice-over wohl hätte Bille August der im Roman durchaus faszinierend ausgebreiteten Gedankenwelt gerecht werden können. Lieber aber schickt er Jeremy Irons als ziemlich schlafwandlerischen Rechercheur in ein fades Begegnungsgeflecht, das vor allem der Ausleuchtung der filmisch ergiebigeren, irgendwie wilderen Biografie des Arztes, Autors und Rebellen Amadeu de Prado dient. Und schon sieht sich die feine Textur des Romans recht grobschlächtig übermalt. Ein Äußerstes an Drama presst August Rückblende für Rückblende aus der Vorlage heraus, mit anderen Worten: ein Äußeres an Drama. Und verfehlt sie so gleich doppelt.

Was bleibt? Postkartenansichten von Lissabon. Hingestellte Jugend der siebziger Jahre, zum Aufgeregtsein angeknipst wie Statisterie. Palastartige Interieurs, in denen Menschen wie Marionetten am eigenen Faden zappeln. Ein in Sesseln versunkener Jeremy Irons im grünstichigen Ärmelschoner-Sakko, gereichten Tee unerschütterlich kalt werden lassend. Und Martina Gedeck als höchst vage oszillierender love interest: Erst muss die diskret bindungsbedürftige Autofahrerin zwecks Product Placement eifrig in einem neueren deutschen Nobelfahrzeug herumkurven; dann trägt sie mit an der Bürde eines hinzuerfundenen offenen Schlusses, der das Universum Mercier’scher Eventualitäten vollends missversteht. Da lockt nur mehr die Flucht aus der Lichtspielstätte, um das so viel hellere Buch gleich noch einmal zu lesen.

Erschienen im Tagesspiegel