Zum 50. Todestag Joseph Conrads rechnete Chinua Achebe mit dessen berühmtester Erzählung Herz der Finsternis (1899) ab. In seiner Rede An Image of Africa (1975) nannte er Conrad einen Rassisten und löste damit eine kritische Auseinandersetzung mit dem Werk des kanonischen Autors aus, mit dem Bild Afrikas in der modernen, europäischen Literatur und mit der Verantwortung des Schriftstellers für sein Werk schlechthin.

Diesen hohen Anspruch stellte der nigerianische Schriftsteller, Dichter, Kritiker und Professor für Afrikastudien auch an sich selbst. Und wurde gerade deshalb von anderen afrikanischen Autoren kritisiert. Nicht zuletzt, weil er es, im Gegensatz zu seinem kenianischen Zeitgenossen Ngũgĩ wa Thiong'o, vorzog in englischer Sprache zu schreiben.

Als einer der wichtigsten Autoren des 20. Jahrhunderts, vielleicht der wichtigste Afrikas, galt Achebe als Nelson Mandela der Literatur. Mandela selbst hatte ihn einen Schriftsteller genannt, in dessen Beisein Gefängnismauern einstürzten. Achebe hätte Afrika dem Rest der Welt nahe gebracht. Sein zentraler Roman Things Fall Apart (1958; auf deutsch Okonkwo oder Das Alte stürzt) ist der meistgelesene Roman Afrikas.

Seine Stellung als Vorreiter postkolonialer Literatur nahm Achebe allerdings erst 30 Jahre später ein, als Ende der 1980er Jahren der weiße Kanon um Literatur aus Asien, Amerika und Afrika erweitert wurde. Es begann die Suche nach dem ersten afrikanischen, dem ersten nigerianischen, dem ersten englischsprachigen Roman außerhalb des Britischen Empires. Things Fall Apart wurde über 10 Millionen Mal verkauft und in über 50 Sprachen übersetzt.

Keine Exotisierung einer präkolonialen Idylle

Der Bildungsroman erzählt den Aufstieg und Fall von Okonkwo und seines Stammes Umuofia im Nigeria des 19. Jahrhunderts. Achebe zeichnet in drei Teilen die Kindheit und Jugend Okonkwos nach, sein Exil und die Ankunft des weißen Mannes und schließlich die Konversion zum Christentum und seinen Selbstmord. Die realistische Erzählweise eröffnet dem Leser eine stellenweise fast landeskundliche Sicht auf die Geschehnisse. Es ist kein einfacher Verriss der Kolonialmacht, keine Exotisierung einer präkolonialen Idylle, sondern ein komplexes Bild eines Mannes, einer durchaus problematischen und dadurch höchst spannenden Figur.

Achebe wurde 1930 im Südosten Nigerias als Sohn evangelikaler Christen geboren und auf den Namen Albert Chinualumogu Achebe getauft. Er studierte Englisch, Geschichte und Theologie an Nigerias ältester Hochschule, der heutigen University of Ibadan. Er wurde Lehrer und später Radiomoderator für den Nigerian Broadcasting Service in Lagos.