Film "No Place On Earth"Überleben unter der Erde

511 Tage verbrachte eine jüdische Großfamilie während des Kriegs in einer Höhle. Die unglaubliche Geschichte ist nun verfilmt worden, leider manchmal allzu abenteuerlich. von Mareike Nieberding und Birgit Roschy

Sie kneifen die Augen zusammen. Ihre Pupillen verengen sich. Wie die Sonne sich anfühlt, hatten die Stermers fast vergessen nach 511 Tagen in absoluter Dunkelheit. Vorsichtig klettert die Familie aus ihrem Versteck, einer schlammigen Höhle tief unter grünen Wiesen. Die Russen sind da, die Nazis weg, in der Ukraine endet der Zweite Weltkrieg im Jahr 1944. Die Stermers leben. Der Abgrund hat sie gerettet.

Die kanadische Regisseurin Janet Tobias erzählt in ihrem Doku-Drama No Place on Earth – Kein Platz zum Leben die Geschichte der jüdischen Familie Stermer, die den Holocaust in einer Höhle überlebte. Der Film ist mehr Drama als Dokumentation. In sepiafarbenen Spielfilmszenen zeigt die Amerikanerin Tobias den Weg der Familie in die ukrainischen Höhlen. Wie Mutter Esther 1939 den Hof verkauft, um nach Kanada zu flüchten, und die Gestapo ihr zuvorkommt. Wie sie aus der ersten Höhle getrieben werden und sich in eine zweite retten können – noch tiefer unter den Boden. Wie die Söhne nachts Mehl und Kartoffeln aus dem Dorf klauen und die Wasserquelle langsam versiegt. Wie die Dunkelheit ihr Zuhause wird. Das ist abenteuerlich, oft unglaublich – und wäre es noch mehr, wenn Tobias auf das Hollywood in ihrem Film verzichtet hätte. Da ist der Himmel zu blau. Die Lippen zu rosé. Und immer wieder diese Streichkapelle. Als vertraue sie ihrem eigenen Stoff nicht, fährt Tobias regelmäßig die Kitschregler hoch.

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Den Rahmen zu diesem dramatisch gefilmten Kampf ums Überleben bieten Zeitzeugeninterviews mit Saul und Sam Stermer, Esthers Söhnen, und Sima und Sonia Dodyk, ihren Nichten, sowie die Kommentare des Höhlenforschers Chris Nicola, der die Geschichte der Familie entdeckte. 1993 war er zu einer Expedition in die ukrainische Priestergrotte aufgebrochen, einem Teil des weitverzweigten Höhlennetzes der Gypsum Giants. Dort fand er Alltagsgegenstände: einen Kinderschuh, einen Kamm, Knöpfe, wie hastig zurückgelassen. Die Dörfler im nahe gelegenen Korolowka reagierten recht schmallippig auf seine ständigen Fragen, ob Menschen in der Höhle gelebt hätten. "Vielleicht waren es ein paar Juden?", sagte schließlich jemand. Erst Jahre später, 2002, reagierte ein Urenkel von Esther Stermer auf eine der Suchanzeigen von Nicola und bestätigte dessen Vermutung, dass eine jüdische Familie dem Tod ausgerechnet unter der Erde entkommen war.

Am Schicksal der Stermers ließe sich die Geschichte der Ukraine des 20. Jahrhunderts erzählen: die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung und dass nur fünf Prozent ihr entkamen, die Nachkriegszeit unter den Sowjets und die Auswanderungen in die USA und Kanada. Fast siebzig Jahre nach Kriegsende sind die ukrainischen Stermers als Amerikaner zurückgekehrt und fragen: "Wo sind bloß all die Menschen?" Der Ort ist derselbe, das Land ist ein anderes. Kein Jude lebt mehr hier. Auch die Russen sind weg. Aber Europa ist noch lang nicht da. Es ist der Nachgang der Schrecken des vergangenen Jahrhunderts. In den wenigen Sequenzen, in denen es um ihn geht, weist No Place on Earth über sich hinaus.

In den vergangenen Jahren  kamen mit Alles ist erleuchtet und Unbeugsam bereits zwei Spielfilme über jüdisch-osteuropäische Schicksale während des Krieges ins Kino. In ersterem, einer Romanverfilmung, ging es um die Begegnung eines US-Nachkommens geflohener Juden mit ukrainischen Überlebenden, die ihre Identität leugneten; im zweiten um 1.200 jüdische Flüchtinge, die sich während vier Jahren in Ostpolen im Wald versteckten. Doch die Vorstellung, in einer lichtlosen Höhle lebendig begraben zu sein, ist besonders entsetzlich – und filmisch gewiss besonders schwer anschaulich zu machen. Trotzdem ist es bedauerlich, dass der Regisseurin nicht mehr einfiel als ein unstrukturierter Mix aus nachgestellten Szenen und den Aussagen betagter Talking Heads, die, im Kerzenlicht, das eben Gesehene noch einmal erzählen. Auch dass man im Nachspann in einer knappen Notiz erfährt, dass die Spielszenen nicht am Tatort, sondern irgendwo in Ungarn gedreht wurden, ärgert.

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    • Schlagworte Auswanderung | Gestapo | Kanada | Ukraine
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