Film "Nachtzug nach Lissabon"Europudding mit fadem Beigeschmack

Pascal Merciers Roman "Nachtzug nach Lissabon" war ein philosophisches Grüblerstück. In der Verfilmung von Bille August sind nur Postkartenansichten übrig geblieben. von Jan Schulz-Ojala

Raimund (Jeremy Irons) am Nachtzug

Raimund (Jeremy Irons) am Nachtzug  |  © © 2013 Sam Emerson / Concorde Filmverleih

Synchronfassungen haben es bei Cineasten schwer: alles unecht, nix lippensynchron, und das Ganze bloß für Millionen von Untertitel-Legasthenikern. Bei der jüngsten Berlinale hatte es zur Abwechslung mal die Originalversion erwischt. So spotteten Zuschauer von Night Train to Lisbon unermüdlich über deutsche Schauspieler, die sich verzweifelt um feines Englisch mit noch feinerem portugiesischen Akzent bemühten, während doch etwa der Schweizer Bruno Ganz ganz wunderbar naturbelassenes schwyzerdütsches Portugiesisch hätte schwätzen können. Wenn, ja, wenn man ihm nur die Hauptrolle des Schweizer Lehrers Raimund Gregorius überlassen hätte.

Nun läuft der von deutscher Seite mit reichlich zwei Millionen Euro geförderte und von dem dänischen Regisseur Bille August sorgfältig angerührte Europudding breit im Kino an – und da wirkt die Synchronfassung der Verfilmung des Millionensellers von Pascal Mercier erst mal wohltuend. Die deutschsprachigen Schauspieler, von August Diehl über Martina Gedeck und Burghart Klaußner bis zu eben jenem Bruno Ganz, sind mit ihren nachsynchronisierten eigenen Stimmen zu hören, und das Reststar-Ensemble von Jeremy Irons über Mélanie Laurent und Charlotte Rampling bis zu Christopher Lee artikuliert ebenfalls in gepflegtestem Hochdeutsch. Keinerlei Kollektiv-Kakophonie also hindert den Zuschauer mehr daran, sich ganz auf die visuellen sowie narrativen Werte von Nachtzug nach Lissabon zu konzentrieren.

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Nur gewonnen ist damit leider nicht viel. Stattdessen macht die Beseitigung des Nebenproblems erst recht die Defizite dieser Literaturverfilmung offenbar. Denn hier geht es nicht um einen jener ereignisprallen kinoträchtigen Stoffe, wie sie Bille August einst beim Geisterhaus (1993) oder mit Fräulein Smillas Gespür für Schnee (1997) vorfand; die Geschichte um den Altphilologen aus Bern, der unvermittelt aus seinem öden Alltag nach Portugal ausbricht, um dort anhand des zufällig gefundenen Buchs eines ausnehmend melancholischen Revolutionärs über Identität und Lebenssinn zu räsonieren, ist in ihrem Kern ein brillantes philosophisches Grüblerstück.

 Gregorius funktioniert darin letztlich als Beispielfigur für die Zentralthese des sich hinter dem Pseudonym Pascal Mercier verbergenden Philosophen Peter Bieri: Freiheit eignet sich der Mensch nur dadurch an, dass er sich gegen alle naturgesetzlichen Bedingtheiten und anderweitige Externverbiegungen Handlungskompetenz über das eigene Leben bewahrt oder initiativ zurückerobert. Alles Geschehen bleibt da Beiwerk, weiter nichts.

Allenfalls mit einer Überdosis Voice-over wohl hätte Bille August der im Roman durchaus faszinierend ausgebreiteten Gedankenwelt gerecht werden können. Lieber aber schickt er Jeremy Irons als ziemlich schlafwandlerischen Rechercheur in ein fades Begegnungsgeflecht, das vor allem der Ausleuchtung der filmisch ergiebigeren, irgendwie wilderen Biografie des Arztes, Autors und Rebellen Amadeu de Prado dient. Und schon sieht sich die feine Textur des Romans recht grobschlächtig übermalt. Ein Äußerstes an Drama presst August Rückblende für Rückblende aus der Vorlage heraus, mit anderen Worten: ein Äußeres an Drama. Und verfehlt sie so gleich doppelt.

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Was bleibt? Postkartenansichten von Lissabon. Hingestellte Jugend der siebziger Jahre, zum Aufgeregtsein angeknipst wie Statisterie. Palastartige Interieurs, in denen Menschen wie Marionetten am eigenen Faden zappeln. Ein in Sesseln versunkener Jeremy Irons im grünstichigen Ärmelschoner-Sakko, gereichten Tee unerschütterlich kalt werden lassend. Und Martina Gedeck als höchst vage oszillierender love interest: Erst muss die diskret bindungsbedürftige Autofahrerin zwecks Product Placement eifrig in einem neueren deutschen Nobelfahrzeug herumkurven; dann trägt sie mit an der Bürde eines hinzuerfundenen offenen Schlusses, der das Universum Mercier’scher Eventualitäten vollends missversteht. Da lockt nur mehr die Flucht aus der Lichtspielstätte, um das so viel hellere Buch gleich noch einmal zu lesen.

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
    • Supi
    • 07. März 2013 15:48 Uhr

    "Da lockt nur mehr die Flucht aus der Lichtspielstätte, um das so viel hellere Buch gleich noch einmal zu lesen."

    Besser: Meiden Sie den Film gleich, sonst wird das Buch verdorben.

    War eigentlich klar, dass die Verfilmung nicht gelingen kann. Voice-Over wäre eine Möglichkeit gewesen...

  1. ... kann also keine Beurteilung abgeben. Aber schlechter als der Grottenfilm „The Master" kann der „Nachtzug" gar nicht sein. Also werde ich ihn erst mal ansehen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • guntha
    • 07. März 2013 17:33 Uhr

    "Aber schlechter als der Grottenfilm 'The Master' [...]"

    "The Master" ist ein grandios toller Film - meiner Meinung nach.

  2. erlebnisse mit online geposteten clips sind immer wieder spannend, wie im falle des hier mitgeposteten clips.
    nachdem man auf einen etwa 90-sekuendigen clips, die ja eigentlich 'werbung' fuer ein produkt, einen film sind, gecklickt hat bekommt man einen 30-sekuendigen werbeclip fuer irgendein anderes produkt zu sehen, um danach eine screen-message zu erhalten der clip den man sehen wollte (und der ja auch werbung ist), kann entweder aus copyright gruenden oder aber wie hier weil 'derzeit nicht verfuegbar, versuchen sie es spaeter noch einmal' (da waere ja dann auch erst mal wieder eine andere werbung vorgeschaltet) nicht angesehen werden.

    • guntha
    • 07. März 2013 17:33 Uhr

    "Aber schlechter als der Grottenfilm 'The Master' [...]"

    "The Master" ist ein grandios toller Film - meiner Meinung nach.

    Antwort auf "Noch nix gesehen ..."
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    .. möchte ich nicht zu nahe treten. aber „The Master" ist schlicht schlecht. Schade um die guten Darsteller.

  3. .. möchte ich nicht zu nahe treten. aber „The Master" ist schlicht schlecht. Schade um die guten Darsteller.

    • chrst
    • 08. März 2013 15:14 Uhr

    Ich habe den Film trotz vorhergehender Lektüre dieser Filmkritik gesehen und war positiv überrascht!
    Vielleicht war es ein Vorteil
    - den Film in Deutsch gesehen zu haben
    - und weder das Buch noch
    - die anderen Filme des Regisseurs zu kennen?
    Jedenfalls habe ich noch nie den Fehler gemacht, zu erwarten, dass eine Verfilmung tatsächlich an eine Buchvorlage heranreichen sollte.
    Die vermutlich aus der Vorlage entnommenen Zitate und Rückblenden gingen mir sehr nahe und waren klar und verständlich. - Was man ja heutzutage nicht unbedingt von jedem Film erwarten kann.
    Auch optisch muss sich der Film, wie bereits im Artikel mit einer gewissen Häme angedeutet nicht verstecken.
    Sicherlich kann man den Tiefgang des Buches in dieser Verfilmung nur erahnen, aber ich würde ihn aber auf jeden Fall empfehlen!

    • kwist
    • 10. März 2013 0:59 Uhr

    Ich habe den Film noch nicht gesehen, aber nach drei Tagen an der Kinokasse bei "Nachtzug nach Lissabon" ergibt sich folgendes Bild:
    Die Rezensionen waren alle nicht gerade wohlwollend, aber die Besucher, und es waren viele, sind ausnahmslos begeistert! Sowohl diejenigen, die das Buch gelesen hatten, als die, die die Vorlage nicht kannten. Ich verlasse mich lieber auf das Urteil der Besucher.

    (Bei "The Master" war es übrigens umgekehrt: Super Filmbesprechungen, aber sehr enttäuschte Kinogäste. - Schade, dass sich sich die Kritiker und die Besucher selten so einig sind wie bei "Ziemlich beste Freunde")

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  • Schlagworte Film | Literaturverfilmung | Lissabon
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