Thriller "The best offer"Es hitchcockt hinter geschlossenen Türen

In dem Thriller "The best offer" entwickelt ein Kunsthändler Leidenschaft für eine Agoraphobikerin. Guiseppe Tornatore schafft Suspense in kunsthistorischem Ambiente. von 

In seinem luxuriösen Apartment hoch über den Dächern der Stadt hat Virgil Oldman (Geoffrey Rush) einen Wandschrank, hinter dessen Schiebetüren sich eine mehrere Regalmeter umfassende Sammlung von Handschuhen befindet. Der Auktionator und angesehene Kunstexperte meidet den direkten Hautkontakt zu Türklinken, Telefonen, Besteck. Und zu seinen Mitmenschen. Virgil ist ein Einzelgänger und der unangefochtene Alleinherrscher über einen Antiquitäten- und Kunsthandel, der Millionenbeträge umsetzt. Seine Expertisen sind in der Branche Gesetz. Zu dem umfangreichen kunsthistorischen Wissen gesellt sich die Leidenschaft eines gewieften Geschäftsmannes sowie die Intuition eines Schatzsuchers, der unter einem schwarz verschimmelten Brett ein kostbares Gemälde erspüren kann. Seine Auktionen gleichen Orchesterkonzerten, während derer er wie ein Dirigent den Bietern die Gebote entlockt.

Frauenporträts sind die heimliche Leidenschaft des Kunstsammlers Virgil (links: Sylivia Hoeks).

Frauenporträts sind die heimliche Leidenschaft des Kunstsammlers Virgil (links: Sylivia Hoeks).  |  © 2012 Warner Bros. Ent.

Die Werke jedoch, die er am meisten liebt, lässt er von einem Strohmann für sich selbst ersteigern. Hinter dem Handschuhschrank befindet sich ein mit dicken Stahltüren gesicherter Raum, in dem an die hundert Frauenporträts aus allen Epochen an den Wänden hängen. In einer schwindelerregenden Fahrt lässt der Regisseur Guiseppe Tornatore die Kamera langsam über die Gemälde gleiten. Es ist ein magischer Moment, der einen Platz im filmischen Gedächtnis verdient, denn die Gemälde sind so angebracht, dass die Frauen einen direkt anschauen. Den Blick einer Frau erträgt Virgil nur, so scheint es, wenn er sich ihm wieder entziehen kann.

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Im wirklichen Leben bleibt Virgil zum anderen Geschlecht auf Distanz. Bis sich eine Kundin (Sylvia Hoeks) bei ihm meldet, die einen wertvollen Nachlass an Möbeln und Gemälden versteigern lassen will. Mehrfach versetzt sie den Kunstexperten in der weitläufigen Villa und erst nach einiger Zeit entdeckt Virgil, dass die Frau in einem abgeschlossenen Trakt lebt, den sie seit Jahren nicht mehr verlassen hat. Sie leidet unter einer schweren Agoraphobie. Der Fall beginnt den Mann zu interessieren, und langsam entwickelt sich in den Gesprächen und Verhandlungen durch eine geschlossene Tür hindurch eine Beziehung, die in Virgil unbekannte Leidenschaften weckt.

Nach dem internationalen Erfolg von Cinema Paradiso übte sich der italienische Regisseur Giuseppe Tornatore mit Werken wie Der Zauber der Malèna (2000) hauptsächlich in kunstgewerblichem Kitsch, entwickelte aber gleichzeitig in Filmen wie Eine reine Formalität (1994) und zuletzt Die Unschuldige (2006) ein Faible für Suspense. Auch in seinem neuen Film The Best Offer hitchcockt es gewaltig. Der intelligente Thriller überzeugt vor allem durch seine komplexe Plotkonstruktion und die atmosphärische Dichte des stilvollen Settings, in dem die Kunstgeschichte kräftig mitatmen darf. Geoffrey Rush legt seine Figur, die das Publikum fest bei der Hand nimmt, keineswegs als Sympathieträger an. Es ist eher seine gut dosierte Exzentrik, die hier die notwendigen Bindungskräfte entwickelt. Rush als feiner Schauspieler wie damals als Sprachtherapeut Lionel Logue in The King's Speech, nicht als Rampensau wie in viermal Fluch der Karibik.

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Ein wenig hinderlich für die Glaubwürdigkeit der sorgfältig gedrechselten Geschichte ist lediglich der Altersunterschied zwischen dem längst ergrauenden Auktionator und der jungen Agoraphobikerin. Hier werden Zweifel gesät, ohne die sich die Story noch wirkungsvoller hätte entfalten könnte.

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Leserkommentare
    • Mari o
    • 18. März 2013 17:07 Uhr

    lassen sich Psychosen gut vermarkten.alter reicher Mann und junges Ding geht immer.Beispiel: Sky Dumont .Upperclass sex sells.
    Agoraphobie in weniger stilvoller Atmossphäre wäre dagegen nur was für´s trash-tv .

    http://www.spiegel.de/panorama/zweijaehrige-sitzung-frau-mit-toilette-ve...

  1. "Es ist ein magischer Moment, der einen Platz im filmischen Gedächtnis verdient, denn die Gemälde sind so angebracht, dass die Frauen einen direkt anschauen."

    Ich habe die Filmszene nicht gesehen, aber die gebotene Erklärung scheint mir zweifelhaft.

    Man hört ähnliches auch immer wieder bei Schlossführungen. "Egal wo sie stehen, das Porträt blickt Sie an!"

    Typischerweise bewegen sich bei Ölgemälden nicht die Pupillen. Die Blickrichtung verändert sich deswegen auch nicht durch die Hängung. Man kann aber ein Porträt so malen, dass der Blick auf den Betrachter gerichtet ist, wenn er vor dem Bild steht. Da ist kein Zaubertrick, dafür muss man kein Malgenie sein.

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    ..., denn es geht nicht darum, wie die Gemälde gemalt wurden. Es geht um deren Inszenierung mit der Kamera, und es ist tatsächlich ein sehr erhabener Moment. Insgesamt ist dieser Film hervorragend vom Regisseur inszeniert worden, allein schon deswegen ragt er aus dem Filmeinerlei heraus und sollte angesehen werden.

  2. ..., denn es geht nicht darum, wie die Gemälde gemalt wurden. Es geht um deren Inszenierung mit der Kamera, und es ist tatsächlich ein sehr erhabener Moment. Insgesamt ist dieser Film hervorragend vom Regisseur inszeniert worden, allein schon deswegen ragt er aus dem Filmeinerlei heraus und sollte angesehen werden.

  3. Tolle Schauspieler und Szenerie – aber doch sehr langatmig! Nach fünf Minuten erahnt man schon den Ausgang und ist nur noch von Kleinigkeiten überrascht. Der Artikel oben - erinnert mich eher an den Pressetext…

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    Tatsächlich? Ich sehe das ganz anders und auch andere Zuschauer, die ich auf der Berlinale gesprochen habe, fanden das Ende nicht wirklich vorhersehbar. Natürlich folgt so ein Film Genrekonventionen, aber der Regisseur spielt sehr elegant mit offenen Fäden und lässt den Zuschauer, der sich auf den Film einlässt, etwa darüber Nachdenken, ob und wieviel Liebe wirklich im Spiel war etc. Ich kenne kaum einen Film, der so elegant mit diesen Unsicherheiten und Offenheiten im Plot spielt. Gab deshalb auch schöne Diskussionen, ob es am Ende nicht doch ein relativ romantisches Ende ist ...

  4. Tatsächlich? Ich sehe das ganz anders und auch andere Zuschauer, die ich auf der Berlinale gesprochen habe, fanden das Ende nicht wirklich vorhersehbar. Natürlich folgt so ein Film Genrekonventionen, aber der Regisseur spielt sehr elegant mit offenen Fäden und lässt den Zuschauer, der sich auf den Film einlässt, etwa darüber Nachdenken, ob und wieviel Liebe wirklich im Spiel war etc. Ich kenne kaum einen Film, der so elegant mit diesen Unsicherheiten und Offenheiten im Plot spielt. Gab deshalb auch schöne Diskussionen, ob es am Ende nicht doch ein relativ romantisches Ende ist ...

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Kunsthandel
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