Als alles vorbei ist, schüttet er ihr noch ein letztes Mal heimlich ein Glas kaltes Wasser über den Kopf, während sie unter der Dusche steht. Er zeigt ihr das leere Glas und sagt: "Mit 80 wollte ich Dir sagen, dass ich es die ganze Zeit war." Der kalte Strahl lag also nicht an der Wasserleitung.

Dinge wie diese sind der Kitt in der Ehe der Texterin Margot (Michelle Williams) und des Kochbuchautors Lou (Seth Rogen). Mit Take this Waltz hat die Kanadierin Sarah Polley ein modernes Eheporträt geschaffen und einen der kitschfreiesten Liebesfilme seit Langem. Es gibt zwar zig Filmpaare in ihren Dreißigern – aber nie hatte man so sehr das Gefühl, eine rüschenlose Version der Realität zu sehen. Die 33-jährige Regisseurin, die auch das Drehbuch geschrieben hat, zeigt die liebevollen Rituale dieses Paars so schonungslos, dass man ständig zwischen Sich-ertappt-Fühlen und Fremdschämen schwankt. Babysprache, ironische Komplimente und "Ich liebe Dich" in etwa 32 Tonfällen.

Doch irgendwann sind es eben nur noch Worte, ohne Bedeutung. Irgendwann geraten die zwei aus dem Takt, reagieren nicht mehr wie erwartet auf die Stichworte des anderen. Margot hält auf einmal ein anderes Leben für möglich. Sie verliebt sich in Daniel (Luke Kirby), den sie auf einer Recherchereise kennenlernt und der sich als ihr neuer Nachbar herausstellt. Er ist der Gegenentwurf zu Lou: Künstler, Rikschafahrer, sexy.

Michelle Williams lebt in ihrer Rolle als Margot ihre mädchenhafte, leichtfüßige Seite aus, in Karohemden, kurzen Overalls, Blumenkleidern. Weiter entfernt von ihrer Marilyn Monroe (My Week with Marilyn) kann sie gar nicht sein. Wie sie zeigt, wie ihre Figur mit ihrer Lebensentscheidung ringt, von sich selbst überrumpelt wird, sich tastend nach einer neuen Perspektive umsieht, ist überwältigend.

"Ich bin nicht gerne zwischen den Dingen", sagt Margot einmal. Und so ist sie auch dauernd unterwegs, entflieht dem Haus, in dem ihr Mann die ganze Zeit Hühnchengerichte kocht. Sie flieht in die Sommerhitze Torontos – mit Daniel. Es gibt einige Momente, die einen in ihrer Intensität umhauen, vor allem die Szene, in der sich Daniel und Margot bei Martinis gegenübersitzen. Und sich verbal verführen. Dieser Moment hat das gleiche Kult-Potential wie der gespielte Orgasmus in Harry und Sally

Schnell wird klar, dass Sarah Polley auch einen Liebesfilm über ihre Heimatstadt gedreht hat. Toronto ist zwar dauernd im Kino zu sehen, wird aber dann als L.A., New York, Washington oder Seattle ausgegeben, weil es für Hollywood billiger ist, in Kanada zu drehen. Diese Art kolonialer Ausbeutung ihrer Stadtbilder nervt die Kanadier schon lange. In Take This Waltz darf Toronto also endlich mal es selbst sein. Das typische Hochsommer-Surren und das permanente Ventilator-Gepuste sind der Soundtrack dieser Sommer-Liebesgeschichte. Mit einem permanenten Schweißfilm auf der Haut wandern Daniel und Margot durch die Szeneviertel Little Portugal und Little Italy. Sie hängen im Park Trinity Bellwoods ab, trinken Kaffee im Marktviertel Kensington Market. Und setzen mit der Fähre auf die Inseln im Ontario-See über – selbst für Einheimische ein Geheimtipp.

Toronto ist unverkennbar ein Hauptdarsteller dieses Films und Polleys Liebe zu ihrer Heimat Kanada ist schon im Titel zu erkennen: Take this Waltz ist der Titel des unwienerischsten Wiener Walzers der Welt, gesungen vom großen Melancholiker (und Kanadier) Leonard Cohen.

Take this Waltz ist erst Polleys zweite Regiearbeit nach ihrem oscarnominierten Drama An ihrer Seite. Doch in Kanada kennt sie jeder, seit sie als Kind jahrelang eine Serienrolle in einer TV-Adaption des Klassikers Anne of Green Gables hatte. Polley hat in mehreren Interviews betont, dass sie auf gar keinen Fall nach Hollywood gehen werde, um dort Filme mit größerem Budget und internationalerer Ausstrahlung zu machen. Sie wolle vielmehr dazu beitragen, Kanada und die dortigen Künstler und Filmschaffenden einem größeren Publikum bekanntzumachen. Als wegen der Finanzkrise einige Hollywoodfilme auf Eis gelegt wurden, bekam Polley ihre Chance: Michelle Williams, Seth Rogen und Sarah Silverman waren auf einmal verfügbar, sogar für einen kanadischen Independentfilm.

Das Wesen von Paarbeziehungen scheint Sarah Polleys Lebensthema zu sein. An ihrer Seite handelt von einem alten Ehepaar, Julie Christie spielt darin eine Alzheimer-Patientin. Ihre Dokumentation Stories We Tell, für den sie gerade den wichtigsten kanadischen Filmpreis bekommen hat und der als Oscarkandidat fürs 2014 gehandelt wird, erzählt die Geschichte ihrer eigenen Familie. Polley fand vor ein paar Jahren heraus, dass ihr Vater nicht ihr leiblicher Vater ist. Und dass sie das Kind eines Liebhabers ihrer Mutter ist. Take This Waltz scheint die fiktionale Interpretation dieser Entdeckung zu sein.