TV-Mehrteiler "Unsere Mütter, unsere Väter"Eine Lektion, die es im Fernsehen noch nicht gab

Der ZDF-Dreiteiler "Unsere Mütter, unsere Väter" gewährt dem Zuschauer kein Zurücklehnen und kein Happy-End. Er zeigt vielmehr, dass es im Krieg keine Helden gibt. von Bernhard Schulz

Mit dem Studium in Freiburg wird es nun nichts mehr. Der junge Mann stirbt, getroffen von einem sibirischen Scharfschützen, "die schießen auf 300 Meter ein Loch in ein Markstück". Eben gehört, und sogleich geschehen. Maschinengewehrsalven streichen über die Schützengräben, eine Panzerfaust fliegt mitten ins Bild, am Brunnen explodiert eine versteckte Mine, es wird reihenweise gestorben. Kleinste Unaufmerksamkeiten haben tödliche Folgen, in Sekundenbruchteilen, man scheut sich zu sagen: banal.

Aber banal sind diese Tode, gewöhnlich, weil alle sich daran gewöhnt haben, dass sie sich ereignen, zu jeder Stunde, überall, und das ist beinahe schlimmer noch als zu sagen, diese Tode seien sinnlos. Sinnlos sind sie gewiss, so sinnlos wie der Versuch, eine Telegrafenstation "zu besetzen und zu halten", wie der Befehl lautet, der aufgehoben wird, als nur noch zwei oder drei Kameraden überlebt haben. Diese 270 Minuten des ZDF-Dreiteilers Unsere Mütter, unsere Väter, dessen dritter Teil heute Abend auf dem Programm steht, sind eine Lektion, wie es sie im Fernsehen wohl noch nicht gegeben hat, im Kino vielleicht, man denke an Bernhard Wickis Antikriegsfilm Die Brücke von 1959.

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Die Lektion ist, dass es im Krieg keine Helden gibt, auch nicht solche von der Art der glücklichen Nachgeborenen, die sich moralisch erhaben dünken über die, die damals dabei waren und mitmachen mussten, auf welche Weise auch immer. Denn mitmachen, das lehrt dieser Film, mussten alle, so wie Friedhelm Winter, der jüngere der beiden Brüder, die in den Krieg ziehen, der anfangs ein Totalverweigerer ist, als Feigling von den Kameraden verachtet, und der lernt, sein Leben zu bewahren, indem er schneller schießt als der Feind. "Der Krieg bringt das Schlechteste in uns hervor", sagt Friedhelm 1941, kurz vor Beginn des "Unternehmens Barbarossa", und 1943 muss ihm sein Bruder, der schneidige Oberleutnant Wilhelm Winter, beipflichten: "Du hattest recht." Da lebten die Männer seiner Einheit schon nicht mehr.

Dieser Film erteilt seine Lektion aus der Perspektive der jungen Leute, die in den Krieg geworfen werden, und er tut das in etlichen Szenen von der Front auch ganz wörtlich: indem er seine Protagonisten durch undurchdringliche Sümpfe schickt, durch Maisfelder, durch Wälder ohne Weg und Steg. Sie sehen buchstäblich nichts, die Soldaten, sie sind auf sich gestellt und müssen in jeder Sekunde mit einem Tod rechnen, der, wie die Mine im Sumpfwasser, womöglich schon unter ihren Füßen lauert. Das macht diesen Film so besonders, dass er dem Zuschauer keinen erhöhten Standpunkt bietet, kein Vorher-Wissen, wie es ausgehen wird, und schon gar keine Erwartung auf ein Happy-End. Im Film weiß keiner, was als Nächstes passiert. Woher auch!

Und das genau ist die Perspektive, die eine nun auch schon ältere Generation aus den Berichten ihrer Eltern kennt, aus knappen Bemerkungen, Lebensklugheiten, sei es von der Ostfront oder aus den Luftschutzkellern des Bombenkrieges. In dem Dreiteiler gewinnen diese Worte ihren visuellen Ausdruck, sie werden zu Bildern, die sich ins Gedächtnis einprägen werden, als Synonyme für "Krieg". Das ist eine große Leistung, schauspielerisch und filmtechnisch sowieso. Das Wichtigste aber ist, dass wir, die Zuschauer, jetzt eine Sprache bekommen, in der wir sprechen können über das, was zumeist unaussprechlich schien; wir, die wir das unendliche Glück haben, damals nicht dabei gewesen zu sein.

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
  1. Ich habe 2 Teile gesehen - und wußte auch schon vorher um die Grausamkeit des Krieges.

    Es freut mich, daß diese Erkenntnis auch bis zur "Zeit" durchdringt, aber ich frage mich:

    Warum plädiert die Zeit dann ständig in ihren Artikeln (z.B. Syrien/Lybien/Mali) für Krieg, Intervention, Waffenlieferungen - oder gibt Terroristen eine Plattform?

    Wie paßt es zusammen den Krieg bei "Unsere Mütter unsere Väter" schonungslos zu "entmystifizieren", aber in der heutigen Zeit ihn als "Allheilmittel" der "westlichen Wertegemeindschaft" zu preisen?

    Quelle? - die Artikel der Zeit aus den letzten 2 Jahren.

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    In Zeiten in denen das Konzept "Verantwortung" längst völlig verloren gegangen ist und "Krieg" das Allheilmittel unserer westlichen Welt darstellt wüsste ich ebenfalls nicht was für Erfahrungen/Werte/Verständnis man aus dieser Serie ziehen sollte.

    Ich kann mich nicht entsinnen, jemals einen Artikel in der "Zeit" gelesen zu habe in dem Krieg als Allheilmittel dargestellt wurde. Diesen Vorwurf müssten Sie schon genauer belegen.

    "Unsere Mütter, unsere Väter" ist ein hervorragender Film, aber ein Argument dafür, dass jeder Krieg unter allen Umständen zu vermeiden ist, stellt er nicht dar. Die Bewohner Timbuktus werden ihre eigene Meinung zu diesem Thema haben und Tausende von KZ - Insassen haben den Krieg allein deshalb überlebt weil die USA bereit waren in eben diesen Krieg zu ziehen.

    Es gibt zur Frage: 'Krieg ja oder nein' eben keine allgemeingültige Antwort. Ein "Nein" kann in einem Fall zwingend sein (z.B Irakkrieg), in einem anderen erfüllt es den Tatbestand der unterlassenden Hilfeleistung (Ruanda).

    ...wie eben auch das von Herrn Hitler.....die geben nur ungern freiwillig auf.

    Und wenn ich mich recht entsinne, war ein nicht ganz unbeträchtlicher Teil der deutschen Bevölkerung doch froh, als es '45 von diesem Regime befreit wurde.
    So entsetzlich es auch sein mag - ohne kriegerische Handlungen kaum zu schaffen.

    Bei den genannten Ereignissen war/ist der Krieg bereits in vollem Gang. Wenn ein Krieg da ist dann muss er wenn möglich so schnell wie möglich beendet werden. Ohne Intervention hätte Gaddafi noch Jahrelang durchgehalten und vermutlich seine Drohung Benghazi mit Luftwaffe, Artillerie und Söldnern dem Erdboden gleich zu machen auch wahr gemacht.

    Ohne den Eintritt der USA und der Invasion in der Normandie hätte auch damals das Gemetzel noch Jahre weiter gehen können. Das ist schlicht Pragmatismus.

    So lange der Diktator in Libyen oder Assad ihre Länder noch unter Kontrolle hatte, wenn auch durch Diktatur und Terror haben sich auch alle raus gehalten, sogar kooperiert. Aber irgendwann ist Punkt erreicht wo es kein zurück mehr gibt. Wo nur noch die Wahl besteht jahrelang einem Gemetzel zuzusehen oder einer Seite zu einem möglichst schnellen Sieg zu verhelfen.

  2. Hat leider irgendwie das Problem das so ziemlich jede Produktion auf den öffentlich Zwangsabgabe Sendern hat,
    die Darsteller spielen als ob sie auf einer Theater Bühne stehen,
    das macht so ziemlich jeden Film zunichte...keine Minute hat man das Gefühl es wäre kein Schauspieler auf dem Schirm, einige der "Schicksalsschläge" sind so übertrieben theatralisch gespielt das man schon rein reflexartig umschaltet.

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    Es werden in Deutschland keine wirklich guten Filme mehr Produziert.
    Wir werden nur noch mit Schicksalsschlägen unter den schlimmsten möglichen Umständen gefüttert und nie wird der mahnende Zeigefinger vergessen der uns an unsere Vergangenheit erinnern soll .
    Patrioten die das Land lieben oder Stolz sind ,
    gibt es nur in ausländischen Filmen

    Kann Ihnen nur empfehlen, einen Teil der Produkte, die von Ihrem (und auch meinem) vom Propagandaministerium requirierten Anteil zusammengedoktert werden, einfach NICHT anzusehen.
    Macht man ja so: von Gekauftem alles oder einen Teil gleich ungesehen wegwerfen.

    Aber vielleicht hat Freund Koba (# 1) doch recht.

    Ich habe mich bisher kaum getraut etwas über den Film zu äußern, weil alle ihn sich ansehen und sich so positiv äußern. Mein Empfinden über den Film ist eindeutig, länger als 10 Minuten hält man den Film nicht aus. Dieser Mehrteiler scheint für diejenigen interessant zu sein, die sich noch nie mit dem 2. Weltkrieg auseinandergesetzt haben.
    Schade, Schade, dabei ist es sicherlich ein interessantes Thema.
    Auch die Nachkriegszeit bis in die 70er Jahre könnte man wunderbar bildhaft darstellen, als die Nazis Deutschland wieder aufgebaut haben. Jeder Behördenleiter hatte ein Parteibuch der NSDAP in der Tasche, wenn man im Beamtenapparat der BRD was werden wollte, war man gezwungen, mit den ehemaligen Wölfen zu heulen. Mir fallen auf den Schlag zwei Bundeskanzler ein, die Mitglied der NSDAP waren, aber darübert darf man nichtr reden. da wird schön geschwiegen oder man bekommt auf die Finger.

    Habe es ebenso empfunden und bin nun froh hier zu lesen, dass ich mit meiner Meinung doch nicht ganz allein dastehe . Ziemlich überzogenes Schauspiel, wenig glaubwürdig. Schade.

  3. Verrohung, bittere Armut, Dreck, Leid, Verzweiflung und Gewöhnung bedeuten, ist eine Binsenweisheit.

    Wichtiger fände ich zu erörtern, wie , von wem und in welchem Interesse ganze Gesellschaften dahinein getrieben werden. Kriege werden nicht ausgewürfelt, sie dienen einer Minderheit, die es versteht, ihre Interessen mittels Medienmacht zu denen der Allgemeinheitheit zu machen.

    Schau ich mir die heutigen politischen Entwicklungen an, dann braucht es solche Dreiteiler nicht mehr, um Geschichtsunterricht von einst zu verstehen, um Paralellen zu erkennen.

    13 Leserempfehlungen
  4. In Zeiten in denen das Konzept "Verantwortung" längst völlig verloren gegangen ist und "Krieg" das Allheilmittel unserer westlichen Welt darstellt wüsste ich ebenfalls nicht was für Erfahrungen/Werte/Verständnis man aus dieser Serie ziehen sollte.

    5 Leserempfehlungen
  5. ... die ich im Fernsehen sehen konnte. Die SchauspielerInnen sind hervorragend - Gratulation.
    Die Dynamik der Euphorie, Ernüchterung, Angst ohne Ende und Brutalität wurde selten so gut den ZuseherInnen nahe gebracht. Keineswegs zu theatralisch.

    7 Leserempfehlungen
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    <<< Die beste Filmproduktion seit langem ...
    ... die ich im Fernsehen sehen konnte. Die SchauspielerInnen sind hervorragend - Gratulation. <<<

    Zum Jubiläumsjahr des Irakeinmarsches würde Ihnen noch die absolut hervorragende BBC-Serie "Occupation" empfehlen.

    • Wyrd
    • 20. März 2013 10:49 Uhr

    Es gilt nur die Weisheit: "One man's terrorist is another man's hero"

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    diesen Spruch nicht in Deutsch?

    "One man's terrorist is another man's hero" ist eigentlich nur in seiner englischen Fassung als Sprichwort verbreitet, auch wenn eine deutsche Übersetzung "Des einen Terrorist ist des anderen Held" recht eingängig klingt.

  6. Fünf Berliner Freunde von denen sich vier wie zufällig wieder an der Ostfront begegnen:

    Eine Krankenschwester, eine Diva sowie zwei Soldatenbrüder, die noch im ersten russischen Kriegswinter Zeit und Kraft hatten sich im Schnee zu balgen. Unglaubwürdig.

    Gerade dem Schauspieler des jüngeren Bruders nehme ich seine Rolle nicht ab und sehe immer einen Akteur, der versucht einen Soldaten darzustellen.

    Wer aus einer solchen TV-Produktion Lektionen über diese Zeit ziehen kann, der hat sich noch nie bewusst mit dem Zweiten Weltkrieg beschäftigt.

    Der Artikel im genannte Film „Die Brücke“ aus dem Jahre 1959 gilt heute noch gemeinhin als Meisterwerk. „Unsere Mütter, unsere Väter“ wird bald vergessen sein.
    .

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    • gorgo
    • 20. März 2013 11:12 Uhr

    "Der Artikel im genannte Film „Die Brücke“ aus dem Jahre 1959 gilt heute noch gemeinhin als Meisterwerk. „Unsere Mütter, unsere Väter“ wird bald vergessen sein." _ Ich bin mir nicht so sicher - es ist auch in meinen Augen kein wirklich toller Film.
    Allerdings weiß jeder, dass hier eine Realität dargestellt wird, die ein Film sowieso nie einholen kann. Ich höre von Leuten, die damals Kinder und Jugendliche waren - nicht selbst Soldaten - dass sie diesen Film sehr sehr wichtig finden: Damit sich keiner Illusionen über das Grausame des Krieges. Für diese Leute ist die Verbindung zu heutigen Kriegen nah - die Parallele wird gezogen und man fühlr auch für eine afghanische Zivilistin. Ich hatte auch die Kritik, das vieles konstruiert wirkt, letztlich die Grausamkeit immer noch beschönigt dargestellt wird - einige Sekunden Blut, unglaubliche Sauberkeit, Sandsäcke wie aus dem Baumarkt gekauft...
    Trotzdem: Wenn der Film dazu führt, dass die Erfahrungen mit der Grausamkeit und Sinnlosigkeit von Krieg ansatzweise aussprechbar und vermittelbar werden, dann ist das ein Film, der zigmal wichtiger ist, alles tausend andere.

    "Gerade dem Schauspieler des jüngeren Bruders nehme ich seine Rolle nicht ab und sehe immer einen Akteur, der versucht einen Soldaten darzustellen."

    Vielleicht ist es ja genau das? Vielleicht ist er nur Akteur in einem Krieg, den er nicht versteht, den er nicht wollten, in dem er aber dennnoch gefangen ist als "Soldat". Soldat wider Willen - Wie sollte denn jemand für Sie aussehen, der genau das ist?

    Man muss kein Tom Schilling-Fan sein, bin ich auch nicht, aber gerade dem Kerl nehme ich ab was er spielt. Nämlich einen jungen Mann, der mit seinem Leben andere Dinge vorhatte als sinnlos zu morden und zu verohen. Der von Anfang an erkannte, dass Krieg sinnlos ist, der gezwungen wird etwas zu sein, was er nicht ist, für etwas zu kämpfen, dessen Sinn er nicht sieht.

    Lieber so was als peinliche Hollywood-Streifen.

  7. dass Krieg brutal ist und keine Helden hat, musste ich nicht mit der Erkenntnis warten, heilfroh sein zu können, nicht dabei gewesen zu sein.
    Und dass die Zuschauer jetzt erst darüber sprechen können, dass wäre doch, selbst wenn es stimmen würde, ziemlich egal. Es wird ohnehin zu viel gesprochen über Sachen, die man (oft zum Glück) gar nicht kennt.

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  • Schlagworte Film | Brücke | Gedächtnis | Kino | Krieg | Mine
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